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StartseiteCampus & KarriereHoher Bedarf, zu wenig Lehrkräfte21.12.2020

Arabischunterricht in Deutschland Hoher Bedarf, zu wenig Lehrkräfte

In 26 Ländern auf der Welt wird offiziell arabisch gesprochen, Arabisch ist eine der sechs Amtssprachen der Vereinten Nationen. Wer in Deutschland die Sprache lernen will, muss auf Angebote der Universitäten zurückgreifen. Im deutschen Schulunterricht gibt es das Fach nicht - bis auf eine Ausnahme.

Von Florian Zinner

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Das Sprachengymnasium Salzmannschule in Schnepfenthal bei Waltershausen (picture-alliance/ dpa | Martin Schutt)
Arabisch im Abitur gibt es nur an der Salzmannschule in Schnepfenthal (picture-alliance/ dpa | Martin Schutt)
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Paula Rötscher liebt Sprachen. Die europäischen allerdings waren ihr dann irgendwann doch zu eintönig. Das war der Zeitpunkt, als sich die heute 26-Jährige entschied, Arabisch zu studieren – in den USA, Jordanien und Deutschland. Denn wenn man sich erst einmal durchgebissen hat, gibt es die Belohnung: "Ich finde es einfach faszinierend, wie sich durch ein ganz neues Alphabet und ganz andere grammatische Strukturen, eine ganz neue literarische und kulturelle Welt erschließt."

Paula Rötscher ist eine von zwei Arabisch-Lehrkräften in Deutschland, die die Sprache als offizielle Fremdsprache nach Lehrplan unterrichten – an der Salzmannschule im kleinen westthüringischen Schnepfenthal. Das staatliche Spezialgymnasium für Sprachen am Rande des Thüringer Walds ist die einzige Schule in Deutschland, die Arabisch als offizielle Fremdsprache anbietet – Arabisch im Abitur, das gibt es nur hier.

Schueler waehrend einer Unterrichtsstunde. Feature an einer Schule in Goerlitz, 03.02.2017. , available, , Goerlitz Deutschland PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xFlorianxGaertnerx Schueler waehrend a Lesson Feature to a School in Goerlitz 03 02 2017 available Goerlitz Germany PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright xFlorianxGaertnerx (imago images / photothek)Schueler waehrend einer Unterrichtsstunde Feature an einer Schule in Goerlitz 03 02 2017 availa (imago images / photothek)Zweisprachigkeit - Muttersprachen im KlassenzimmerSchlechte Deutsch-Kenntnisse und eine gebrochene Muttersprache: Linguisten wissen längst, dass das beste Rezept für ein gutes Deutsch eine gut ausgeprägte Muttersprache ist. Eine Grundschule in Berlin versucht, gegen "doppelte Halbsprachigkeit" vorzugehen.

Der Bedarf ist größer als das Angebot

Paula Rötscher, die selbst aus Thüringen kommt, steht seit dem vergangenen August vor Schülerinnen und Schülern, die teilweise nur ein paar Jahre jünger sind als sie selbst. Und auch der Fremdsprachenunterricht ist ein bisschen anders als gewohnt. Die Klassen sind mit fünf bis 14 Schülerinnen und Schülern recht klein. Außerdem spiele die Sprache nur im Klassenraum eine Rolle: "Weil ich weiß, dass sie im Alltag überhaupt keine Berührungspunkte zur arabischen Sprache haben. Was natürlich bei Englisch überhaupt nicht so ist, da sie gefühlt den ganzen Tag englische Musik hören und sich auf sozialen Medienplattformen bewegen, auf denen Englisch verwendet wird. Und das ist bei Arabisch einfach nicht das Gleiche."

Trotzdem sei Arabisch nicht nur durch die internationale Verbreitung eine wichtige Weltsprache. Auch die Relevanz in Deutschland nehme spürbar zu. Der Bedarf sei zudem größer als das Angebot, sagt Peter Konerding, Vorsitzender des Fachverbands Arabisch in den deutschsprachigen Ländern.

"Beispielsweise im Auswärtigen Amt ist Arabisch eine gefragte Fremdsprache und die Möglichkeiten, dafür zu zu lernen sind beschränkt. Und die Zeit reicht nicht aus."

Auch in der Wirtschaft sei die Sprache gefragt. So wie in Bayern, wo sehr viel Handel mit der arabischen Welt getrieben werde. Viele Menschen hätten zudem einen kulturellen Hintergrund in den arabischsprachigen Ländern, aber über den im Elternhaus gesprochenen Dialekt hinaus keine Möglichkeit, sich mit der arabischen Standard- und Schriftsprache vertieft auseinanderzusetzen. 

Es fehlen diejenigen, die die Sprache unterrichten

Den Bedarf können keine freiwilligen Nachmittagsangebote ersetzen, so Peter Konerding, da sei auch die Konkurrenz durch andere Freizeitangebote zu hoch Er wünscht sich die Möglichkeit, Arabisch im Regelunterricht anbieten zu können. Damit das passiert, müssten sich die Kultusministerien mit Arabistinnen und Arabisten zusammensetzen und Lehrpläne schreiben. Und dann – braucht es noch diejenigen, die die Sprache unterrichten. 

"Was man bräuchte wären adäquate Ausbildungswege, zumindest in Form von Zusatzqualifikationen. Ich glaube, das ist das allerwichtigste und da fangen alle weiteren Planungen auch an."

Aber ohne Nachfrage in den Ländern und an den Schulen, gäbe es auch keine pädagogische Ausbildung für angehende Lehrkräfte. An der Salzmannschule unterrichten neben der Arabistin Paula Rötscher ein Muttersprachler das Fach. Im Unterricht müsse folglich improvisiert werden, so Schulleiter Dirk Schmidt. Das betrifft genauso Chinesisch und Japanisch, die ebenfalls in Schnepfenthal unterrichtet werden:

"Es mangelt ganz einfach daran, dass die großen Verlage wenig Wert darauf legen, auch in Deutschland Lehrbücher zu entwickeln, weil der Bedarf ganz einfach nicht da ist. Und deshalb suchen sich die Kolleginnen und Kollegen auf dem internationalen Markt entsprechende Lehrbücher zusammen oder adaptieren die oder stellen im Wesentlichen auch Unterrichts oder Lehrmittel her."

Politische Themen im Unterricht

Außerdem seien zwielichtige Angebote ein Problem, in denen nicht klar zwischen Sprache und Religion getrennt werde, ergänzt der Arabist Peter Konerding. Ein Umstand, der auch aus dem Unterricht für Muttersprachlerinnen und -sprachler im Grundschulalter bekannt sei.

Paula Rötscher von der Salzmannschule findet allerdings: Politische Themen aus dem arabischen Raum, wie der Bürgerkrieg in Syrien und der Nahostkonflikt, gehören klar in den Unterricht.

"Im Endeffekt soll mein Unterricht dazu beitragen, dass meine Schüler auf die große weite Welt vorbereitet sind. Und da kann ich nicht einfach diese wichtigen Dinge, die sich vor arabischsprachigen Hintergründen abspielen, ignorieren."

Die junge Lehrerin will auch dazu beitragen, dass Sprache nicht automatisch mit negativen gesellschaftlichen und geopolitischen Aspekten verknüpft werde. Denn Vorurteile auszuhebeln, auch das sei Teil des Sprachunterrichts.

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