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StartseiteHintergrundAquakultur ist kein Ausweg24.07.2004

Aquakultur ist kein Ausweg

Das weltweite Problem Überfischung

Fisch ist ein wichtiges Nahrungsmittel für den Menschen. Die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass Meere, Seen und Flüsse gut ein Siebtel des tierischen Eiweißes liefern, das die Menschen zu sich nehmen. Doch der Fischverbrauch hat seinen Preis. Überfischung ist bereits heute in vielen Meeresregionen ein akutes Problem. Etwa 90 Millionen Tonnen Fisch, Muscheln und Krustentiere holen weltweit rund 24 Millionen Fischer aus dem Meer. Das ist mehr als viermal so viel wie vor 50 Jahren, betont der Leiter der Bundesforschungsanstalt für Fischerei, Gerd Hubold.

Von Thomas Mösch

Lachsfilet in Fischauslage (AP)
Lachsfilet in Fischauslage (AP)
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Es hat sich spätestens seit Anfang der 90er Jahre gezeigt, dass diese Wachstumsraten nicht mehr erreicht werden. Wir haben eine Stagnation, zum Teil sogar Rückgänge erlebt, zum Teil sehr drastische Rückgänge je nach Region. Wir haben jetzt eine Situation, wo wir weltweit gesehen dort angekommen sind, wo wir sagen müssen, die Ertragsfähigkeit aus dem Meer - und das gilt im Grunde auch für Süßwasser - ist erreicht.

Lässt man die ungesicherten Zahlen der chinesischen Fischerei außen vor, so hält der Fischfang weltweit längst nicht mehr Schritt mit dem Bevölkerungswachstum. Die FAO bezeichnet bereits ein Viertel der wichtigsten Fischbestände als übernutzt oder sogar zusammengebrochen. Weitere 50 Prozent werden bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit genutzt.

Besonders kritisch ist die Lage im Südostatlantik vor der Küste Afrikas und im Nordwestatlantik vor Kanada. Beide Gebiete sind nur noch halb so ertragreich wie vor 30 Jahren. Zur Situation vor Kanada erklärt der Chef der Bundesforschungsanstalt, die dem Bundeslandwirtschaftsministerium untersteht:

Anfang der 90er Jahre brach dort der Kabeljaubestand zusammen, der über Jahre viele 100.000 Tonnen an Fischerei getragen hatte. Der wurde in kürzester Zeit praktisch auf null reduziert, 30.000 - 40.000 Fischer wurden arbeitslos - also ein ganz drastisches Beispiel für eine Fischerei, die nicht nachhaltig war, die dann wirklich zusammengebrochen ist.

Meistens seien die Folgen nicht so drastisch wie in diesem Fall, betont Hubold. Oft können die Fischer auf andere Fischarten ausweichen, bis sich der Bestand wieder erholt hat. Doch vor Kanada hat sich der Kabeljaubestand trotz drastischer Fangverbote bis heute nicht regeneriert.

Allzu intensive Fischerei muss nicht immer der alleinige Grund für den Rückgang eines Bestands sein. Auch Umwelteinflüsse spielen eine wichtige Rolle, zum Beispiel das El-Niño-Phänomen. Es führt an der südamerikanischen Pazifikküste immer wieder zu einem drastischen Anstieg der Wassertemperaturen. 1997/98 brach deshalb dort die weltweit größte Sardellenfischerei zusammen, die sich inzwischen aber wieder erholt hat. Auch der globale Klimawandel beeinflusst die Fischbestände. Trotzdem sind sich Wissenschaftler und Umweltschützer einig, dass der Mensch insgesamt zu viel Fisch fängt. Thilo Maack von Greenpeace Deutschland kritisiert die Überkapazitäten der Fangflotten.

Man hat die Fischerei größer gemacht, die Netze größer gemacht, größere Motoren eingebaut, weil man mehr Aufwand betreiben musste, um an die gleiche Menge Fisch zu kommen. Dass das in einen endlichen System nicht zum Erfolg führen kann, ist klar. Irgendwann ist halt die 'carrying capacity' wie die Fischerei-Biologen sagen, erreicht. Dann brechen die Fischbestände ein und dann geht es einfach nicht mehr. Genau vor dieser Situation stehen wir jetzt.

Besonders China hat seine Fischerei in den letzten Jahren stark ausgeweitet. Heute gilt das Reich der Mitte als größter Fischproduzent: Chinesische Fischer landen jeden fünften weltweit gefangenen Fisch an. Zu den bedeutendsten Fangländern gehören außerdem Peru, Japan, die USA, Chile, Indonesien und Russland.

Umweltschutzorganisationen wie der World Wide Fund for Nature WWF oder Greenpeace beklagen, dass die Großfischerei in immer neue Regionen vordringt. Noch einmal Thilo Maack von Greenpeace:

Das größte Problem ist der Export von Fangkapazitäten in immer neue Meeresgebiete. Erst in den letzten zwei bis fünf Jahren hat sich z.B. die groß-industrielle Fischerei auf die Tiefsee verlagert. Da werden Tiefsee-Fischarten gefangen, die zum Teil sehr, sehr langsam wachsen, sehr wenige Nachkommen haben, sehr spät geschlechtsreif werden. Das sind Fische, die bis zu 150 Jahre alt werden, über die die Wissenschaft nur sehr wenig weiß. Die Fischarten werden weg gefangen, bevor wir sie überhaupt kennen.

Aus den gleichen Gründen sieht auch die Welternährungsorganisation FAO die Zunahme der Tiefseefischerei mit Sorge. Wissenslücken macht die FAO allerdings nicht nur in der Tiefsee aus. Generell hinke die Meeresforschung den wachsenden Anforderungen hinterher, beklagt die Organisation in ihrem letzten Fischerei-Bericht. Wer die Fischbestände nachhaltig bewirtschaften wolle, müsse die Umwelt- und Klimaeinflüsse besser kennen. Auch gebe es bisher kaum verlässliche Daten über die vielen kleinen Fischer, die nur für den Eigenbedarf oder den lokalen Markt fischen.

Der Nordatlantik gehört da schon zu den besser erforschten Meeresgebieten. Das ist vor allem dem Internationalen Rat für Meeresforschung zu verdanken. Dessen federführender deutscher Partner ist die Bundesforschungsanstalt für Fischerei in Hamburg, erklärt deren Leiter Gerd Hubold.

Der Internationale Rat für Meeresforschung ist die älteste inter-staatliche Meereskonvention. Dieser Rat vereint die angewandt arbeitenden meeresforschenden Institute des ganzen Nordatlantiks, also von Nordamerika über Europa bis nach Russland. In diesem Internationalen Rat arbeiten die Forscher zusammen daran, die Daten zu erheben, die man braucht, um überhaupt Fischbestände beschreiben zu können, sie zu beobachten und Vorhersagen zu treffen.

Der Aufwand, den die Forscher treiben müssen, um das komplexe Leben im Meer zu verstehen, sei enorm, betont Hubold.

Man macht mit Forschungsschiffen Bestandserhebungen im Meer, so genannte Surveys. Wir versuchen in internationaler Absprache, dass immer mehrere Schiffe gleichzeitig z.B. in der Nordsee unterwegs sind, um die große Fläche abdecken zu können. Wir machen Bestandsaufnahmen mit wissenschaftlichen Netzen und wissenschaftlich-statistischen Methoden und gleichzeitig beobachten wir die Fischerei, weil die Fischerei durch ihre große Entnahme auch eine große Probennahme liefert, sodass man aus der Zahl der Fischerei sehr repräsentativ Fische entnehmen kann. Beides zusammen ergibt dann das Bild über die Entwicklung der Bestände.

Gesicherte absolute Zahlen über die Fisch-Menge im Meer gibt es trotzdem nicht. Die Wissenschaftler sind sich aber sicher, dass sie Größenordnungen beschreiben können und vor allem die Schwankungen von Jahr zu Jahr. Aus diesen Erkenntnissen entwickeln sie dann die Empfehlungen an die Politik, zum Beispiel die jährlichen Fangquoten für einzelne Fischarten.

Die Mitglieder der Europäischen Union haben bereits seit über 20 Jahren eine gemeinsame Fischereipolitik. Brüssel ist demnach sowohl für das Management der Fischbestände in den EU-Gewässern zuständig als auch für das Aushandeln und Umsetzen internationaler Abkommen.

Ende 2002 hat die EU ihre Fischereipolitik rundum erneuert: An die Stelle jährlich neuer Fangquoten sollen langfristige Bewirtschaftungspläne treten, Kontrollen und Sanktionsmechanismen verbessert werden, die Subventionen für Schiffsneubauten sinken. Wissenschaftler und Umweltschützer hatten jedoch viel einschneidendere Maßnahmen gefordert. Auch Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast wäre gern weiter gegangen, erklärt ihr Parlamentarischer Staatssekretär, Gerald Thalheim.

Die Neuformulierung der gemeinsamen Fischereipolitik ist ein klassischer Brüsseler Kompromiss. Es sind zu sehr die kurzfristigen wirtschaftlichen Belange von Fischern berücksichtigt worden; allerdings: Das Langfristige ist das Notwendige. Und in dem Sinne hat sich die Bundesministerin auch sehr dafür eingesetzt, ein Stück weitergehende Reformen hinzubekommen, insbesondere die Frage, einen nachhaltigen Aufbau der Bestände zu sichern.

Ein Beispiel für die mangelnde Entscheidungsfreude des EU-Fischereiministerrates ist der Bestand von Kabeljau und Dorsch in der Nord- und Ostsee. Obwohl die Fänge seit Jahren deutlich zurückgehen, lässt Brüssel die Kabeljau-Fischerei weiter zu. Mitgliedsländer mit besonders starker Fischwirtschaft wie Frankreich, Spanien, Italien und Griechenland konnten sich wieder einmal durchsetzen. Thilo Maack von Greenpeace hält das für unverantwortlich.

Der Rat für Meeresforschung fordert seit Jahren eine komplette Einstellung der Kabeljau-Fischerei in der Nord- und Ostsee und auch eine Einstellung, die Kabeljau nicht direkt fängt, sondern die Kabeljau beifängt. Der Fischereirat hat dies zur Kenntnis genommen und beschlossen, dass z.B. die Kabeljau-Quote in der Nordsee dieses Jahr wieder bei 27.000t liegt. Rechnet man die Beifänge aus anderen Fischereien hinzu, landet man wieder bei einer Kabeljau-Quote von 70.000t. Das kann der Kabeljaubestand in der Nordsee nicht auffangen. Wir können davon ausgehen, dass innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahre kein Kabeljau in der Nordsee mehr gefangen werden kann, sodass es sich für den Fischer lohnt.


Trotzdem sieht auch Maack das grundsätzliche Bekenntnis der EU zu einer längerfristig orientierten Fischerei positiv. Die Fischer dagegen hören die neuen Töne aus Brüssel eher mit Skepsis. Gretel Flindt, Geschäftsführerin der Fischereigenossenschaft in Heiligenhafen an der holsteinischen Ostseeküste, ist bereits seit über 40 Jahren im Geschäft und weiß, was die deutschen Küstenfischer umtreibt. An der Ostsee wirke sich die neue Politik bisher noch nicht aus - zum Glück, meint sie.


Wir haben sehr starke Auswirkungen im Nordseebereich mit Fangtage-Regelungen und anderen Sachen, die uns das Leben dort sehr, sehr schwer machen, und man nur hoffen kann, dass sowas nicht auch noch auf die Ostsee übertragen wird.

Der Dorsch macht in der Ostsee immerhin zwei Drittel des Geschäfts aus. In diesem Jahr seien die Netze sogar wieder voll, berichtet Flindt; und das, obwohl die Wissenschaft den Bestand für höchst gefährdet hält.

Kein Verständnis hat Gretel Flindt auch für den pauschalen Ruf nach weniger Subventionen. Die Politik solle genau hinsehen, welches EU-Land wirklich eine zu große Flotte habe.

Wir haben unsere Schularbeiten gemacht in Bezug auf den Abbau der Flotte. Wir sind schon unter unserer Referenzgröße, die wir eigentlich haben dürfen. Wir haben aber eine überalterte Flotte. Insofern wäre also dringend Bedarf sowohl für Neubauten als auch größere Modernisierung und beides können die Fischer nicht ohne Förderung schaffen.

Dagegen ist das Ziel, langfristige Bewirtschaftungspläne zu erstellen, auch für die Fischer attraktiv.

Bisher ist es ja so gewesen, dass jedes Jahr aufs Neue die Quoten festgesetzt werden, zum Teil mit erheblichen Sprüngen sowohl nach oben als auch nach unten. Beides ist schädlich für die Fischerei. Da vermissen wir Ansätze, dass man sagt: Wir setzen jetzt einen Plan fest für die nächsten drei Jahre oder sogar fünf Jahre, dass man auch eine Perspektive hat. Die Fischer, die heute investieren wollen, sei es modernisieren oder gar neu bauen, die wissen ja nicht, was im nächsten Jahr kommt.

In Zukunft sollen regionale Beratungsgremien die Brüsseler Entscheidungen mit vorbereiten. In diesen Regional Advisory Councils, kurz RAC, könnten dann zum Beispiel Fischer und Wissenschaftler ihre unterschiedlichen Erfahrungen direkt diskutieren und - so hofft man jedenfalls - zu gemeinsamen Empfehlungen kommen.

Lobenswert finden es Gretel Flindt und ihre Kollegen, dass Brüssel ein einheitliches Niveau bei Kontrollen und Strafen durchsetzen will. Denn auch die EU-Minister beklagen , dass einige Staaten nur sehr unzureichend kontrollieren, ob ihre Fischer die Regeln einhalten. Und wer ertappt wird, müsse gerade in den wichtigen Fischereiländern oft nur eine symbolische Geldstrafe zahlen, kritisiert Gretel Flindt.

Wir haben gerade wieder Presseberichte, dass auf der Nordseeseite einige Mitgliedsstaaten erheblich ihre Quoten überfischen bzw. dort 'schwarze' also nicht registrierte Anlandungen stattfinden. Es soll auch ähnliche Tendenzen im Ostseeraum geben. Das ist dann natürlich ein erheblicher Wettbewerbsnachteil für unsere Flotte, wenn so unterschiedlich kontrolliert wird. Zumal solche schwarzen und nicht registrierten Anlandungen sehr negative Einflüsse auf den Markt haben, nämlich die Preise kaputt machen.

So liegt der Preis für Kabeljau und Dorsch in diesem Jahr deutlich unter dem des Vorjahres. Die zulässigen Fangquoten sind jedoch gleich niedrig. Gerd Hubold von der Bundesforschungsanstalt bestätigt die Erfahrungen der Fischer. Das Problem der Piratenfischerei nehme weltweit zu, auch in Europa.

Wir haben eine Zunahme der Schwarzanlandungen in einigen Mitgliedsländern der EU, die inzwischen offen diskutiert und dokumentiert sind in ganz erheblicher Größenordnung. Diese Schwarzanlandungen führen natürlich dazu, dass die Bestandsbewirtschaftung noch viel schwieriger wird. Man geht sehr viel höherer Risiken ein, wenn man die Fangmengen gar nicht mehr schätzen kann und wenn sie um das doppelte höher liegen als die offiziellen, wie das in einigen Fischereien in der nördlichen Nordsee berichtet wurde, dann muss davon ausgehen, dass wir ein sehr großes Problem haben.

Hinzu komme die große Menge an so genannten Beifängen, also Fische oder auch Kleinwale, die im Netz landen, obwohl man sie gar nicht fangen will oder darf. Die werden dann tot zurück ins Meer geworfen und können von keiner Statistik genau erfasst werden.

Vernünftige Maßnahmen, konsequent durchgesetzt, können durchaus etwas bewirken. Hubold verweist auf den Nordsee-Hering. Dessen Bestand galt vor 20 Jahren als völlig überfischt. Ein Fangstopp und die später angewandte nachhaltige Bewirtschaftungsstrategie hätten dafür gesorgt, dass heute wieder so viele Heringe in der Nordsee schwimmen wie in den besten Jahren, berichtet Hubold.

Wenn das Verhältnis zwischen der Fangkraft der Flotte und der Fortpflanzungsfähigkeit des Fischbestandes stimme, sei die Fischerei unproblematisch.




Insgesamt gibt es in der EU und weltweit viel zu viele Fischkutter und -Trawler. Da sind sich Wissenschaftler und Umweltschützer einig. Thilo Maack von Greenpeace prangert vor allem die großen Industrieschiffe an, die den Fang gleich an Bord verarbeiten können.

Weltweit gibt es 3,5 Millionen Fischereifahrzeuge. Nur ein Prozent davon ist die industrielle Fischerei. Diese industrielle Fischerei repräsentiert aber 50 Prozent der Fangkapazität. Die werden durch Netze erreicht, in die der Kölner Dom spielend zwei bis zwölf Mal passt. Wenn man also diese ein Prozent der Fischereifahrzeuge abschaffen würde, dann hätte man die Fischereikapazität um 50 Prozent reduziert. Deswegen ist eine der Greenpeace-Forderungen: Weg von diesen Super-Trawlern! Die müssen abgeschafft werden.

Außerdem fordern die Umweltschützer Meeresschutzgebiete, in denen sich die Natur frei von menschlichen Eingriffen erholen kann. Auch Gerd Hubold von der Bundesforschungsanstalt für Fischerei glaubt, dass Schutzgebieten in Zukunft eine wichtige Rolle zukommt. Bisher wollten alle das Meer nutzen, wo es ihnen am besten passt: Fischer, Öl- und Gasförderer, Windenergie-Produzenten, Fracht- und Freizeitschiffe. In Zukunft werde man nach Nutzungs- und Schutzgebieten unterscheiden, so Hubold.

Es gibt bisher sehr wenig wissenschaftliche Grundlagen darüber, was Schutzgebiete eigentlich leisten müssen, was man dort machen darf und was nicht. Es unterscheidet sich vollkommen von den Konzepten an Land. Es wird oft vergessen, dass Schutzgebiet im Meer ganz anders konzipiert sein müssen als Schutzgebiete an Land. Wir haben völlig andere biologische Verhältnisse, aber auch völlig andere Nutzungsverhältnisse.

Als ein Mittel, um den Druck auf die natürlichen Fischbestände zu mindern, gilt die Aquakultur, also die Fischzucht. Heute kommt bereits jeder fünfte verarbeitete Fisch aus Zuchtanlagen im Meer und in Binnengewässern. Im letzten Jahrzehnt wuchs dieser Sektor jedes Jahr um mehr als fünf Prozent. Die Welternährungsorganisation FAO sieht weitere Wachstums-Chancen in vielen Regionen und für viele Arten. Auch Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast setzt auf mehr Aquakultur. Thilo Maack von Greenpeace dagegen ist skeptisch.

Aquakultur in der heutigen Form ist sicher kein Ausweg aus der Fischereikrise, sondern ein Grund für die Fischereikrise, weil riesige Fischereiflotten losfahren, um Fisch zu fangen, der vermahlen wird zu Fischmehl. Dieses Fischmehl wird zu Pellets verpresst und diese Pellets werden verfüttert in Aquakulturen, z.B. an Lachse. Es ist nach wie vor so, dass mehr Fisch als Futter eingesetzt werden muss als nachher als Fisch dabei rauskommt.

Man könne zwar auf pflanzenfressende Arten zurückgreifen, gesteht Maack zu. Aber damit lasse sich sicher nicht vollkommen der Bedarf decken, der nötig wäre, um die klassische Fischerei zu ersetzen.

Staatssekretär Gerald Thalheim kennt die Probleme. Das Bundesministerium für Verbraucherschutz und Landwirtschaft setze sich deshalb dafür ein, auch Fisch und Fischprodukte nach den Grundsätzen der Nachhaltigkeit zu zertifizieren. Die Verbraucher sollen erkennen können, ob ein Fisch umweltfreundlich gefangen oder gezüchtet wurde.

Deshalb gehen die Bemühungen unseres Hauses dahin, am Ende ein Schutzzeichen für die Aquakulturen vergleichbar dem Ökokennzeichen hinzubekommen und deutlich zu machen: Das sind die Kriterien. Wenn uns das gelingt, dann gehen die Vorwürfe auch ein Stück weit ins Leere, dass man nicht auch in Aquakultur Fische nachhaltig produzieren kann. Das ist sehr wohl möglich.

Gerd Hubold hält die Möglichkeiten der Fischzucht ebenfalls für begrenzt. Und er gibt zu bedenken, dass ein Fisch oder eine Garnele aus Aquakultur lediglich ein produziertes Lebensmittel sei wie andere auch. Außerdem rechnet er damit, dass auch in der Fischzucht schon bald die Gentechnik Einzug halten wird.

Meeresfisch als wildes Produkt wird das dann nicht mehr sein; dieses wilde Produkt wird sehr knapp. Und wir müssen alles tun, dass wir die Möglichkeiten, die das Meer bietet, sichern und sie nicht durch Überfischung zunichte machen.

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