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StartseiteEuropa heuteZu wenig Jobs für zu viele Akademiker23.04.2019

Arbeiten im KosovoZu wenig Jobs für zu viele Akademiker

Viele junge Frauen und Männer studieren an den mehr als 40 Hochschulen im Kosovo. Doch Jobs gibt es für all die Absolventen, die Banker, Anwälte und Chemiker werden wollen, nicht. Gefragt sind vor allem Handwerker und Fachkräfte für Fabriken.

Von Christoph Kersting

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Ein Graffiti auf einer Hauswand neben Haupteingang der Chemie-Fakulät in Pristina zeigt eine Ratte, die mit Reagenzgläsern experimentiert (Deutschlandradio / Christoph Kersting)
Viele Chemie-Studenten in Pristina sind enttäuscht - daran ändert auch das knallbunte Graffiti neben dem Haupteingang der Fakultät nichts (Deutschlandradio / Christoph Kersting)
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Wer in Pristina Chemie studiert, begegnet morgens zunächst einer schlauen Ratte: Der überdimensionale Nager mit Schutzbrille experimentiert mit Reagenzglas und allerlei brodelnden Flüssigkeiten – das riesige knallbunte Graffiti ziert eine Wand direkt neben dem Haupteingang der Chemie-Fakultät.

Damit hört der Spaß dann aber schon wieder auf - im Studentenleben von Ametid Lelo. Er ist 21 Jahre alt, klein gewachsen, etwas blass um die Nase, auf der eine Nickelbrille sitzt. Ametid studiert Chemie im dritten Semester. Er hockt etwas gelangweilt auf einer Bank im ersten Stock des Gebäudes, denn seine Vorlesung über anorganische Chemie ist gerade ausgefallen, keine Seltenheit, wie er zynisch grinsend bemerkt.

Ein Studium, das nichts bringt

Dabei hatte Ametid ein großes Vorbild vor Augen, als er sich dazu entschloss Chemiker zu werden:

"Sherlock Holmes hat ja auch Chemie studiert. Das war der eigentliche Grund. Mein Plan war immer das mit Forensik zu kombinieren. Es gab auch keine echte Alternative, also bin ich hier gelandet. Man ist eben auch naiv nach der Schule, jetzt bin ich seit anderthalb Jahren hier und weiß, dass es nichts bringt. Ich werde wohl trotzdem meinen ersten Abschluss machen und dann vielleicht noch einen Master anderswo, im Ausland."

Dass der junge Chemie-Student schon lange vor dem Ende seines Studiums ziemlich resigniert klingt, hat gute Gründe – die Qualität des Studiums zum Beispiel.

"Die Jobaussichten sind ziemlich schlecht. Und das hat auch damit zu tun, dass wir hier viel nutzloses Zeug lernen, das völlig überholt ist. Wir haben uns zum Beispiel fast ein ganzes Semester lang mit einer Sache beschäftigt, die kein Mensch braucht, weil das anderswo, in Westeuropa, Asien, den USA längst automatisierte Abläufe sind. Außerdem fehlt uns häufig die richtige Ausstattung in den Uni-Laboren. Und wir können uns auch nicht auf Biochemie spezialisieren. Das ist ja ein wichtiger Bereich, wenn es um Jobs geht. Irgendein idiotisches Gesetz im Kosovo sagt aber: Biochemie können nur Medizin-Studenten machen - Schwachsinn, Biochemie ist doch ein Teil der Chemie!"

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Bildung im Kosovo - Versagen eines jungen Staates".

Studieninhalte sind das Eine. Hinzu kommt, dass es kaum Jobs für Ametid und hunderte andere Chemie-Absolventen gibt, die jedes Jahr im Kosovo ihren Abschluss machen. Nicht anders sieht es bei den Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern aus. Ihre Fakultätsgebäude liegen auf dem Uni-Campus im Zentrum Pristinas nur einen Steinwurf von den Chemie-Hörsälen entfernt. Jobperspektiven nach dem Studium? Nur ratlose Blicke auch bei den Anwälten, Richtern und Bankern in spe.

Inzwischen hat sich eine Mitstudentin zu Ametid gesellt. Diana Krasniqi ist 21, hat schon mit ihrer Familie einige Jahre in England gelebt und von dort einen unüberhörbar britischen Akzent mitgebracht.

Traumberuf Chemieingenieurin

Sie habe sich schon immer für Naturwissenschaften, Medizin, Pharmazie interessiert, berichtet die zierliche junge Frau – jetzt wolle sie Chemie-Ingenieurin werden, auch wenn das im Kosovo fast unmöglich sei.

"Tatsache ist: Kaum jemand, der hier Chemie studiert, arbeitet dann auch später in diesem Bereich. Klar, es ist immer auch eine Frage, wie man sich bei der Jobsuche anstellt. Aber die große Mehrheit der Leute, die ich kenne, sitzt nach dem Studium hinter der Kasse in irgendwelchen Läden."

Ametid (l) und Diana (r) studieren in Pristina Chemie (Deutschlandradio / Christoph Kersting)Ametid (l) und Diana (r) studieren in Pristina Chemie (Deutschlandradio / Christoph Kersting)

Das Land bräuchte Facharbeiter für Fabriken. Und Absolventen handwerklicher Berufe: Fliesenleger, Klempner und Maurer. Denn die Republik Kosovo ist auch 20 Jahre nach Kriegsende noch immer ein Land im Wiederaufbau. Diese Branche boomt – auch weil Kriegsflüchtlige und Auswanderer in die alte Heimat zurückkehren und sich dann Häuser bauen lassen.

Bildung als Geschäftsmodell

Hinzu kommt: Nach dem Krieg schossen private Hochschulen mit zweifelhaftem Ruf wie Pilze aus dem Boden. Bildung ist ein Geschäftsmodell, von dem viele profitieren – die Studierenden allerdings kaum.

Um den schlechten Zustand des Bildungssystems will auch der zuständige Minister Shyqyri Bytyqi gar nicht lange herumreden. Die Zahl der Hochschulen müsse deutlich reduziert, die Qualität erhöht werden. Bytyqi ist sich sicher, dass es hier in Zukunft auch für Akademiker Jobs geben wird:

"Gerade heute Morgen hatte ich ein Treffen mit dem Wirtschaftsminister und Vertretern der Energiebranche. Und das ist ein Bereich, in dem wir heute und künftig einen immensen Bedarf an Fachkräften im Kosovo haben werden. Da werden aktuell hunderte Fachleute gesucht."

In anderen Bereichen, das weiß auch Bytyqi, sieht es jedoch düster aus. Veränderungen brauchen Zeit, sagt er, gerade in einem so jungen Staat. Auch die Chemie-Studentin Diana Krasniqi setzt darauf, dass sich die Lage im Kosovo zum Positiven wendet. Sie will nach dem Studium mit anderen Absolventen ein eigenes Chemie-Labor in Pristina aufmachen. Einen Plan B hat sie nicht.

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