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StartseiteCampus & KarriereUmgang mit depressiven Kollegen10.10.2016

ArbeitsplatzUmgang mit depressiven Kollegen

Depression gilt als eine der Volkskrankheiten Nummer eins. Doch im Job, wo vor allem Leistung zählt, ist die Krankheit oft ein Tabu und es wird darüber geschwiegen.

Von Astrid Wulf

Ein Mann sitzt abends in einem Büro an einem vollen Schreibtisch und arbeitet in Berlin.  (picture-alliance / dpa / Wolfram Steinberg)
Was tun, wenn der Kollege depressiv ist? (picture-alliance / dpa / Wolfram Steinberg)

"Ich bin in der Ausbildung zur Krankenpflege. Tja – wie gehe ich damit um. Ich versuche den Leuten, so viel wie möglich zu helfen, aber man steckt tief in der Arbeit drin."

"Erfahrungen habe ich keine, allerdings würde ich den Kollegen dann ansprechen, vielleicht auf die zugehen, Hilfe anbieten, oder auch sagen, sie könnten sich Hilfe suchen bei verschiedenen Fachleuten."

"Ist schwierig. Man will den Menschen jetzt auch nicht zu nahe treten. Generell sollte man doch versuchen, da irgendwie kann ich jetzt so gar nicht sagen."

Große Verunsicherung im Umgang mit Depressionen – damit kennt Hanna Jensen aus Lübeck sich aus. Die 35-Jährige leidet seit etwa zehn Jahren unter der Krankheit. Vor einigen Jahren ging es ihr so schlecht, dass sie sich in einer psychiatrischen Klinik behandeln ließ. Sie hatte sich damals dafür entschieden, offen mit ihrer Erkrankung umzugehen und ihrer Chefin zu sagen, warum sie in den nächsten Wochen ausfallen würde und versuchte, ihr zu beschreiben, was in ihr vorgeht. Die Reaktion ihrer Chefin: Absolutes Unverständnis.

"Na ja, es war schon so: Da muss man sich doch mal zusammenreißen, man ist doch ein Team, und wir haben auch mal schlechte Tage – das sind wahrscheinlich so Sprüche, die jeder kennt, der betroffen ist. Das verletzt in dem Moment, gerade weil man in solchen Phasen noch verunsicherter ist als sowieso schon."

Schluss mit dem Verstecken

Eine frustrierende Erfahrung für die Lübeckerin, trotzdem blieb Hanna Jensen dabei: Keine Ausreden und Ausflüchte mehr – sie wollte ihre Depression nicht mehr verstecken, auch nicht vor ihren Arbeitskollegen. Die haben ganz unterschiedlich auf ihr Outing reagiert.

"Einige haben sich abgewandt, aber dann gab es auch Kollegen, die dann, wenn sie alleine mit mir waren, schon so angedeutet haben: Ja, ich kann verstehen, wie es dir gerade geht."

Obwohl Depression als eine der Volkskrankheiten Nummer eins gilt, ist sie im Arbeitsbereich, wo vor allem Leistung und Motivation zählen, noch immer ein Tabu. Im Team sorgt ein depressiver Mitarbeiter oft für Unsicherheit und Unverständnis. Mittlerweile öffnen sich jedoch auch immer mehr Führungskräfte für das Thema. Seminare über den Umgang mit depressiven Mitarbeitern sind stark gefragt, sagt der psychotherapeutische Coach Dirk Schippel.

"Da sagt dann ein Betroffener: Wissen Sie, was ich mir gewünscht hätte? Einfach mal eine Karte. Sie denken an mich, gute Besserung, also das, was sich jeder von uns wünscht. Spannend war auf der anderen Seite: Ja Mensch, wir haben uns nicht getraut, wir haben gedacht, Sie brauchen erst einmal ihre Ruhe, sie möchten nichts von uns hören, und so weiter. Und daran kann man sehen, wie groß die Vorurteile darüber sind, und die sind überhaupt nicht miteinander abgeglichen."

Den Kollegen ansprechen?

Soll ich meinen Kollegen ansprechen, wenn er wieder zu spät oder gar nicht zur Arbeit kommt, niedergeschlagen und demotiviert wirkt, sich zurückzieht? Was mache ich, wenn meine Mitarbeiterin wegen ihrer Depression in einer Klinik behandelt wird – sollte ich sie besuchen oder nicht? So schwierig ist es eigentlich nicht, sagt der therapeutische Coach Dirk Schippel. Man sollte sich einfach mal fragen, was man sich selber von seinen Kollegen wünscht, wenn man krank ist. Und wer völlig verunsichert ist und überhaupt nicht nachvollziehen kann, was es bedeutet, depressiv zu sein, könnte auch das einfach ansprechen.

"Wenn ich selber das Gefühl habe, ich kenne darüber noch nichts, dass ich einfach mal dem Kollegen sage: Versuch das mal, zu beschreiben, wie fühlt sich das an? Ich selber kann das gar nicht so empfinden, ich verstehe das gar nicht. Kannst du das mit irgendetwas vergleichen, damit ich einen Zugang dazu bekomme?"

Nach Hanna Jensens Klinikaufenthalt hat sie nicht wieder angefangen, in ihrer alten Firma zu arbeiten. Seitdem hat sich keiner ihrer alten Kollegen gemeldet, auch ihre Chefin nicht. Enttäuscht war sie deswegen nicht – ihr ist klar, dass viele einfach nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Und das ist auch gar nicht schlimm, sagt sie – es sei nur schön, wenn man einfach darüber reden könnte.

"Ich glaube, viele schweigen einfach lieber, weil sie nicht wissen, was sie sagen sollen. Ich würde es super finden, wenn jemand so ehrlich ist, und das sagt. Ich weiß gerade gar nicht, was ich sagen soll. Aber: Ich bin da. Wofür auch immer, was du brauchst."

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