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StartseiteInterviewRabbiner fordert Dialog mit muslimischen Geistlichen03.04.2018

Antisemitismus in EuropaRabbiner fordert Dialog mit muslimischen Geistlichen

Wie kann der muslimische Antisemitismus in Europa bekämpft werden? Durch Integration, Erziehung - und Dialog, sagte der Vorsitzende der Europäischen Rabbinerkonferenz, Pinchas Goldschmidt im Dlf. Er betonte gleichzeitig, dass Antisemitismus kein rein muslimisches Problem sei.

Pinchas Goldschmidt im Gespräch mit Christine Heuer

Der Vorsitzende der Europäischen Rabbinerkonferenz, Pinchas Goldschmidt (imago stock&people)
Der Vorsitzende der Europäischen Rabbinerkonferenz, Pinchas Goldschmidt (imago stock&people)
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Christine Heuer: In Frankreich wird eine 85-jährige Holocaust-Überlebende ermordet. Die Ermittler gehen von einem antisemitischen Motiv aus. In Deutschland wird eine jüdische Grundschülerin von muslimischen Mitschülern angegriffen, weil sie, Zitat der Angreifer, "nicht an Allah glaubt". Das Kind wird sogar mit dem Tode bedroht. Zwei Fälle von Antisemitismus allein aus der jüngsten Zeit und auch nur die Spitze des Eisbergs, so warnen jedenfalls Forscher und jüdische Verbände. Unter der Oberfläche gärt es schon lange, immer öfter werden Antisemiten jetzt aber auch handgreiflich. Pöbeleien gegen Juden gehören vielerorts längst zum Alltag. Über die Lage in Deutschland vor allem möchte ich jetzt mit Pinchas Goldschmidt sprechen. Er ist Vorsitzender der Europäischen Rabbiner-Konferenz. Er stammt aus der Schweiz und wir erreichen ihn in Moskau, denn dort ist er Oberrabbiner. Guten Morgen, Herr Goldschmidt.

Pinchas Goldschmidt: Guten Morgen!

Heuer: Der Antisemitismus nimmt zu, und er wird wieder offensichtlich. Haben Juden in Europa Angst?

Goldschmidt: Die Antwort ist Ja. Das Problem existiert, der Antisemitismus existiert auch auf verschiedenen Ebenen. Auf der extremen Rechten wie auch der extremen Linken und wie auch bei der Bevölkerung, die auch zum Teil Emigranten aus dem Nahen Osten sind.

"Das Problem existiert überall"

Heuer: In Frankreich ist der Antisemitismus ja besonders offensichtlich. Ist das dann doch noch einmal eine Ausnahme in Europa?

Goldschmidt: Wenn wir von Frankreich sprechen, reden wir ja von den größten Attentaten gegen die jüdische Bevölkerung. Wir sprechen von einem Attentat vor ungefähr sechs Jahren in Toulouse gegen eine jüdische Schule, und dann in Paris, "Charlie Hebdo", die zweite Attacke gegen den jüdischen Hypermarché, den koscheren Supermarkt, und auch gegen Chalimid, das war ein Junge, der wurde durch andere junge Migranten getötet. Und jetzt diese letzte schreckliche Geschichte mit dieser Holocaust-Überlebenden, die vor einer Woche ermordet wurde.

Heuer: Also das ist doch noch mal anders als in Deutschland? Oder drohen uns auch solche Verhältnisse?

Goldschmidt: Ich glaube, das Problem existiert überall. Das Problem ist vielleicht in Frankreich größer. Letztens, ich sagte ja, das Jahr 2017, war ziemlich ruhig. Wir hofften, dass dieses neue Jahr 2018 auch ruhig würde. Die Sicherheitsbehörden in allen europäischen Staaten, in der Europäischen Union, haben viel zusammengearbeitet, diesen eigenen europäischen Terrorismus zu bekämpfen. Aber es ist doch sehr schwer, einzelne Menschen die nicht zu einer Gruppe oder Terrorgruppe wie ISIS gehören, zu stoppen.

"Wir haben das Problem auch von den extremen Rechten"

Heuer: Trägt Antisemitismus heute ein muslimisches Gesicht? Ist das jedenfalls das Gesicht, das wir am deutlichsten erkennen?

Goldschmidt: Nicht nur. Die, die sagen, dass es nur von dort kommt, das stimmt nicht. Wir haben das Problem auch von den extremen Rechten, wir haben auch Holocaust-Leugner innerhalb der AfD in Deutschland. Wir haben auch einen gewissen Antisemitismus in der extremen Rechten in Frankreich wie auch in Österreich. Das Problem existiert an den extremen Flügeln der Politik wie auch bei den Migranten, die das mitgebracht haben.

Heuer: Aber Herr Goldschmidt, immerhin hatten wir in Deutschland jahrzehntelang keine körperlichen Übergriffe gegen Juden. Die gibt es inzwischen. Es scheint ja Normalität zu sein, dass jüdische Schüler bedroht werden, auch mit dem Tode bedroht werden. Da hat sich doch schon etwas verändert in den letzten Jahren, vielleicht eben auch durch mehr Muslime in Deutschland.

Goldschmidt: Das Problem ist in den Schulen, dass die Erwachsenen oder die Lehrer nicht immer wissen, was sich zwischen den Schülern tut. Und hier muss man viel mehr aufpassen, und ich glaube, das Schulwesen in Deutschland muss innerhalb der Schulen wirklich wissen, was sich unter den Schülern tut. Das Problem ist, dass die Schüler mit sich von zu Hause, aus der Küche, diesen Antisemitismus mitbringen. Und das muss gestoppt werden durch Erziehung, durch Integration.

Heuer: Ja, aber kann man das den Schulen sozusagen – also wie soll ich das, also oktroyieren? Weil da sind die Lehrer ja auch nicht, haben die nicht besonders viel Einfluss. Sie sagen es ja selbst, das passiert am Küchentisch, das sind die Eltern. Wie kommt man denn an die Eltern ran?

Goldschmidt: Die Frage ist nur, wie man an die Eltern rankommt. Auch an die Schülerinnen und Schüler kommt man ran durch die Schulen, durch die Lehrer. Man könnte Programme in der Schule führen, dass das Zusammenleben, für die Pluralität – das sollte ein Teil der Fächer werden, die obligatorisch sind. Was mit den Eltern zu tun hat, da haben die geistigen Führer der Glaubensgemeinde sehr viel Einfluss. Und ich glaube immer daran, dass man an diesen Dialog mit den muslimischen Geistlichen fortsetzen muss. Es ist extrem wichtig, was in den Moscheen wie auch in anderen Gotteshäusern gepredigt wird. Wir zum Beispiel, die Europäische Rabbinerkonferenz, wir haben seit drei Jahren diesen MJLC, den Muslim-Jewish Leadership Council, mit sieben Imamen und sieben Rabbinern aus Europa. Und wir haben diesen Dialog angefangen und weitergebracht.

Drei Vorschläge für Kampf gegen Radikalisierung

Heuer: Aber das ist ja – das ist bestimmt eine gute Sache, Herr Goldschmidt, aber wir erleben ja, dass Staaten zum Beispiel wie die Türkei Islamverbände hierzulande finanzieren, dass die Prediger schicken, die nicht mal Deutsch sprechen, und wir hören, dass diese Prediger in den Moscheen dann alles andere als friedlich auftreten. Mit solchen Menschen kann man ja wahrscheinlich nicht reden. Muss das verboten werden?

Goldschmidt: Nach "Charlie Hebdo" und dieser grausamen Attacke in Paris hat die Europäische Rabbinerkonferenz ein Manifest geschrieben in Davos, das 2013 verbreitet wurde. Wir sprechen von drei verschiedenen Ideen, um diesen religiösen Fanatismus zu bekämpfen. Erstens, und das haben Sie jetzt selbst gesagt, die geistliche Führung muss in europäischen Ländern ausgebildet werden, und falls nicht in Europa, dann soll es in einem Institut oder soll es gebildet werden, wo es durch eine europäische Instanz zertifiziert ist, dass es nicht zum Radikalismus neigt. Das ist Nummer eins. Nummer zwei ist, dass Spendengelder aus Quellen kommt, die nicht den Radikalismus befördern, also die ganze Transparenz mit den Spenden. Und Nummer drei: Es soll in jeder Glaubensgemeinde ein Mitglied geben, der nachsieht, dass die traditionellen Texte nicht manipuliert werden, um diesen Radikalismus oder Terrorismus zu befördern.

Heuer: Herr Goldschmidt, ich hab von diesem Manifest gelesen. Sie haben jetzt gerade den Hörern auch noch mal gesagt, was da drin steht. Und ich weiß, Sie haben das Manifest an die europäischen Innenminister verschickt. Deutschland, wenn ich es richtig verstanden habe, hat nicht darauf reagiert. Werden wir unserer Verantwortung da eigentlich gerecht?

Goldschmidt: Wir hatten Antworten von ungefähr 20 Prozent der Länder. Zwei europäische Länder haben zwei von unseren Ideen aufgegriffen, Österreich und Frankreich. Und ich glaube, die Zeit ist gekommen, dass auch andere Länder diese Ideen seriös nehmen werden.

Heuer: Wie enttäuscht sind Sie, dass das bisher noch nicht passiert ist?

Goldschmidt: Ich glaube, dass wir nicht von den Enttäuschungen der Vergangenheit sprechen sollten, sondern von der Zukunft. Und ich glaube, dass jetzt mit einer neuen Regierung in Deutschland die Zeit gekommen ist und zu sehen ist, dass dieser Radikalismus, der nicht nur eine Gefahr für die jüdische Gemeinde ist, sondern für ganz Europa, jetzt gestoppt wird.

Heuer: Pinchas Goldschmidt, Vorsitzender der Europäischen Rabbinerkonferenz, auch Oberrabbiner in Moskau. Dort haben wir ihn erreicht. Herr Goldschmidt, haben Sie Dank für das Gespräch!

Goldschmidt: Ich danke Ihnen sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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