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StartseiteSprechstundeKindeswohl im Fünf-Punkte-Blicktest24.10.2017

Apgar-ScoreKindeswohl im Fünf-Punkte-Blicktest

Radiolexikon Gesundheit

Die Medizingeschichte bietet eine Fülle phantastischer Erfolgsgeschichten. Eine davon ist untrennbar mit dem Namen der US-amerikanischen Ärztin Dr. Virginia Apgar verbunden. In den 50er-Jahren entwickelte sie einen ebenso einfachen wie genialen Test, der Millionen Neugeborenen das Leben rettete und immer noch rettet.

Von Mirko Smiljanic

Die Hände des Kleinen Miraç Artikarslan, der an der seltenen Krankheit Hyperinsulinismus leidet, werden am 20.02.2017 im Universitätsklinikum in Magdeburg (Sachsen-Anhalt) von Prof. Dr. med. Klaus Mohnike, aktiver Mediziner im Kampf gegen seltene Kinderkrankheiten, untersucht. Sie irren durch das Gesundheitssystem auf der Suche nach der richtigen Diagnose und der passenden Behandlung. Menschen mit seltenen Erkrankungen haben es besonders schwer - aber es gibt Hilfe. (zu dpa «Mit der Lotsin seltenen Erkrankungen auf der Spur» vom 23.02.2017) | Verwendung weltweit (dpa)
Das Betrachten von Hautkolorit und -beschaffenheit, einer der fünf Punkte im Apgar-Score (dpa)
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Klinikum Leverkusen, Kreißsaal, früher Nachmittag. Vor wenigen Minuten hat eine 31-jährige ein Mädchen entbunden. "Das ging relativ schnell, sie hat einen guten Spontanpartus gehabt, Mutter und Kind sind wohlauf", erklärt Hebamme Christina Schädlich. "Wir warten jetzt noch auf die Nachgeburt und schauen da natürlich nach Rissverletzungen und nach Blutungen bei der Mutter und dass es dem Kind gut geht." Und so ganz nebenbei hat Christina Schädlich das Neugeborene exakt eine Minute nach der Geburt dem Apgar-Score unterzogen. 

"Der Apgar-Score ist ja entworfen worden von der Virginia Apgar, 1952 hat sie das veröffentlicht, weil die gemerkt hat, wir müssen früher und auch rechtzeitig erkennen, wenn es einem Neugeborenen schlecht geht, um dann auch früh und rechtzeitig mit entsprechenden Gegenmaßnahmen einzugreifen", sagt Privatdozent Dr. Joachim Eichhorn, Direktor der Klinik für Kinder und Jugendliche am Klinikum Leverkusen.

Einfaches Verfahren gegen die Säuglingssterblichkeit

Dr. Virginia Apgar war eine US-amerikanische Anästhesiologin, ein Fachgebiet, das damals auch für Entbindungen zuständig war. Und die waren Mitte des letzten Jahrhunderts für Babys voller Risiken. Amerika hatte eine sehr hohe Säuglingssterblichkeit! Ein einfacher Blicktest unmittelbar nach Geburt könnte das ändern, so Apgars Idee. 1952 stellte sie ein Verfahren vor, bei dem Ärzte und Hebammen anhand von fünf Kriterien den Gesundheitszustand des Kindes beurteilen. Und weil der Name "Apgar" zufälligerweise fünf Buchstaben hat, lässt er sich auch gut merken.

"Also in jeder Sprache ein bisschen anders adaptiert, im Deutschen kann man es sich an dem Namen der Virginia Apgar sehr gut orientieren, auch im Englischen funktioniert das, in dem man die fünf Buchstaben nimmt: A ist Atmung, P ist der Puls, also die kindliche Herzfrequenz, G ist der Grundtonus des Kindes, dann kommt wieder A, das ist für Aussehen, Hautkolorit, Hautfarbe, und dann fehlt uns noch das R, das sind die Reflexe. Und anhand dieser fünf Parameter hat man eigentlich eine sehr schöne Zustandsbeschreibung des Kindes", erklärt Dr. Gabriele Fries, Oberärztin im Kreißsaal am Klinikum Leverkusen.

Fünf Kriterien im Punktesystem

Für jedes Kriterium – also für Atmung, Herzfrequenz, Muskeltonus, Hautfarbe und Reflexe – können entweder 2 Punkte, 1 Punkt oder 0 Punkte vergeben werden. Anschließend werden alle Punkte addiert: 9 bis 10 Punkte sind optimal, liegt die Gesamtsumme zwischen 5 und 8 gilt das Neugeborene als gefährdet, unter 5 herrscht akut Lebensgefahr. Gemessen wird drei Mal, und zwar jeweils eine Minute, zehn Minuten und eine Stunde nach der Geburt. Unmittelbar nach der Entbindung erreichen die wenigsten Babys 10 Punkte. Grund dafür ist die Hautfarbe, wie Gabriele Fries beim Blick auf das Neugeborene erklärt.

"Hier sehen wir, der Rest ist eigentlich sehr schön rosig, wenn wir uns die Füßchen anschauen, die sind so ein ganz klein bisschen bläulich, und das ist so ganz typisch, dass das Kind zuerst versucht, das Zentrum zu versorgen und dann erst die Peripherie, sprich Hände und Füße, und das ist das dann, was häufig den ersten Punktabzug bringt, wenn das Kind sonst alles macht, was wir gerne hätten."

Drei Mal wird getestet

Die Abstände der drei Tests – nach einer, fünf und nach zehn Minuten (*) – sind so gewählt, dass dem Kind genug Zeit für die Anpassung an den Lebensraum außerhalb des Mutterleibes bleibt. Dabei spielt natürlich die Atmung eine entscheidende Rolle.

Gabriele Fries: "Hier sieht man sehr schön, wie sich der Thorax regelmäßig hebt und senkt, und keine flachen Atemzüge, unterbrochen, Aussetzer, das sieht man dann schon am Kind."

Genauso wie man sieht, wenn das Kind nur unzureichende Muskelreflexe hat.

Joachim Eichhorn: "Wenn ein Kind reflexarm ist oder überhaupt keinen Muskeltonus auch hat, dann hat es entweder keine Kraft dazu, weil keine Sauerstoff im Körper ist, das Herz pumpt nicht, oder es kann auch mal ein neurologisches Problem sein. Was es früher nicht ganz so selten gab, waren schwere Gehirnblutungen, auch bei reifen Kindern."

Präzise Informationen binnen weniger Sekunden

Virginia Apgar war nicht nur eine außergewöhnliche Medizinerin, sie war es auch, die Frauen den Weg in medizinische Berufe ebnete. 1929 studierte sie Medizin am Columbia University College in New York, 1933 gehörte sie zu den ersten Frauen, die dort das Examen ablegten. Ende der 50er Jahre studierte Apgar noch einmal "Öffentliches Gesundheitswesen" und übernahm den Vorsitz einer gemeinnützigen Organisation für Schwangerschafts- und Säuglingsgesundheit. An der Weiterentwicklung ihres Tests arbeitete sie nur noch am Rande mit. So gut er auch ist, er lässt sich nicht überall anwenden. Frühchen zum Beispiel werden mit anderen Methoden getestet. In einigen Punkten sind sie präziser, technisch aber sehr viel aufwändiger, so Joachim Eichhorn.  

"Das heißt, dass wir den Säure-Basen-Haushalt untersuchen können aus dem Nabelschnurblut vom Kind auch direkt, um daraus auch zu sehen, wie ist der pH wie ist der Basenexzess, das ist so ein anderer Wert, wie ist der Sauerstoff-Partialdruck, wie ist der CO2-Partialdruck im Blut, das sind dann auch Parameter, die man dann auch für Prognosen heranziehen kann."

Wegdenken lässt sich das Apgar-Score aus den Kreißsälen nicht mehr. Er liefert in den meisten Fällen präzise Informationen – vor allem liefert er sie binnen weniger Sekunden. 

Gabriele Fries: "Es beugt die Ärmchen, es bewegt den Kopf, meistens sucht es schon mit den Lippen, ich sehe die gleichmäßigen Atembewegungen des Thorax, ein Griff an die Nabelschnur, da merke ich, wie die Herzfrequenz des Kindes ist – ein Sache, die dauert wenige Sekunden."

Virginia Apgar blieb Zeit ihres Lebens ledig. Auf die Frage nach dem Grund, hat sie geantwortet: "Ich habe keinen Mann gefunden, der kochen kann." Virginia Apgar starb 1974. 1995 wurde sie in die National Women’s Hall of Fame aufgenommen.

(* Anmerkung der Online-Redaktion: In einer vorherigen Version hieß es im Beitrag, die drei Tests fänden im Abstand von einer, zehn und 60 Minuten statt. Richtig ist, dass sie im Abstand von einer, fünf und zehn Minuten stattfinden. Das wurde im Text korrigiert.)

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