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StartseiteHintergrundDer Boom der digitalen Dienste01.06.2020

Arbeiten in der CloudDer Boom der digitalen Dienste

Immer mehr Dienste und Daten werden in der sogenannten Cloud zentral gespeichert. Den Markt dominieren US-amerikanische Anbieter. Mit Gaia-X will die Bundesregierung deshalb ein europäisches Angebot starten - in wenigen Tagen wird das technische Konzept erwartet.

Von Katharina Peetz

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Eine Illustration zeigt den Schattenumriss eines Mannes an einem Schreibtisch vor einem grafischen Hintergrund. (imago images / Ikon Images / Gary Waters)
Homeoffice wird durch Cloud-Anwendung einfacher (imago images / Ikon Images / Gary Waters)
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Der Sanitärbetrieb Wurth in Kürten, in der Nähe von Köln. ein Familienunternehmen mit 20 Angestellten. Geschäftsführer Sebastian Wurth beugt sich an seinem Schreibtisch zu dem großen Computerbildschirm. Gemeinsam mit einem Mitarbeiter sitzt er gerade an der Planung für ein Mehrfamilienhaus. Als erstes muss berechnet werden, wie leistungsfähig die Heizung später sein muss.

"Daran arbeitet gerade der Kollege im Homeoffice. Und ich arbeite währenddessen an den Rohrleitungszeichnungen. Das heißt, da wird genau geschaut, wo laufen die Wasserleitungen durch das Gebäude. Und die werden dann eingezeichnet in die Pläne. Und so können wir gleichzeitig an einem Modell arbeiten. Und haben dann am Ende ein fertiges Ergebnis und müssen nicht aus mehreren Teilergebnissen erst ein neues Modell entwerfen."

Möglich wird das gemeinsame, gleichzeitige Arbeiten an einem Rohrleitungs- und Heizlastplan durch die Cloud. Auf Deutsch übersetzt: Wolke. Eine etwas schwierige Metapher: Beschrieben wird damit etwas, das sich vernetzt an einem nicht-greifbaren Ort abspielt. Über Cloud-Dienste kann IT ausgelagert werden.

Dezentralisierung der Daten und Dienste

Bevor es die Cloud gab, brauchte jedes Unternehmen ein eigenes Rechenzentrum auf dem Firmengelände. Heute können die Nutzer von Clouds diese Speicher- und Rechenkapazitäten bei externen Anbietern mieten. In einem vereinfachenden Bild aus der analogen Welt ausgedrückt: Der Aktenschrank steht nicht mehr im eigenen Büro. Stattdessen werden die Akten in Räumen bei anderen Firmen abgelegt. Wer den passenden Schlüssel hat, kann darauf zugreifen. Und zwar von überall. Das ist ein entscheidender Vorteil - insbesondere jetzt in der Coronapandemie, wo viele Unternehmen auf Homeoffice setzen.

Der Sanitärbetrieb Wurth nutzt Cloud-Dienste schon seit einigen Jahren. Das zahlt sich derzeit besonders aus. Denn auch die Mitarbeiter, die zur Wartung oder Reparatur von Heizungen zu Kunden fahren, bekommen ihre Aufträge über die Cloud, erklärt Sebastian Wurth.

"Das hat natürlich im Moment den Vorteil, wenn man mal an die Coronazeit denkt, dass die Mitarbeiter nicht mehr hier sich ihre Aufträge im Firmengebäude morgens abholen müssen, sondern können direkt von zu Hause aus starten und bekommen die Aufträge dann am Vorabend in ihre Dropbox gestellt. Wir machen das mit einer Dropbox-Lösung. Und können die da einfach runterladen und auf ihrem Tablet öffnen. Das ist eigentlich so der aktuelle Anwendungsfall, der uns in der Coronazeit hilft, hier so ein bisschen die Kontaktpunkte unter den einzelnen Mitarbeitern zu vermeiden."

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Clouds ermöglichen viel mehr als die reine Speicherung von Daten. So können Entwickler von Software auf der Cloud eigene Anwendungen betreiben, zum Beispiel Apps. Oder Cloud-Anbieter stellen direkt ganze Software zur Verfügung. Im Bild aus der analogen Welt ausgedrückt: Es gibt nicht mehr nur einen Raum voller Akten, sondern viele weitere Räume, die zum Arbeiten angemietet werden können. Und sogar ganze Maschinen. Zum Beispiel eine Bürosoftware mit verschiedenen Textverarbeitungsprogrammen, die via Internet von jedem Ort der Welt genutzt werden kann. Auch E-Mail- oder Videokonferenzanwendungen sind häufig cloudbasiert. Teilweise arbeiten auch Schulen mit Cloud-Lösungen und erleichtern dadurch auch das Lernen von zu Hause.

Hohes Wachstum prognostiziert

Wegen Corona ist aktuell viel davon die Rede, dass Lieferketten wieder ent-globalisiert würden, dass Produktion wieder regionalisiert werde. In der Welt digitaler Produkte ist es schon seit Längerem umgekehrt: Die Anwendungen werden global und ortsunabhängig genutzt. Der Markt für öffentliche Clouds ist ein großes, ein wachsendes Geschäftsfeld. René Büst ist Analyst beim Marktforschungsunternehmen Gartner und zuständig für den Bereich Clouds.

"Wir bei Gartner prognostizieren für dieses Jahr, für das Jahr 2020, ein Gesamtmarktvolumen von 266 Milliarden US-Dollar weltweit. Das ist schon recht groß."

Im Vergleich zum Vorjahr wäre das ein Wachstum um 17 Prozent. Tendenz: weiter steigend. Weil in der Coronakrise noch stärker auf digitale Anwendungen gesetzt wird, erhöht sich die Nachfrage nach Cloud-Diensten. An konkreten Zahlen lasse sich das derzeit noch nicht festmachen, sagt Analyst Büst. Doch in vielen Unternehmen hat die Pandemie der Digitalisierung einen Schub verliehen:

"Wo zwar schon über mehrere Monate vor dem Coronavirus darüber diskutiert wurde, ob nicht solche Lösungen eingeführt werden sollen. Aber als dann tatsächlich der Virus vor der Tür stand, dann innerhalb von vier Tagen beispielsweise in einem Fall für die über 15.000 Arbeitsplätze so eine Cloud-Kollaborationslösung ausgerollt wurde."

Amazon-Vertriebszentrum in Deutschland (dpa / Katerina Sulova)Amazon-Vertriebszentrum: Mit AWS gehört der Internetkonzern zu den führenden Anbietern von Cloud-Services weltweit (dpa / Katerina Sulova)

Um die Wartung der IT und Sicherheitsvorkehrungen kümmert sich der Cloud-Anbieter. Denn natürlich besteht auch bei Clouds das Risiko von Hackerangriffen. So waren kürzlich beispielsweise eine Schul-Cloud gehackt und Namen von Schülern abgegriffen worden.

Cloud-Lösungen bieten jedoch auch eine hohe Flexibilität. Ein Vorteil, der in der Coronakrise ebenfalls besonders zum Tragen kommt. Denn viele Unternehmen mussten kurzfristig ihre Produktion herunterfahren. Susanne Dehmel aus der Geschäftsleitung von Bitkom, dem Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche:

"Wenn ich eine hohe Rechenleistung brauche oder eine hohe Speicherkapazität für eine gewisse Weile, die sind skalierbar, kann ich die leicht zukaufen. Und wenn ich die nicht mehr brauche, kann ich die wieder runterfahren und damit auch die Kosten runterfahren, so dass das eine große unternehmerische Flexibilität bietet."

Führende Anbieter kommen aus den USA

Diese Anpassungsfähigkeit wird im Fachjargon Skalierbarkeit genannt. Große Dienste, so genannte Hyperscaler, die massive Skalierungen anbieten, beherrschen den Markt. Sie stammen vor allem aus den USA.

Marktführer ist Amazon mit der Sparte Amazon Web Services (AWS). Im ersten Quartal 2020 lag der Nettoumsatz von AWS bei 10,2 Milliarden US-Dollar und damit 33 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. Betrachtet man den Gewinn, ist das Cloud-Angebot derzeit entscheidend für den kompletten Konzern: AWS machte zuletzt rund drei Viertel des operativen Ergebnisses von Amazon aus.

Doch die Konkurrenten auf dem Cloud-Markt – vor allem Microsoft und Google - holen auf. Jenseits der USA hat auch der chinesische Internetkonzern Alibaba die Cloud für sich entdeckt. Mitte April kündigte Alibaba an, in den nächsten drei Jahren umgerechnet 28 Milliarden US-Dollar in den Ausbau dieser Sparte zu stecken.

All diese Anbieter betreiben auch in Deutschland oder Europa diverse Rechenzentren. Aus Deutschland stammende Cloud-Dienstleister sind bislang fast ausschließlich kleine und mittlere Unternehmen. Zu den wenigen – größeren - Ausnahmen gehören die Deutsche Telekom und der Softwarekonzern SAP.

Deutsche oder ausländische Cloud-Anbieter? Diese Frage stellte sich auch der rheinische Sanitärbetrieb Wurth. Und entschied sich letztlich – wie viele andere Unternehmen – für eine Mischung aus beidem. Sebastian Wurth:

"Beim Thema Datensicherung ist uns das sehr wichtig, dass wir da auf einen deutschen Anbieter gesetzt haben. Weil da ist es anders als bei der Dropbox, den Kundendienstaufträgen, da arbeiten wir mit sehr vielen sensiblen Daten. Also nicht nur unsere ganzen betrieblichen Daten, Kalkulationsdaten etc., sondern natürlich auch die ganze Kundendatenbank befindet sich in der Datensicherung unseres Servers. Und da sind wir froh, dass wir zusammen mit dem Hersteller unseres Servers, der Firma Wortmann Terra, eine Möglichkeit gefunden haben, einen Cloud-Anbieter in Deutschland zu finden."

Datenschutz ist insbesondere in deutschen Unternehmen eines der wichtigsten Kriterien bei der Cloud-Nutzung. So ergab eine Umfrage von Bitkom Research vergangenes Jahr, dass für 90 Prozent der Unternehmen die Konformität der Datenschutzbestimmungen bei Cloud-Lösungen unverzichtbar ist.

Bedenken bei der Wahl ausländischer Anbieter

Grundsätzlich sind alle Unternehmen, auch ausländische, die ihre Dienste in Europa anbieten, sowieso verpflichtet, die hiesigen Datenschutzbestimmungen einzuhalten, erklärt Susanne Dehmel, die bei Bitkom für den Bereich Recht und Sicherheit zuständig ist. Trotzdem seien Sicherheitsbedenken oft noch das größte Hemmnis für Unternehmen."Es gibt teilweise Verunsicherungen, inwieweit die Daten in der Cloud sicher nur dem eigenen Unternehmen weiter zur Verfügung stehen. Ein Aspekt ist sicherlich auch der Datenschutz. Da gibt es teilweise Unsicherheit bei den Unternehmen, inwieweit das gewährleistet ist, gerade bei internationalen Anbietern. Teilweise ist es auch einfach eine generelle Frage: Bekomme ich die Daten wieder raus, also das ist eine Interoperabilitätsfrage. Und Angst vor Lock-in-Effekten: Wenn ich mich jetzt auf einen Anbieter komplett verlasse, kann ich dann ohne weiteres wieder die Daten auch umziehen."

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Auch wenn deutschen – und auch europäischen – Unternehmen oft eine gewisse Scheu vorm Digitalen nachgesagt wird: Solche Befürchtungen sind nicht aus der Luft gegriffen. Die Bundesregierung hat reagiert und eine europäische Initiative angestoßen: Gaia-X heißt das Projekt. Das Ziel: Eine sichere und vernetzte europäische Dateninfrastruktur zu schaffen. So sollen Daten verfügbar gemacht und geteilt werden können. Im Herbst vergangenen Jahres stellten Bundeswirtschafts- und Bundesforschungsministerium mit Akteuren aus Wirtschaft und Wissenschaft das Projekt auf dem Digitalgipfel vor. Thomas Jarzombek, Beauftragter für Digitale Wirtschaft im Wirtschaftsministerium, betonte:

"Unsere Idee besteht nicht darin, hier einen direkten Konkurrenten zu amerikanischen Angeboten zu schaffen. Das, was wir erreichen wollen, ist, dass wir ein Set von Schnittstellen definieren, und von Standards definieren, von Abrechnungssystemen. Alles, was man braucht, um diese Angebote, die es heute in der Cloud gibt, diese alle so miteinander zu verbinden, dass daraus eine Innovationsplattform wird."

Gaia-X soll eine europäische Lösung schaffen

Technisch sollen dabei Cloud-Lösungen mit so genannten Edge-Lösungen kombiniert werden. Beim Edge Computing werden Daten - anders als bei der Cloud - dezentral, also in der Nähe ihres Entstehungsortes und damit schneller verarbeitet.

In Kürze soll eine rechtsfähige Organisation zur Umsetzung von Gaia-X gegründet werden. Durch Gaia-X soll Datensouveränität in Europa und größere Unabhängigkeit von internationalen Anbietern hergestellt werden – sowohl in betriebswirtschaftlicher Hinsicht, als auch für den Fall politischer Konflikte, heißt es im Konzeptpapier. Denn Handelskonflikte wie zuletzt zwischen den USA und der EU könnten sich auch auf die Möglichkeiten des Datenaustauschs auswirken, so lautet zumindest eine Befürchtung in der Branche.

Auch verschiedene Anwendungsbeispiele sind im Entwurfspapier zu Gaia-X skizziert. So könnten Anwendungen über Gaia-X zum Beispiel in der Finanzbranche, im Gesundheitssystem oder in der öffentlichen Verwaltung eingesetzt werden. Gerade dort, wo es um besonders sensible Daten geht, ist die Möglichkeit der sicheren Speicherung und des Austauschs von entscheidender Bedeutung.

Man gehe den Weg gemeinsam mit Partnern aus Europa, allen voran Frankreich, und der Europäischen Kommission, erklärte das Wirtschaftsministerium. Das Projekt sei als Vorschlag an Europa zu verstehen. Frankreich sitzt mit im Boot, wie ein deutsch-französisches Positionspapier zu Gaia-X vom Februar unterstreicht.

EU-Kommission verfolgt Datenstrategie

Es wurde fast zeitgleich mit der Datenstrategie der EU-Kommission veröffentlicht. Daraus ging hervor: 2018 nutzte nur ein Viertel der Unternehmen in Europa Cloud-Dienste. Um die Vorteile einer besseren Datennutzung auszuschöpfen, sollen unter anderem zwei Milliarden Euro in den Aufbau verschiedener europäischer Datenräume und -dienste investiert werden. Kommissionssprecher Johannes Bahrke:

"Das Ziel ist, europäische Unternehmen und den öffentlichen Sektor in allen Mitgliedsstaaten beim digitalen Wandel zu unterstützen. Die Vergabe der EU-Mittel wird in einem öffentlichen, transparenten Verfahren stattfinden. Und daran können alle – und natürlich auch Gaia-X Mitglieder – teilnehmen."

An Gaia-X sind aktuell rund 300 Unternehmen und Organisationen beteiligt. Dazu gehören große deutsche Unternehmen wie Siemens, SAP, die Deutsche Telekom und die Deutsche Bank. Aber auch US-amerikanische Hyperscaler wie Amazons AWS und Google arbeiten in den technischen Arbeitsgruppen mit. Auch Microsoft ist nach eigenen Angaben in Gesprächen mit dem Bundeswirtschaftsministerium.

Pfeile zeigen in Neon-Wolken / Arrows show in Neon Clouds (imago / Aeriform) (imago / Aeriform)Projekt Gaia X - Europäische Cloud noch ohne technische Basis
Die europäische Cloud Gaia X soll Server unterschiedlicher Unternehmen und Organisationen vernetzen. Einen großen Vorteil sehen die Akteure in der Unabhängigkeit von US-Anbietern. Die Umsetzung ist für nächstes Jahr geplant, doch technische Details sind noch unklar.

Grundsätzlich begrüße man die Zielsetzung, ein europäisches Datennetzwerk aufzubauen, sagt Tabea Rößner, netzpolitische Sprecherin in der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Man habe in Deutschland und Europa viel Zeit verschlafen, indem man sich auf die großen Anbieter verlassen habe. In der Beteiligung dieser Hyperscaler an Gaia-X sieht Rößner jedoch einen Widerspruch.

"Es ist schon ein bisschen paradox. Ich kann ja einerseits verstehen, dass man sagt, man will die großen Unternehmen beteiligen, die viel Erfahrung haben, die schon eine Infrastruktur haben. Das sind dann die US-amerikanischen Unternehmen wie Amazon Web Services oder Google. Wenn man aber gleichzeitig sagt, man will ein Gegenprojekt aufbauen, um den großen Playern aus den USA, aus China und so weiter etwas entgegenzusetzen, dann ist das natürlich eher kontraproduktiv, auch was das Vertrauen in eine solche Plattform betrifft. Und ich denke, das ist das A und O. Es ist absolut zentral, dass Unternehmen, Privatpersonen und Wissenschaft Vertrauen in eine solche Plattform haben, sonst wird sie eben nicht genutzt."

Der Branchenverband Bitkom war an der Ausarbeitung des Konzepts von Gaia-X beteiligt. Geschäftsleitungsmitglied Susanne Dehmel hält entsprechend dagegen:

"Ich glaube, dass es insofern kein Widerspruch ist, als ja in Gaia-X versucht wird, zu definieren, was sind die Anforderungen, die wir generell an alle stellen, die bei diesem Netzwerk mitmachen möchten und ihre Dienste über Gaia-X anbieten wollen. Die Kriterien, die wir da festlegen wollen, die werden für alle gelten. Und da sehe ich eigentlich eine Chance, dass man sich da in diesem Verbund drauf einigt, wie bestimmte Grundlagen aussehen müssen, damit da auch sensible Daten verarbeitet werden können, gemeinsam verarbeitet werden können, dass das wirklich eine vertrauenswürdige Infrastruktur auch für den Ausbau der Datenwirtschaft in Europa sein kann."

Frage der Attraktivität für Endnutzer

Für den Analysten René Büst ist trotzdem noch offen, ob Gaia-X für die Endnutzer attraktiv genug sein wird.

"Die Frage ist halt: Wenn diese Anbieter an diesem Projekt mitarbeiten, warum soll ich als Endkunde durch dieses Rahmenwerk durchgehen oder diese Schnittstellen, die Gaia-X vorgibt, benutzen, wenn ich es doch einfacher haben könnte - und direkt mit den Anbietern zu arbeiten, zu kommunizieren oder die Systeme dieser Anbieter zu nutzen. Und diese Fragen, die muss Gaia-X auch noch klären, da gibt es auch noch keine konkreten Antworten."

Doch soll Gaia-X eben die Verunsicherung in Sachen Datenschutz und Datensicherheit aus dem Weg räumen, und zwar durch Offenheit und Transparenz, die von all denjenigen verlangt wird, die sich beteiligen.

Die EU-Kommission nennt in ihrer Datenstrategie das Ziel einer geringeren technologischen Abhängigkeit Europas und verweist unter anderem auf Gesetze in anderen Ländern, etwa diverse chinesische Gesetze über Cybersicherheit und nationale Nachrichtendienste. Auch der so genannte Cloud Act aus den USA rufe Bedenken hervor, schreibt die Kommission:

Abhängigkeit vom Ausland soll vermindert werden

"Selbst wenn Gesetze von Drittländern wie der US-amerikanische Cloud Act auf Gründen der öffentlichen Ordnung beruhen, wirft die Anwendung ausländischer Rechtsvorschriften bei europäischen Unternehmen, Bürgern und Behörden berechtigte Bedenken hinsichtlich der Rechtssicherheit und der Einhaltung des geltenden EU-Rechts, zum Beispiel der Datenschutzvorschriften, auf."

Der Cloud Act gilt seit 2018. Das Akronym Cloud steht in diesem Fall für "Clarifying Lawful Overseas Use of Data", auf Deutsch: Gesetz zur Regelung der rechtmäßigen Verwendung von Daten im Ausland. US-Firmen sind demnach verpflichtet, Daten an US-Ermittlungsbehörden auf Verlangen herauszugeben. Die EU plant mit der sogenannten E-Evidence-Verordnung etwas Ähnliches innerhalb der EU. Kritiker fürchten Datenmissbrauch, wenn keine entsprechenden Kontrollmechanismen dazwischengeschaltet werden.

EU und USA führen derzeit Gespräche über ein Abkommen, das den grenzüberschreitenden Zugang zu elektronischen Beweismitteln erleichtern und die Gefahr von Rechtsunsicherheiten aus dem Weg räumen soll. Für Tabea Rößner von den Grünen ist die Frage nach dem Datenschutz eine der entscheidenden, aber noch offenen Fragen bei Gaia-X:

"Wie wird das tatsächlich sein mit dem Datenschutzniveau. Wie wird es gewährleistet werden, dass die EU-Bürgerinnen und EU-Bürger beispielsweise, die das Recht haben, vorab zu wissen, was mit ihren Daten passiert, die auch mitentscheiden sollen, die Übermittlung, auch das Einverständnis für die Übermittlung geben sollen, wie das beispielsweise gewährleistet werden soll. Deshalb wäre es wichtig, dass wir eine Datenschutzgrundverordnungszertifizierung endlich etablieren. Und die gibt es ja immer noch nicht. Und das mahnen inzwischen viele Anbieter ja auch an."

Solche Zertifikate würden den Nutzern Sicherheit bieten, aber auch die Anbieter hätten damit Klarheit darüber, wie sie ihre Dienste im Detail gestalten müssen, damit sie DSGVO-konform sind. Auf Anfrage des Deutschlandfunks nach dem Datenschutzstandard, wenn US-Unternehmen bei Gaia-X mitmachen, antwortet das Wirtschaftsministerium schriftlich und ein wenig allgemein:

"GAIA-X muss selbstverständlich die DSGVO einhalten. Alle Akteure, die an GAIA-X teilnehmen, müssen sich zu diesem Grundprinzip bekennen."

Klarheit und Sicherheit wünscht sich auch Sebastian Wurth vom Sanitärbetrieb in Kürten bei Köln. Er kann sich vorstellen, dass eine europäische Dateninfrastruktur dabei hilfreich sein könnte.

"Ich sehe den Bedarf auf jeden Fall, weil wir sind im Moment sehr viel auf die amerikanischen Anbieter angewiesen. Ich will jetzt nicht sagen, wir sind davon abhängig. Aber ich glaube, Deutschland würde sich damit schon einen Gefallen tun, wenn die Entwicklung da stärker zunimmt und dass man auf deutsche Anbieter setzen kann, damit wir einfach sicherer sind, was diese ganze Gesetzesgebung angeht, was mit unseren Daten passiert und was auch den Datenschutz angeht."Ende des Jahres soll ein erster Gaia-X-Testlauf starten. In wenigen Tagen wird das technische Konzept dafür erwartet. Für die Unternehmen, die in der Coronakrise nach einer europäischen Cloud-Lösung suchen, wird Gaia-X wohl zu spät kommen.

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