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StartseiteKommentare und Themen der WocheTäter in die Schranken weisen09.10.2021

AntisemitismusTäter in die Schranken weisen

Antisemitismus in Deutschland sei nicht neu oder "wieder da", er werde zuletzt jedoch häufiger thematisiert, kommentiert Gerald Beyrodt. Das Land müsse lernen, dass es doch nicht so weltoffen, liberal und tolerant sei, wie es gerne von sich denke.

Ein Kommentar von Gerald Beyrodt

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Ein Demonstrant trägt die Fahne Israels über den Schultern. Nach Antisemitismus-Vorwürfen haben sich am Abend Hunderte Menschen vor dem «Westin Hotel» Leipzig versammelt, um Solidarität mit dem Musiker Gil Ofarim und Jüdinnen und Juden in Deutschland zu zeigen. Ofarim war am Montag nach eigenen Angaben Opfer eines antisemitischen Vorfalls in dem Leipziger Hotel geworden. Ein Mitarbeiter des «Westin Leipzig» habe ihn am Empfang aufgefordert, seinen Davidstern einzupacken. Aufgerufen hatte das Bündnis «Leipzig nimmt Platz». (picture alliance / dpa / Dirk Knofe)
Demonstrierende Menschen vor dem Leipziger Hotel, gegen dessen Mitarbeiter Gil Ofarim Vorwürfe erhebt (picture alliance / dpa / Dirk Knofe)
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Er ist nicht neu, der Antisemitismus. Er ist auch nicht "wieder da", wie manche sagen, weil er nie weg war. Er ist häufiger Thema als früher. Diejenigen, die ihn früher übersehen konnten oder zum kleineren Problem erklärten, können das nicht mehr. Das Land muss lernen, dass es doch nicht so weltoffen, liberal und tolerant ist, wie es gerne von sich denkt.

Früher hätten jüdische Menschen in der Situation vielleicht geschwiegen, in der der Sänger Gil Ofarim mutmaßlich war: wegen eines Davidsterns zurückgewiesen zu werden und sich fragen zu müssen, warum steht mir niemand bei? Und kann ich die Diskriminierung hinterher überhaupt beweisen, wenn ich mich beschwere?

Jüdinnen und Juden zeigen sich lauter, klarer, selbstbewusster und auch selbstverständlicher. Mit Kippa auf der Straße und mit offen gezeigten Davidstern-Ketten um den Hals. Sie fordern von den Institutionen des Rechtsstaates ein, dass die ihre Pflicht tun: dass sie jüdische Bürger schützen wie alle anderen auch. Und dass sie antisemitische Täter verfolgen.

Fans von Maccabi Haifa schwenken im Gästefanblock die israelische Flagge (picture alliance / Michael Hundt ) (picture alliance / Michael Hundt )Antisemitismus-Skandal bei Union Berlin
Beim Conference-League-Spiel Union Berlin gegen Maccabi Haifa Anfang Oktober 2021 gab es antisemitische Äußerungen.

Hoffnung, dass Deutschland nach Halle dazugelernt hat

Da gab es mindestens vor zwei Jahren noch riesige Defizite. In Sachsen-Anhalt fand man es am höchsten jüdischen Feiertag ausreichend, dass ab und an mal eine Polizeistreife an der Synagoge von Halle vorbeifuhr. Es bestehe keine "akute Gefährdungslage". Unbedarfter geht es kaum. Stärker kann man kaum verkennen, was Antisemitismus ist und wie er wirkt.

Nicht alle Taten haben die Dimension von Halle. 2015 befanden Wuppertaler Amtsrichter, der Brandanschlag auf die Wuppertaler Synagoge sei "keine antisemitische Tat" gewesen, sondern politisch motivierte Kritik am Staat Israel. Solche Taten an jüdischen Gotteshäusern auszuagieren, fanden die Richter nicht antisemitisch. Sie entschuldigten den Anschlag mit der palästinensischen Herkunft der Täter.

Demgegenüber lässt ein Urteil zu den antisemitischen Demonstrationen in diesem Frühjahr aufhorchen. Einer, der im Frühjahr vor der Gelsenkirchener Synagoge – Zitat - "Scheiß Juden" skandierte, ein bekannter Wiederholungstäter, bekam von einem Gericht nun drei Jahre und neun Monate Haft – ohne Bewährung. Man kann hoffen, dass das Land seit dem Schock von Halle dazugelernt hat, dass es aufgewacht ist.

Viel Unwissen über das Judentum

Noch ist das nur eine Hoffnung, dass Halle eine Zäsur in der Wahrnehmung war. Dass der oft geäußerte Satz "Wir werden Antisemitismus nicht dulden" keine Floskel bleibt, sondern dass Taten folgen. Denn eine Gesellschaft die wirklich zeigt, dass sie Antisemitismus nicht duldet, kann es schaffen, die Täter in ihre Schranken zu weisen. Das bedeutet: Man kann die Täter vielleicht nicht von ihren Überzeugungen abbringen, aber von ihren Taten.

Anetta Kahane sitzt vor einem Mikrofon. (picture alliance / photothek / Felix Zahn) (picture alliance / photothek / Felix Zahn)Zu wenig Aufmerksamkeit für Antisemitismus
Wie alltäglich ist der Vorfall, den der Musiker Gil Ofarim aus einem Leipziger Hotel schildert? Für die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung Anetta Kahane ist er "typisch", auch was den Versuch der Schuldabwehr betrifft.

Auch gegen den Antisemitismus angetreten sind die Initiatoren des Festjahres 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Das wird 2021 begangen. Sie wollen mehr lebendiges Judentum zeigen.

Es ist sicher gut, wenn die Menschen mehr lebendige Juden kennen lernen. Zudem wissen die meisten bestürzend wenig vom Judentum. Und meinen, es reiche aus zu wissen, wie man Holocaust buchstabiert. Aber Judentum ist eine lebensfrohe Religion, die Beziehungen zu anderen Menschen hochschätzt und das Leben zu genießen weiß.

Antisemiten hassen Menschen, die sie nicht kennen

Den nicht jüdischen Deutschen ist der Blick über den Tellerrand zu gönnen. Ein Land, das sich der Unterschiedlichkeit seiner Bürgerinnen und Bürger stärker bewusst ist, wäre sicher ein lebenswerteres.

Eines kann die bessere Kenntnis der jüdischen Religion und der jüdischen Menschen nicht: den Antisemitismus zum Verschwinden bringen. Den gibt es seit zwei Jahrtausenden, der sitzt tief, und der lässt sich von Fakten und Kenntnissen nicht beeindrucken. Antisemiten hassen Menschen, die sie nicht kennen. Der Antisemitismus hat nichts mit den Jüdinnen und Juden und ihrer Religion zu tun und sehr viel mit den Antisemiten. Er ist eine Art negativer Weltformel und kennt für jedes Unheil den Schuldigen.

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