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StartseiteKommentare und Themen der WocheDeutschland verspielt seine Rolle im Weltraum21.07.2019

Apollo-11-JubiläumDeutschland verspielt seine Rolle im Weltraum

Zwar werde Raumfahrtvertretern in Deutschland gerne auf die Schulter geklopft, dann aber versiege die Unterstützung, kommentiert Dirk Lorenzen. Beispiel sei die Insolvenz eines der weltweit führenden Weltraumprojekte aus Berlin. So verstolpere Deutschland seine mögliche führende Rolle.

Von Dirk Lorenzen

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Eine künstlerische Darstellung zeigt eine Basis auf der unwirtlichen Mondoberfläche, im Hintergrund am Himmel ist die Erde zu sehen. (imago images / StockTrek Images / Marc Ward)
Noch Zukunftsmusik: eine Basis auf der unwirtlichen Mondoberfläche (künstlerische Darstellung) (imago images / StockTrek Images / Marc Ward)
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Dossier: 50 Jahre MondlandungDossier: 50 Jahre Mondlandung (Astronaut Buzz Aldrin fotografiert von Neil Armstrong) (NASA) (NASA)

Es sei ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein Riesensprung für die Menschheit, erklärte Neil Armstrong, als er seinen Fuß in den Mondstaub setzte. Der Astronaut hätte genauso gut sagen können: Es ist ein kleiner Schritt für die Wissenschaft, aber ein Riesensprung für das politische Prestige im Kalten Krieg.

Bei Apollo 11 ging es vor allem darum, die Russen im Weltraum zu überholen. Dass die Astronauten der insgesamt sechs Landemissionen ein paar hundert Kilogramm Mondgestein auf die Erde gebracht haben, war ein willkommener Nebeneffekt – aber nicht das Kernziel der Mondflüge.

Pläne für ein Monddorf

Für die Mondforschung war Apollo Segen und Fluch zugleich. Die Materialproben brachten überraschende Einsichten in die chemische Zusammensetzung des Mondbodens. Allerdings folgte ab Mitte der 70er-Jahre eine jahrzehntelange Pause, in der nicht einmal automatische Sonden auf der staubigen Oberfläche aufgesetzt haben.

Seit einigen Jahren aber ist der Mond wieder das große Ziel im All: Es gibt Pläne für eine kleine Raumstation in der Mondumlaufbahn oder gar ein Moon Village, ein Monddorf, auf dem Boden. Die amerikanische Weltraumbehörde NASA und ihr europäisches Pendant ESA bauen gemeinsam das Orion-Raumschiff, mit dem in etwa vier Jahren Menschen zumindest um den Mond herum fliegen sollen, eine Landung ist erst in etwa zehn Jahren vorgesehen. Die Leitidee ist bisher vor allem die wissenschaftliche Erkundung des in vielem noch immer so rätselhaften Erdtrabanten.

Doch nach der Landung der chinesischen Robotersonde Chang'e 4 auf der Mondrückseite kurz nach Neujahr, hat die US-Regierung einen neuen Wettlauf im All ausgerufen. Die NASA wurde dazu verdonnert, binnen fünf Jahren wieder Menschen auf den Mond zu bringen – und zwar vor allen anderen, insbesondere vor den Chinesen. Agentur und Industrie, so der Vorwurf, agierten viel zu behäbig.

Politischer Druck baut keine Raketen

Doch politischer Druck baut keine Raketen, Kraftmeierei ersetzt keine Sachkenntnis. Planung, Bau und Erprobung von Raumschiffen, in denen Menschen leben und arbeiten werden, kosten Zeit – und Geld. Wenn die NASA wirklich bis 2024 auf dem Mond landen soll, bräuchte sie rund 25 Milliarden Dollar zusätzlich – doch davon ist bisher keine Rede.

Abseits des Drucks der US-Regierung arbeitet die NASA sehr planvoll an der Rückkehr zum Mond. Im Fokus stehen unbemannte Sonden, die wissenschaftliche Experimente, Kameras und Sensoren transportieren. Privaten Unternehmen, die solche Logistik-Flüge planen, steht Unterstützung aus einem Zweieinhalb-Milliarden-Dollar-Programm zur Verfügung.

So etwas sucht man in Deutschland und Europa leider vergebens, dabei kommt das derzeit weltweit ambitionierteste Raumfahrt-Start-Up nicht etwa aus Kalifornien oder Florida, sondern aus Berlin-Marzahn. Die gut 60 Mitarbeiter des Unternehmens PTScientists haben ihre Mondsonde mit zwei Rovern fertig geplant – auch der Flug auf einer Ariane-6-Rakete in gut zwei Jahren ist gebucht. Es wäre die erste Landung einer privaten Raumsonde auf dem Mond. Doch es fehlt an wagemutigen Investoren, um das Gefährt fertig zu bauen. Und so mussten die Berliner Mondfahrer in spe vor zwei Wochen ein Insolvenzverfahren einleiten – Ausgang offen.

Kaum Gelder vom Staat

Hierzulande sind die Raumfahrtpolitiker stets voll des Lobes, wenn sich private Unternehmen himmlische Ziele setzen. Den Vertretern des "New Space", der neuen Raumfahrt, wird kräftig auf die Schulter geklopft – dann aber versiegt die Unterstützung aus dem zuständigen Bundeswirtschaftsministerium.

Wer im All etwas erreichen will, so die unterschwellige Botschaft, sollte lieber in die USA gehen. Und so verstolpert Deutschland seine mögliche führende Rolle bei der Rückkehr zum Mond. Dabei wäre ein klares Raumfahrtkonzept nur ein kleiner Schritt für die Politik, für die kreativen Köpfe in diesem Land aber ein Riesensprung.

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