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StartseiteInterview"Man verbraucht Menschen"23.06.2020

Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie"Man verbraucht Menschen"

Die Fleischindustrie behandle Arbeitsmigranten aus Osteuropa wie Maschinen, die man bei Subunternehmen anmiete. Die Menschen würden ausgebeutet und dann wieder ausgetauscht, sagte Pfarrer Peter Kossen im Dlf. Es brauche einen anderen Blick auf die Mitarbeiter in der Fleischindustrie.

Peter Kossen im Gespräch mit Tobias Armbrüster

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Ein Helfer vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) nimmt vor einem Haus bei einem Mann einen Abstrich vor. 40 mobile Testteams sind unterwegs, um Angestellte der Firma Tönnies zu Hause in ihrer Quarantäne aufzusuchen. Sie überprüfen, ob diese dort anzutreffen sind und testen auch die Menschen, die mit ihnen in einem Haushalt leben.  (dpa / picture alliance / David Inderlied)
Nach Einschätzung der Bundesregierung besteht in der Region rund um das Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück ein hohes Infektionsrisiko. Das rückt die Arbeitsbedingungen der Schlachthofmitarbeiter erneut in den Fokus. (dpa / picture alliance / David Inderlied)
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Mehr als 1.500 nachweislich Corona-Infizierte gibt es inzwischen unter den Schlachthof-Mitarbeitern der Tönnies-Belegschaft rundum die ostwestfälische Stadt Rheda-Wiedenbrück. Die nordrhein-westfälische Landesregierung bereitet im Kreis Gütersloh angesichts des Ausbruchs weitere Maßnahmen vor. Schulen und Kindergärten sind bereits geschlossen. 

19.06.2020, Nordrhein-Westfalen, Rheda-Wiedenbrück: Mitarbeiter des Ordnungsamtes sprechen mit ausländischen Bewohnern einer Unterkunft, die im fleischproduzierenden Gewerbe arbeiten. Beim Schlachtereibetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück sind seit Anfang der Woche mehrere hundert Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet worden. Foto: Friso Gentsch/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Friso Gentsch) (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)Rheda-Wiedenbrück - Das Schattendasein der Tönnies-Leiharbeiter
In und um die ostwestfälische Stadt Rheda-Wiedenbrück leben schätzungsweise 6.000 Schlachthof-Leiharbeiter in Sammelunterkünften. Genau weiß man es nicht, die Bewohner werden kaum je gesehen.

Viele Infektionen sind oft auf die schlechten Arbeitsbedingungen der Leiharbeiter aus Polen, Rumänien und Bulgarien zurück zu führen. "Die Mitarbeiter werden zu Konditionen beschäftigt und untergebracht, die nicht zu rechtfertigen sind",  sagte der katholische Pfarrer Peter Kossen aus dem nordrhein-westfälischen Lengerich. Alles diene allein der Profitmaximierung. Man verbrauche Menschen und benutze diese und sehe in Rheda-Wiedenbrück jetzt die Folgen davon.

"Die Menschen sitzen in einer Zwickmühle"

Während der Coronapandemie hätten die Arbeiter hätten Angst vor einer Ansteckung - aber auch vor der Arbeitslosigkeit, sagte der Sozialpfarrer. Die Menschen würden in einer Zwickmühle sitzen, weil sie für sich und ihre Familie Geld verdienen müssten.

Das Problem sei, dass die Mitarbeiter in der Fleischindustrie "unter dem Radar" von Betriebsräten und Gewerkschaften laufen. Dort habe sich ein riesiger Graubereich entwickelt. Die Arbeitsmigranten seien bei einem Personaldienstleister und Subunternehmen angestellt, deswegen sei Firmeninhaber Clemens Tönnies momentan auch gar nicht zur Verantwortung zu ziehen. 

Schlachtstraße in einem Schlachthof (imago/Hake) (imago/Hake)Warum häufen sich Corona-Infektionen in Schlachthöfen?
In verschiedenen Schlachthöfen kam es zu einer starken Häufung von Corona-Infektionen. Die hohe Zahl Infizierter lenkt den Fokus auf die Arbeitsbedingungen in Schlachtbetrieben.  

Die Leute würden in einer Schatten- und Parallelwelt leben, die nicht in der Gesellschaft integriert seien und kaum Deutsch könnten. Es brauche einen anderen Blick auf die Mitarbeiter in der Fleischindustrie, sagte Kossen. "Menschen, die wir nicht ansehen dürfen als solche, die die Drecksarbeit zu billigsten Konditionen machen, sondern als Mitbürger, die viel in unsere Gesellschaft einzubringen haben."


Das Interview in voller Länge:

Tobias Armbrüster: Herr Kossen, was genau läuft Ihrer Meinung nach falsch bei Tönnies?

Kossen: Das, was in der Fleischindustrie an den meisten Orten strukturell falsch läuft: Diese Leute, die Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten aus dem EU-Ausland werden hier ausgebeutet. Sie werden verschlissen, wobei sich das Wort fast verbietet, das für Menschen zu gebrauchen. Sie werden zu Konditionen beschäftigt und untergebracht, die nicht zu rechtfertigen sind und im Grunde genommen der Profitmaximierung dienen. Einfach verbraucht man Menschen, benutzt sie, und wir sehen jetzt unter anderem in Rheda-Wiedenbrück die Folgen davon.

Armbrüster: Wie bekommen Sie das mit? Sprechen Sie mit diesen Menschen?

Kossen: Ich habe mit einigen Leuten Anfang letzten Jahres hier einen Verein gegründet in Lengerich vor Ort, der aber auch überregional arbeitet, und wir haben eine Beratungsstelle eingerichtet. Wir sprechen direkt mit den Menschen. Ich bin seit vielen Jahren ganz gut da vernetzt. Mein Bruder ist Arzt, niedergelassener Arzt in Südoldenburg im Landkreis Vechta. Durch diese vielen Kontakte, auch durch direkte Kontakte, kenne ich die Situation der Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten.

"Die Leute haben auch Angst davor, arbeitslos zu werden"

Armbrüster: Viele Leiharbeiter in Rheda-Wiedenbrück müssen in Isolation leben. Was hören Sie von denen?

Kossen: Die Leute sind verunsichert. Die Leute haben Angst – einerseits natürlich vor der Ansteckung, andererseits auch davor, dass niemand für sie aufkommt. Es gibt manchmal sehr windige Vertragskonstruktionen von diesen Personaldienstleistern, die als Subunternehmer auftreten. Natürlich haben diese Leute Rechte, auch in der Quarantäne oder in der Krankheit einen Lohn zu bekommen, die Lohnfortzahlung, aber das scheint, sehr unterschiedlich zu sein, wie das durchgehalten wird.

Die Leute haben natürlich auch Angst davor, arbeitslos zu werden. Sie sitzen in der Zwickmühle, weil sie natürlich hier sind, um für sich und ihre Familie Geld zu verdienen. Das sind vielfältige Ängste, die die Leute jetzt bedrängen.

Prälat Peter Kossen bei einem Gespräch mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten über Niedrigstlöhne und menschenunwürdigen Umgang mit Leiharbeitern in der deutschen Fleischindustrie im Juni 2013  (dpa / Ingo Wagner)Prälat Peter Kossen (dpa / Ingo Wagner)

Armbrüster: Haben Sie den Eindruck, die Politiker in Nordrhein-Westfalen haben das auf dem Schirm und reagieren da angemessen?

Kossen: Ich habe den Eindruck, dass sich jetzt niemand in der Politik im Grunde genommen da rausstehlen kann. Das ist viel zu lange passiert. Wie eine angemessene Reaktion aussehen muss, darum wird ja jetzt noch gerungen. Das Verbot der Werkverträge wäre ein wichtiger erster Schritt, aber auch erst mal nur ein erster. Die Fleischindustrie hat es vorgemacht im negativen Sinne; andere Branchen wie die Paketbranche, der Versandhandel macht es sehr ähnlich, auch weitere Branchen. Das bedeutet, man muss da insgesamt hinschauen und versuchen, diese Leute wieder aufs Radar zu bekommen. Faktisch ist es so, dass die Leute in der Fleischindustrie unter dem Radar von Betriebsräten, Gewerkschaften, Berufsgenossenschaften oder anderen Institutionen und Behörden sind. Da hat sich ein riesiger Graubereich entwickelt, in dem Menschenrechte, Arbeits- und Sozialrechte mit den Füßen getreten werden.

"Clemens Tönnies ist gar nicht verantwortlich zu machen"

Armbrüster: Können Sie uns das genau erklären? Wie funktioniert das, dass die unter dem Radar sind, also nicht erkannt werden?

Kossen: Die Leute sind nicht beim Schlachthof angestellt in der Regel, sondern bei einem Personaldienstleister, Werkvertragsnehmer, Subunternehmer. Es gibt sehr unterschiedliche atypische Vertragsverhältnisse. Dadurch ist zum Beispiel Clemens Tönnies gar nicht verantwortlich zu machen – leider im Moment -, weil er das delegiert hat, und damit ist häufig auch die Verantwortung und die Durchschaubarkeit von Konstruktionen delegiert und bis zur Unkenntlichkeit hat man Subunternehmer und Sub-Sub-Sub-Sub-Ketten sich bilden lassen, und dann weiß niemand mehr im Endeffekt, wer dafür verantwortlich ist, dass die Leute ihr Geld bekommen, dass sie in einer gewissen Sicherheit auch ihre Arbeit machen können und nicht dann auch noch für miese Wohnungen, für eine Matratze abgezockt werden.

Karl-Josef Laumann (CDU), Minister für Gesundheit, Arbeit und Soziales in Nordrhein-Westfalen (dpa/Flashpic) (dpa/Flashpic)Minister Laumann fordert schnellere Abschaffung der Werkverträge
NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) fordert angesichts des Corona-Ausbruchs in einem Schlachtbetrieb im Kreis Gütersloh eine schnellere Abschaffung der Werkverträge in der Fleischindustrie.

Armbrüster: Herr Kossen, wir haben das jetzt heute Morgen schon gehört, dass die Große Koalition gerade daran arbeitet, das umzusetzen, dass genau solche Arbeitsbedingungen künftig nicht mehr möglich sind. Da ist eine Gesetzesänderung in Arbeit. Das Gesetz soll zum 1. Januar 2021 in Kraft treten. Erleben wir da gerade so etwas wie einen kompletten Umschwung in dieser Industrie, eine deutliche Besserung?

Kossen: Ich bin da skeptisch von Berufswegen, und grundsätzlich bin ich optimistisch. Aber in den letzten Jahren hat es immer wieder Bemühungen gegeben. Es hat auch immer wieder Versprechungen gegeben von der Fleischindustrie. Ich halte die Industrie, so wie sie jetzt ist, nicht für reformwillig und auch nicht für reformfähig. Man muss wirklich an die Grundlagen heran.Man muss an die Struktur heran. Ich hoffe, dass da die Verantwortlichen in der Politik auch den Mut haben, das zu tun, das noch mal grundsätzlich in Frage zu stellen, was sich da entwickelt hat.

Die Leute leben ja in einer Parallelwelt, in einer Schattenwelt. Sie werden auch nicht wirklich integriert, haben nach 250, 260 Monatsstunden Arbeit auch nicht die Möglichkeit, wirklich Deutsch zu lernen, in unserer Gesellschaft anzukommen. Es sind keine Saisonarbeiter; es sind Leute, die dauerhaft hier sind, viele jedenfalls, die ihre Familien nachziehen, und sie kommen nicht in unserer Gesellschaft an. Da braucht es wirklich auch einen anderen Blick auf diese Menschen, die wir nicht nur ansehen dürfen als solche, die hier die Drecksarbeit zu billigsten Konditionen machen, sondern als Menschen, als Mitbürgerinnen und Mitbürger, die hier viel einzubringen haben in unsere Gesellschaft. Wenn wir das wertschätzen, dann sind wir vielleicht auch bereit und hoffentlich bereit, als Gesellschaft diese Menschen so zu situieren, dass sie hier schwere Arbeit machen können, aber dafür auch einen angemessenen Lohn bekommen.Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

"Die Nebenkosten von diesem billigen Fleisch sind hoch"

Armbrüster: Herr Kossen, Sie haben gesagt, wenn wir das wertschätzen. Das ist ja genau der Punkt, das ist ja genau die Frage. Kann es sein, dass viele Menschen bei uns in Deutschland einfach sagen, wir brauchen nun mal preiswertes Fleisch, und diese Arbeitsbedingungen sind der Preis, den das Land dafür zahlen muss?

Kossen: Die Gewerkschaft NGG, Nahrung, Genuss, Gaststätten, hat ausgerechnet, dass das konventionell produzierte Fleisch, nicht das Biofleisch, das Kilo im Handel, wenn Sie oder ich das einkaufen, das Kilo beim Discounter, im einstelligen Centbereich teurer wäre, wenn wirklich jeder in der Wertschöpfungskette und jede mindestens den Mindestlohn bekäme. Das geht so in Masse, die Produktion, dass wir davon ausgehen können, dass das gar nicht so viel teurer würde.

Wenn man einfach zum Beispiel diese Sklaventreiber, diese Menschenhändler, Subunternehmer dazwischen rausnimmt, weil dann vielleicht die Frauen und Männer wieder beim Schlachthof angestellt sind, dann hat man schon eine ganze Menge Geld gespart. Ich glaube, da ist etwas möglich an Verbesserung, an substanzieller Verbesserung, die nicht bedeutet, dass der- oder diejenige, die Fleisch kaufen will, sich das nicht mehr leisten kann, auch wenn man wenig Geld hat.

Armbrüster: Das heißt, ganz kurz zum Schluss gefragt: Der Fleischkonsum könnte so weitergehen und gleichzeitig könnte man die Arbeitsbedingungen dieser Menschen deutlich verbessern?

Kossen: Das könnte so sein. Man kann das noch mal hinterfragen, ob das so gut ist. Ich komme aus einer Region, aus Südoldenburg, wo der Boden, die Luft, das Wasser stark belastet sind durch diese intensive Tierhaltung und Fleischproduktion. Das ist ein hoher Preis. Das sind hohe Nebenkosten, wenn man so will, von diesem billigen Fleisch, von diesem massenweise produzierten Fleisch. Das muss man auch noch mal hinterfragen, ob das grundsätzlich so geht auf die Dauer. Aber ansonsten ist es schon so: Das Fleisch wird nicht signifikant teurer und die Fleischindustrie wird auch nicht abwandern. Da bin ich ganz sicher. Damit wird jetzt immer gedroht, aber das wird nicht passieren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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