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StartseiteKalenderblattAnwalt der Verfolgten19.05.2006

Anwalt der Verfolgten

Gerd Bucerius vor 100 Jahren geboren

Am 19. Mai 1906 wurde einer der bedeutendsten Verlegerpersönlichkeiten der Bundesrepublik Deutschland geboren. Für Gerd Bucerius, Begründer der "Zeit", war publizistische Macht ein Mittel im Einsatz für Freiheit und Demokratie. Auch wenn er mit der Arbeit seiner Redaktionen nicht immer einverstanden war, gegen Einflussnahme von außen verteidigte er die Journalisten entschieden.

Von Christian Linder

Gerd Bucerius im Jahr 1989. (AP Archiv)
Gerd Bucerius im Jahr 1989. (AP Archiv)

Anfang der 50er Jahre reisten 15 Bundestagsabgeordnete, darunter der CDU-Abgeordnete Gerd Bucerius, in die USA. Bundeskanzler Konrad Adenauer verabschiedete die Gruppe:

"Ich hoffe, dass Sie eine gute Aufnahme finden und mit einer reichen Ernte an Wahrnehmungen zurückkommen werden, die wir dann auswerten können."

Gerd Bucerius antwortete für die Abgeordneten:

"Wir freuen uns alle sehr, den großen Kontinent kennen zu lernen, dessen Völker schon vor 200 Jahren es verstanden haben, sich zusammenzuschließen. Ich hoffe, dass wir für Europa einiges lernen können."

Dass sich Gerd Bucerius unmittelbar nach Kriegsende in die Politik eingemischt hat, erklärte er gern mit seinen Erfahrungen in der Nazi-Zeit. Geboren am 19. Mai 1906 im westfälischen Hamm, wurde er nach einem Jurastudium zunächst Richter in Kiel und Flensburg und später Rechtsanwalt in Hamburg. Aufforderungen der Nationalsozialisten, sich von seiner jüdischen Ehefrau zu trennen, wehrte er ab und brachte seine Frau nach England in Sicherheit. Nonkonformistisch bis zur Aufsässigkeit, verteidigte er zahlreiche Juden. "Besinnungslos mutig", sei er damals gewesen, urteilten später Freunde. Nach 1945 war ein während der Nazizeit so unbotmäßiger Mann sehr gefragt: Bucerius wurde von der englischen Besatzungsmacht als Bausenator in den Hamburger Senat berufen und vertrat Hamburg auch von 1947 bis 1949 im Frankfurter Wirtschaftsrat. Zudem war er Bundesbeauftragter zur Förderung der Berliner Wirtschaft. Als CDU-Bundestagsabgeordneter seit 1949 zunächst ein Adenauer-Mann, konnte er von sich sagen, er sei manchmal mehr Adenauer gewesen als Adenauer selber. Was Bucerius mit dem ersten Bundeskanzler verband, war die Einsicht, dass es zur Westbindung der Bundesrepublik in den ersten Jahren der jungen Bundesrepublik keine Alternative gab.

"Adenauer war 30 Jahre älter als ich, der Jahrgang meines Vaters, und das Verhältnis zwischen dem so viel Älteren und nicht zwar seinem Sohn, aber so viel Jüngeren, ist über die Jahre geblieben. Er war mir gegenüber ein wohlwollender Vater, mit sehr viel kritischen Anmerkungen, er hielt mich für sehr temperamentvoll und sprunghaft, vielleicht bin ich es ja auch."

Auf jeden Fall wurde Bucerius für Adenauer wie für die gesamte CDU-Bundestagsfraktion im Lauf der Zeit immer unberechenbarer, denn er verfügte inzwischen auch über eine publizistische Macht, die ihn vielen Parteifreunden verdächtig machte: Er hatte, schon 1946, mit englischer Lizenz, die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" gegründet und besaß die Mehrheitsanteile an der Illustrierten "Stern". Und was CDU-Parteifreunde in diesen Blättern gelegentlich lesen mussten, gefiel ihnen nun überhaupt nicht. Auch innerhalb der Bundestagsfraktion eckte Bucerius mehr und mehr an, wandte sich etwa gegen eine vierte Kanzlerschaft Adenauers.

1962 kam es zum Eklat: Im "Stern" erschien ein Artikel mit dem Titel "Brennt in der Hölle wirklich Feuer?". Der Bundesvorstand der CDU sah "eine Verletzung christlicher Empfindung", doch Bucerius, obwohl er den Artikel selber nicht gut fand, stellte sich hinter die Redaktion und bewertete die von einigen Parteifreunden aufgeworfene Frage, ob er als "Stern"-Verleger für die Partei noch tragbar sei, als "einen unbegreiflichen Fall von Intoleranz". Bucerius zog die Konsequenzen, trat aus der CDU aus und widmete sich nunmehr ganz seiner verlegerischen Arbeit. Neben Axel Cäsar Springer und Rudolf Augstein wurde er einer der großen publizistischen Herausgeber der Bundesrepublik.

Was man "innere Pressefreiheit" genannt hat, lebte Bucerius vor. Zwar konnte er sich heftig über die Redaktionen von "Stern" und "Zeit" ärgern und schrieb manche wütenden Briefe an die Chefredakteure, aber Vorschriften hat er seinen Redaktionen nie gemacht.

"Ich habe schließlich zwei Zeitungen groß gemacht, das eine war der 'Stern', der ganz sicher ohne Henri Nannen nichts geworden wäre, eine einmalige großartige journalistische Erscheinung, sehr oft anderer Meinung als ich, ich bin oft sehr erschrocken über das, was er schreibt, bewundere es aber immer; und schließlich 'Die Zeit', die, glaube ich, überhaupt nicht mehr existierte, wenn nicht meine Arbeit und, wenn Sie mir erlauben das zu sagen, auch meine Bereitschaft, dafür viel Geld zu opfern, gewesen wäre."

Kritisch, begeisterungsfähig, ein Anwalt der Verfolgten nicht nur in der Nazizeit, sondern auch in der Bundesrepublik: Als während der "Spiegel"-Affäre die Redaktion des Magazins durchsucht und geschlossen wurde und ihre führenden Redakteure verhaftet worden waren, wies Bucerius die Redaktion seiner Wochenzeitung "Die Zeit" an, zusammenzurücken, damit "Spiegel"-Redakteure die Hälfte der Redaktionsräume nutzen konnten.

Bei seinem Tod 1995 würdigte ihn die Stadt Hamburg in der Michaeliskirche mit einem Staatsakt. "Dieser tote Freund", sagte der von Bucerius als Herausgeber in die "Zeit" gerufene Altbundeskanzler Helmut Schmidt, sei "Herr gewesen über die beiden Todsünden der Politiker und der Journalisten, nämlich über Eitelkeit und Opportunismus."

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