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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenLeben und Arbeit in eine gute Balance bringen07.04.2016

Arbeitsbedingungen Leben und Arbeit in eine gute Balance bringen

In Zeiten der Digitalisierung sind die Arbeitsbedingungen vieler Menschen im ständigen Wandel - meistens zum Nachteil der Arbeitnehmer. Der Mensch spielt in einer Welt der automatisierten Produktionsprozesse eine immer geringere Rolle. Auf der Labour Process Conference in Berlin wurde über mögliche Zukunftsmodelle diskutiert.

Von Andraes Beckmann

Ein von Robotern geführtes Auto im Volkswagen-Werk in Wolfsburg. Davor ein Warnschild, dort nicht händisch einzugreifen. (John Macdougall / AFP)
Auto-Produktion in Wolfsburg: Maschine ersetzt Mensch. (John Macdougall / AFP)
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Arbeit ist das halbe Leben, sagt ein Sprichwort. Aber das gilt nur für den glücklicheren Teil der Menschheit, fügt die britische Soziologin Kirsty Newsome an. Denn seit der Finanzkrise sind rund um den Globus mehr Menschen arbeitslos als jemals zuvor. Und von denen, die eine Anstellung haben, verbringen viele notgedrungen weitaus mehr als nur die Hälfte jeden Tages mit Arbeit.

"Wir wissen, dass in Schwellenländern fast die Hälfte aller Menschen nur in sehr prekären Beschäftigungsverhältnissen steht. Da braucht man oft mehr als einen Job zum Überleben, oder viele Überstunden. Und in den allerärmsten Ländern nehmen Kinderarbeit und sogar Sklaverei wieder zu. Das sind keine bedauernswerten Randerscheinungen, wie man hier vielleicht denken mag. Das ist vielmehr Teil eines Prozesses, in dem Unternehmen sich weltweit neu aufstellen und die Arbeitsabläufee rund um den Globus neu strukturieren."

Betriebsräte als Co-Manager

Seit zuerst die Transportkosten dramatisch gesunken sind und inzwischen mit Hilfe der neuen digitalen Techniken Produktionsprozesse rund um die Welt koordiniert und neu gestaltet werden können, verlagern die Unternehmen immer mehr Arbeiten in Länder, wo die Löhne niedrig und die Arbeitszeiten lang sind. Das betrifft längst selbst hochtechnisierte Branchen. Deutschland hat bisher von dieser Entwicklung profitiert. Hierzulande konzentrieren sich viele Jobs, die hohe Qualifikationen voraussetzen und entsprechend gut bezahlt werden. Und die Zahl der Beschäftigten ist selbst in Zeiten der Finanzkrise nicht gesunken, sondern liegt mit 43 Millionen so hoch wie noch nie. Heike Jacobsen, Professorin an der Uni Cottbus und Stellvertretende Sprecherin der Deutschen Vereinigung für sozialwissenschaftliche Arbeitsmarktforschung, führt dies auf die ungewöhnlich konsensorientierte Zusammenarbeit von Unternehmensführungen und Betriebsräten zurück. Manche Soziologen sähen Betriebsräte in Deutschland sogar schon in der Rolle von Co-Managern.

"Diese Co-Managementthese ist nicht von der Hand zu weisen. Und das hat ja den deutschen Unternehmen nicht schlecht getan bisher. Sondern das war ja bisher mit einer der wesentlichen Faktoren des deutschen Modells, dass man Leistungsbereitschaft gegen Sicherheit eintauschen konnte. Aber das ist heute nicht mehr so selbstverständlich, wie es in der Vergangenheit mal war." 

Immer mehr Leiharbeiter

Denn selbst bei den erfolgreichsten deutschen Konzernen sind viele Beschäftigte nicht mehr direkt im Unternehmen angestellt, sondern nur noch als Leiharbeiter. Bricht die Konjunktur ein, verlieren die als erste ihren Job. Und immer mehr Produktionsschritte werden in Zulieferfirmen verlegt, wo Löhne und betriebliche Sozialleitungen geringer ausfallen. So spaltet sich die deutsche Arbeitnehmerschaft in immer mehr unterschiedlich gut abgesicherte Gruppen auf. Am unteren Ende der sozialen Leiter stehen vier Millionen Menschen, die ausschließlich von Minijobs leben müssen. Und von denen auch Heike Jacobsen nicht weiß, wie sie das schaffen.

"Die Ungleichheit der Entwicklung der Löhne, dass am unteren Ende die Löhne noch gesunken sind, also diese Spaltung zwischen Gewinnern und Verlierern der Arbeitsmarktentwicklung, die will natürlich eigentlich keiner."

Die deutschen Gewerkschaften haben einen hohen Preis gezahlt, um die gute Beschäftigungslage aufrecht zu erhalten. Jahrelang haben sie sich mit Lohnforderungen zurückgehalten, um die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Betriebe nicht zu gefährden. Dabei blieb oft die Solidarität mit den Kollegen in den ausländischen Zweigwerken auf der Strecke, kritisiert der Politologe Michael Fichter von der Global Labour University, die in Europa, Asien und Amerika Betriebsräte weiterbildet.

Deutsche Standorte können nur mit höherer Produktivität punkten

"Transnationale Unternehmen aus Europa mit starken Betriebsräten errichten in den USA zum Beispiel am liebsten Werke in den Südstaaten, wo die Gesetze eine gewerkschaftliche Interessensvertretung erheblich erschweren. Und die deutschen Betriebsräte protestieren nicht, weil sie hoffen, dass das hilft, neue Märkte für das Unternehmen zu erschließen."

Doch früher oder später werden die Belegschaften gegeneinander ausgespielt. Wenn etwa ein Autohersteller ein neues Modell aufgelegt, wird dieser Auftrag im Konzern ausgeschrieben, damit sich alle Zweigwerke weltweit darum bewerben. Liegen die Arbeitskosten andernorts niedriger, können die deutschen Standorte nur mit einer höheren Produktivität punkten. Das heißt für die Beschäftigten: noch mehr Leistung und oft auch Sonderschichten.

Heike Jacobsen: "Die Belastungen am Arbeitsplatz nehmen zu, die Anzahl der Personen, die vorzeitig aus dem Arbeitsleben scheiden, nehmen zu, weil sie nicht mehr können, weil sie ausgebrannt sind. Die Stimmung ist nicht so gut, wie die Zahlen es widerzuspiegeln scheinen."

Job als Erfüllung

Auch deshalb, weil Arbeit für immer mehr Menschen nicht nur Broterwerb ist. Sie suchen im Job auch Erfüllung, wollen Karriere machen. Doch Aufstiegschancen hat oft nur, wer zu zahlreichen Überstunden bereit ist. Das heizt nicht nur die Konkurrenz innerhalb der Belegschaften an.

"Sie haben in Deutschland im internationalen Vergleich den höchsten Abstand zwischen den Stunden, die ein Mann pro Woche durchschnittlich arbeitet, und den Stunden, die eine Frau pro Woche durchschnittlich arbeitet."

Für Jutta Allmendinger, Soziologin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, ist dies der Hauptgrund dafür, dass Frauen in Deutschland gut ein Fünftel weniger verdienen als Männer.

"Wir wissen, dass dieser Gender Pay Gab hauptsächlich darauf zurückzuführen ist, dass Frauen wenig und Männer sehr viel arbeiten und Frauen von daher auch nicht in die Führungspositionen kommen. Wir reagieren darauf mit einer Quotierung, die aber an den Symptomen ansetzt, nicht an den Grundlagen dieses Ungleichgewichts."

Wenig familiengerechte Arbeitszeiten

Zwar befürwortet Jutta Allmendinger die Quote, aber eben nur als Notlösung. Viel sinnvoller fände sie es, die Unternehmen würden Arbeitszeitmodelle anbieten, die es Frauen wie Männern erlaubten, kürzer zu arbeiten, gerade in jungen Jahren, und trotzdem später noch Karriere machen. Dann könnten sich beide Geschlechter mehr um ihre Familien kümmern. Zum Ausgleich ließe sich ja die Lebensarbeitszeit verlängern.

"Die großen Befragungen, die wir machen, zeigen eigentlich, dass die Personen reif sind für so eine Umverteilung von Arbeit, dass die betrieblichen Gegebenheiten sich daran anzupassen haben, dass die Gewerkschaften doch große Potenziale haben, sich da weiterzuentwickeln." 

Wenn sich die Gewerkschaften besser um familiengerechte Arbeitszeiten kümmerten, könnten sie vielleicht mehr Frauen für sich gewinnen und damit eines ihrer wichtigsten eigenen Probleme lösen, den chronischen Mitgliederschwund. Und ihre Konsensstrategie gegenüber den Arbeitgebern bräuchten sie nicht einmal aufzugeben, ist Jutta Allmendinger überzeugt. 

"Ich finde, man sollte schauen, wie schneidet man Arbeitsplätze, so dass man die Arbeitenden gewinnt und dass man eine Zufriedenheit maximiert. Weil eine Zufriedenheit von Arbeitnehmern auch leicht zu einer Zufriedenheit von Arbeitgebern werden kann, weil sie natürlich produktivitätserhöhend ist." 

Arbeitgeberverbände fordern Zehn-Stunden-Tag

Derzeit wollen die deutschen Arbeitgeberverbände aber lieber den sogenannten Normalarbeitstag von acht auf zehn Stunden ausdehnen. Als Grund nennen sie die schwierige Wettbewerbsposition etwa gegenüber chinesischen Konkurrenten, in deren Fabriken Zufriedenheit heute weniger denn je ein Thema ist.

"Anfang des Jahres wurde eine ganze Reihe von unabhängigen Arbeiterkomitees zerschlagen, die seit 2010 einige Verbesserungen erreicht hatten. Jetzt sind wieder fast überall nur noch die sehr braven staatlichen Gewerkschaften zugelassen. Wegen des wirtschaftlichen Abschwungs verschärft die Parteiführung derzeit die Repression."

Viele chinesische Unternehmer aber, meint der Arbeitsmarktforscher Mingwei Liu von der Rutgers University, suchen insgeheim schon nach neuen Modellen der Konfliktlösung.

"Wenn sie in Europa oder den USA Werke aufkaufen, gehen sie durchaus behutsam mit den Betriebsräten um. Und sie versuchen, von den dortigen, viel harmonischeren Arbeitsbeziehungen etwas zu lernen."

2010 wurde China schon einmal von einer Welle wilder Streiks erschüttert. Seitdem wissen die Unternehmen, dass sich die Menschen wehren, wenn die Ausbeutung zu brutal wird, sagt Mingwei Liu, und dass sie das auch in Zukunft tun werden. Schließlich ist für die meisten von ihnen Arbeit weit mehr als nur das halbe Leben.

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