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StartseiteKultur heuteArabien und das Gespenst des Islamismus06.01.2013

Arabien und das Gespenst des Islamismus

Neue Kulturkonflikte XI

Religion ist ein ideologischer Kampfstoff in der arabischen Welt. Viele Menschen lehnen den politischen Islam ab. Doch dessen Vertreter wissen, wie man ihn der Bevölkerung aufdrängt. Faire Mittel der Auseinandersetzung missachten sie. Säkulare Ideen und Ideale sind in der Defensive.

Von Kersten Knipp

Die heutigen Islamdebatten betonen oft den Gegensatz zwischen arabischer und westlicher Kultur.  (AP)
Die heutigen Islamdebatten betonen oft den Gegensatz zwischen arabischer und westlicher Kultur. (AP)

Immer wieder hatten die Aufständischen in Syrien den Westen um Waffen gebeten. Der hatte sie ihnen verweigert, aus teils guten Gründen. Das aber zwang die gegen das Assad-Regime kämpfenden Syrer, sich anderswo auszurüsten – vor allem bei golfarabischen Ölmilliardären. Die aber hängen überwiegend einem sehr konservativen Islam an. Darum, erklärt der Islamwissenschaftler und Politologe Thomas Pierret, unterstützen sie nur eine ganz bestimmte Art von Kämpfern.

"Es handelt sich um sehr wohlhabende Personen, die bereits dschihadistische Gruppen in Tschetschenien, Afghanistan und im Irak finanziert haben. Sie finanzieren nur ganz bestimmte Gruppen. Diejenigen, die sie unterstützen sollen gute Muslime und nach Möglichkeit Salafisten sein. Sicher gibt es auch überzeugte Islamisten in diesen Kreisen Aber es gibt auch eine ganze Reihe, die nur vorgeben es zu sein, um von diesen Leuten Geld zu bekommen."

Und so wird der Salafismus zum Label, einem Mäntelchen, das sich manche syrische Revolutionäre nur umhängen, um an Geld und damit an Waffen zu kommen. Mit der Ideologie selbst haben sie nichts oder wenig zu tun. Aber der Zweck heiligt die Mittel. Ohnehin kommt man in Syrien auf vielen Wegen zur Religion, erklärt die Journalistin Samar Yazbek, die mit ihrem Buch "Schrei nach Freiheit. Aus dem Inneren der syrischen Revolution" einen beklemmenden Bericht über die Gewalt in ihrem Heimatland vorgelegt hat. Viele ihrer Landsleute hätten ein seht entspanntes Verhältnis zur Religion, so Yazbek. Allerdings:

"Es ist dem Regime gelungen, den Christen, Alawiten und sonstigen Minderheiten einzureden, sie müssten Angst vor der sunnitischen Mehrheit haben. Außerdem fürchten die Christen, dass sich in Syrien dasselbe Szenario wie im Irak entwickeln würde. Das Regime hat von Anfang an versucht, einen religiös gefärbten Bürgerkrieg zu entfachen. Tatsächlich hat die religiös motivierte Gewalt zugenommen. Assad muss stürzen. Hält er sich, wird es für Syrien sehr gefährlich."

Den Syrern ist bewusst geworden, dass es viele Wege zur Religion gibt. Wenn Personen etwa nur darum angegriffen werden, weil sie Christen, Sunniten oder Aleviten sind, suchen sie Schutz bei ihrer Gruppe. Ob sie wollen oder nicht, sie sind gezwungen in konfessionellen Kategorien zu denken. Ist das Leben bedroht, scheinen säkulare Ideen sinnlos. In einem Land wie Syrien ist diese Taktik noch aus einem anderen Grund leicht: Unter der Herrschaft von Vater und Sohn Assad, also seit über 40 Jahren, hat sich dort kein gesellschaftlicher Diskurs entwickeln können. Alle entsprechenden Impulse wurden unterdrückt. Der Kolumnist Husam Itani hat die Folgen dieser kulturellen Unterdrückung kürzlich in der Tageszeitung "Al Hayat" beschrieben.

"Die krankhafte Unterdrückung durch das Regime fiel auf ein ausgehöhltes soziales Gebilde, das über keine Ausdrucksformen und Traditionen des freien Denkens verfügte. Darum lag es nahe, auf die traditionellen kulturellen und moralischen Ressourcen zurückzugreifen. Diese unterscheiden sich nicht unbedingt von denen des Regimes."

Genau diese Umstände seien auch für die immer noch nicht überwundene religiöse Gewalt im Irak verantwortlich, erklärt Hasan Usama von der Londoner Quilliam-Foundation, die ein Ausstiegsprogramm für islamistische Terroristen betreibt und die Ursachen des Fundamentalismus nachgeht. Auch dem Irak fehlen wesentliche Voraussetzungen für eine politische Auseinandersetzung mit friedlichen Mitteln.

"Der Hauptgrund ist ein Mangel an Demokratie. Der Irak befand sich über 30 Jahre lang unter der eisernen Faust Saddam Husseins. Ordnung wurde durch den Einsatz von Gewalt durchgesetzt, durch hochgradig repressive und tyrannische Systeme – kurzum, durch Polizeistaaten, die auf Haft, Mord und Folter setzten. Dieses System wurde nach der US-Invasion zerschlagen. Dann entstanden bewaffnete Milizen. Demokratie und zivile Strukturen, Redefreiheit und ordentliche Wahlen, ein Parlament: All dies braucht Jahre um sich zu entwickeln und zu reifen. Man muss bedenken, dass diese Dinge in Europa Jahrhunderte brauchten, um sich zu entwickeln."

Dennoch: Das Erbe Saddam Husseins ließ auch andere politische und ideologische Optionen zu. Längst nicht alle Iraker mochten sich für die harten Ideologien aus der Golfregion begeistern. Hasan Usama:

"Al Kaida im Irak ist sehr geschwächt worden. Die Organisation hat in den letzten Jahren viele Niederlagen erlitten. Die Iraker lehnen die strikte Interpretation der islamischen Gesetze ab, die Al Kaida im Irak durchzusetzen versuchte. Al Kaida hatte viele ausländische Kämpfer – Personen aus Saudi Arabien, Libyen, Syrien, aus allen Ländern der arabischen Welt. Das wollten viele Iraker nicht. Durch die Ermordung bedeutender Führer wie etwa Sarkawi und natürlich Bin Laden im letzten Jahr hat Al Kaida weltweit einen gewaltigen Rückschlag erlitten."

Religion ist ein ideologischer Kampfstoff in der arabischen Welt. Viele lehnen den politischen Islam ab. Doch dessen Vertreter wissen, wie man ihn der Bevölkerung aufdrängt. Faire Mittel der Auseinandersetzung missachten sie. Säkulare Ideen und Ideale sind in der Defensive.

Die Serie im Überblick:
"Clash of Cultures" - Neue Kulturkonflikte

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