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StartseiteCampus & KarriereBrexit-Sorgen bei deutschen Auswanderern12.02.2019

Arbeitnehmer in GroßbritannienBrexit-Sorgen bei deutschen Auswanderern

Bedeutet der Brexit auch den Job-Exit? Das fragen sich die Europäer, die in Großbritannien leben und arbeiten. Ob ihnen nach dem umstrittenen Austritt aus der EU Arbeitserlaubnisse und Bleiberecht gewährt werden, ist ungewiss. Und damit auch ihre berufliche Zukunft.

Von Moritz Börner

Touristen ziehen auf der Warschauer Straße in Berlin ihre Koffer hinter sich her. Auf einem Rollkoffer ist die britische Fahne zu sehen. (picture alliance/dpa/Jens Kalaene)
Über 300.000 in Großbritannien lebende Deutsche sind vom Brexit direkt betroffen (picture alliance/dpa/Jens Kalaene)
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Ob der Brexit wirklich zum geplanten Termin kommen wird, oder ob er verschoben wird, all das lässt sich momentan noch gar nicht sagen. Schon jetzt steht aber fest: Die Verlierer des Hin und Hers sind die EU – Europäer, die in Großbritannien leben. Circa 300.000 Deutsche zum Beispiel. Im Moment ist völlig unklar, ob sie nach dem Brexit überhaupt eine Arbeitserlaubnis bekommen werden, ob sie überhaupt bleiben dürfen. Zum Beispiel Wolfgang Weiss, der im ländlichen Uckfield südlich von London lebt und keine Ahnung hat, wie es bei ihm beruflich weiter gehen wird:

"Okay we´re starting with twenty four, nice long strokes, when you have square blades, make sure, that you are having the blades up."

Rudertraining an einem wolkenverhangenen Samstagmorgen auf einem kleinen See südlich von London. Trotz Kälte und Wind ziehen Jugendliche in Rennruderbooten ihre Bahnen. Wolfgang Weiss trainiert sie, er fährt mit einem kleinen Motorboot von einem Ruderer zum nächsten, gibt Anweisungen und Tipps:

"Okay Milli, make sure you are going with variety."

Als Trainer arbeitet der 52 jährige gebürtige Hesse schon seit Jahren, bisher allerdings nur in der Freizeit. Hauptberuflich baut Wolfgang Weiss für das britische Gesundheitssystem NHS Arztpraxen auf. Bisher zumindest. Denn sein aktueller Arbeitsvertrag gilt nur bis zum Brexit Ende März:

"Die Hauptproblematik ist zum einen, ob ich eine Arbeitserlaubnis kriege! Wenn da jetzt kein Deal ist, und wenn da keine Übergangsphase ist, bin ich da jetzt erstmal Ausländer wie im normalen Drittland, und müsste erstmal Arbeitserlaubnis her bekommen. Aber selbst wenn ich eine bekommen würde, ohne Deal ist dann die Frage, ob die komplette Ausbildung, die für meinen Job nötig ist, ob die überhaupt anerkannt wird! Ich habe deutsche Universitätsabschlüsse, deutsche Papiere."

Ungewissheit zwingt zum Nachdenken über Alternativen

Weiss muss deswegen umdenken. Er ist mit einer Engländerin verheiratet, hat zwei Söhne. Um die Familie zu ernähren, will er sich jetzt als Rudertrainer ein zweites Standbein aufbauen, hat mit seiner Frau eine Firma gegründet. In diesem Bereich, so seine Hoffnung, könnte er auch noch nach dem Brexit weiter arbeiten. Ganz ähnliche Sorgen hat auch Alina Useinovic, die in Birmingham lebt. Die 36-Jährige ist vor sechs Jahren von Köln in die mittelenglische Industriestadt gezogen, wo sie für einen deutschen Automobilzulieferer im Management tätig ist. Die Frage ist nur, wie lange noch?

"Der CEO von Jaguar hat gesagt, wenn ein harter Brexit passiert, dann müssen wir 10.000 Stellen streichen, dann bricht die Automobilindustrie in England zusammen und dann hab ich hier theoretisch in England erstmal keinen Job. Ich müsste wahrscheinlich in ein anderes Land umziehen."

Das wäre ein harter Schnitt, denn in Birmingham fühlt sie sich mittlerweile zu Hause, ihr Freund ist Engländer, sie hat eine Wohnung gekauft:

"Dann sitzt du da und hast dir ein Leben aufgebaut, hast einen tollen Plan, meine Wohnung abzuzahlen, bin mit 40 schuldenfrei, habe eine Beziehung, die hat auch Hand und Fuß. Theoretisch könntest du sagen, in sechs Monaten kannst du das alles streichen und bei null anfangen. Ich bin schon nachts aufgewacht, und hab geträumt, dass sie dich abschieben, und dann sitzt du nachts weinend im Bett und das geht einem schon an die Gurgel!"

Misstrauen gegenüber britischer Regierung

Das Misstrauen in die britische Regierung ist groß unter den Auslandseuropäern. Denn ursprüngliche hatte die britische Regierung ihnen zugesichert, dass sie bleiben dürfen. Aus dem Grund ist auch Gianna Eick kurz nach dem Brexit-Referendum als Dozentin an die University of Kent gegangen. Doch um bleiben und weiter arbeiten zu dürfen, muss sie sich um den sogenannten "Settled Status" bewerben. Für den muss sie aber fünf Jahre in Großbritannien gelebt haben: 

"Ich bin hierher gezogen, mit der Kenntnis, dass Brexit kommt, und ich habe es mir nicht so schwierig vorgestellt, da ja am Anfang, die Versprechungen waren, dass sich nichts ändern würde für die Europäer in England. Ich muss mich offiziell bewerben, es hört sich schrecklich an, dass man sich bewerben muss hierzubleiben, also furchtbar, und ich kann ja auch abgelehnt werden."

Auch Wolfgang Weiss, der Rudertrainer aus dem südenglischen Uckfield hält nicht für ausgeschlossen, dass er nach Deutschland zurückkehren muss.

"Mein Vater ist jetzt letzten Sommer gestorben und ich habe jetzt auch mit meinen Bruder, mit meiner Schwester besprochen, dass sein Haus jetzt erstmal nicht verkauft wird. Dass falls ich rüber muss wieder, dass wir wenigstens etwas haben, wo wir hinziehen können."

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