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StartseiteKalenderblattAnwältin der Kinder06.01.2007

Anwältin der Kinder

Maria Montessoris pädagogischen Rezepte sind bis heute aktuell

Vor 100 Jahren eröffnete die italienische Ärztin Maria Montessori in Rom ihr erstes Kinderhaus. Dort forschte und arbeitete sie nach ihren Erziehungsmethoden. Zentraler Grundsatz der Montessori-Pädagogik: "Hilf mir, es selbst zu tun."

Von Barbara Geschwinde

Die italienische Reformpädagogin Maria Montessori. (AP Archiv)
Die italienische Reformpädagogin Maria Montessori. (AP Archiv)

"Am wichtigsten erscheint mir momentan, dem Recht des Kindes in der Gesellschaft Anerkennung zu verschaffen. Ein Kind muss auf gleiche Art und Weise wie ein menschliches Wesen betrachtet werden. Ein Bürger hat seine ihm zugesicherten Rechte und obendrein die des Erwachsenen. Ein Kind kann sich nicht selbst verteidigen. Und darum müssen das die Eltern tun."

Maria Montessori war eine Vorreiterin dafür, die Würde und Rechte der Kinder zu schützen und zu stärken. Mit ihrer Pädagogik wurde sie zur Anwältin der Kinder auf der ganzen Welt. Sie hat neue Maßstäbe für die Erziehung gesetzt. Dabei wollte die 1870 geborene Italienerin zunächst absolut keine Lehrerin werden. Erst über den Umweg eines Medizinstudiums und der Arbeit mit Behinderten, wandelte sie sich zur Pädagogin.

Am 6. Januar 1907 eröffnete Maria Montessori in Roms Armenviertel San Lorenzo eine Tagesstätte für Kinder aus sozial schwachen Familien. Ein Schlüsselerlebnis aus ihrer Zeit als Leiterin des Kinderhauses war die Beobachtung eines dreijährigen Mädchens, das völlig in sich versunken seiner Beschäftigung nachging und sich auch durch massive Ablenkungen nicht stören ließ. Diese Szene wird auch als Montessori-Phänomen bezeichnet. Das Kinderhaus wurde zum Versuchsfeld ihrer Ideen:

"Meine Erfahrung zeigt, dass es in der psychischen Entwicklung bestimmte Gesetzmäßigkeiten gibt. Die müssen respektiert und befolgt werden, um die geistige Gesundheit eines Kindes zu garantieren. In meinen Montessori-Schulen setze ich diese Erkenntnisse in die Praxis um."

Der zentrale Grundsatz der Montessori-Pädagogik lautet: "Hilf mir, es selbst zu tun". Dem liegt die Annahme zugrunde, dass sich das Kind aus sich selbst heraus aktiv entwickelt. Die Erziehung kann nur darauf ausgerichtet sein, die individuelle Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen. Für den Lehrer bedeutet das, dass er das Kind beobachtet, um herauszufinden, welche Techniken er anwenden muss, um das Kind maximal zu fördern. Die Gruppenarbeit oder die Einzelarbeit wird dem Frontalunterricht vorgezogen. Maria Montessori hat spezielle Arbeitsmaterialien entwickelt, um die Kinder zu stimulieren. Die werden bis heute im Unterricht verwendet. Die Methoden von Maria Montessori erfreuen sich vor allem auch seit dem schlechten Abschneiden deutscher Schüler bei den PISA-Studien wachsender Popularität, meint Anna Friemond, Schulleiterin einer Montessori-Grundschule in Köln:

"Wenn man jetzt Vorschläge hört, wie die Schulen verbessert werden sollen, dann sind da viele Punkte, die tatsächlich in der Montessori-Pädagogik schon immer verwirklicht wurden, wie der Punkt der Selbstständigkeit, dass Kinder ihr Lernen selbst regulieren sollen, dass sie lernen sollen, mit anderen zusammenzuarbeiten, das sind ja Gedanken, die nicht so sehr populär waren bis vor einiger Zeit. Und es kommt gerade von der Seite der Wissenschaft und der Bildungsexperten, dass das individuelle Lernen so eine wichtige Funktion hat, insofern gibt es auch eine Bestätigung von wissenschaftlicher Seite her."

Nicht immer war die Montessori-Erziehung so beliebt wie heute. In ihrer 100-jährigen Geschichte hat das Erziehungskonzept sowohl euphorische Begeisterung als auch vernichtende Kritik erlebt. Während der NS-Zeit waren Montessori-Einrichtungen hierzulande verboten. Den politischen Machthabern war das auf das Individuum ausgerichtete Erziehungsziel Montessoris ein Dorn im Auge.

Vor wenigen Monaten bescheinigte eine Studie des US-amerikanischen Wissenschaftsmagazins "Science" den Montessori-Schülern, dass sie bei allen Lernleistungen und beim sozialen Verhalten zumindest die gleichen, oft aber bessere Ergebnisse erzielten als Schüler, die ohne Montessori-Methode unterrichtet werden. Dass die Erziehung der Kinder für die Entwicklung der gesamten Menschheit wichtig ist, betonte Maria Montessori in einem Interview aus dem Jahr 1950, zwei Jahre vor ihrem Tod:

"Das Kindesalter ist für die gesamte Entwicklung des Menschen von größter Wichtigkeit, auch die UNESCO nimmt die Erziehung des Kindes zur Grundlage für die bessere Einigung unter den Menschen und für die Erneuerung der menschlichen Gesellschaft. Ich sehe darin eine große Menschheitsaufgabe, die mir die Kraft und Begeisterung verleiht, trotz meines hohen Alters, mich noch dieser Aufgabe mit vollem Einsatz zu widmen."

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