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StartseiteKultur heuteArchäologe: Kürzungen treffen uns extrem22.04.2013

Archäologe: Kürzungen treffen uns extrem

Michael Rind vom LVR Westfalen-Lippe sieht Arbeit von Denkmalpflegern in NRW bedroht

NRW plant drastische Kürzungen in der Denkmalpflege. Weder praktische Arbeit noch Kooperationen seien kaum noch zu leisten, wenn sich die Landesregierung zunehmend ihrer Verantwortung für die Denkmalpflege entziehe, meint der Archäologe Michael Rind.

Michael Rind im Gespräch mit Christoph Schmitz

Die freigelegten mittelalterlichen Gebäudereste auf dem Rathausplatz in der Kölner Innenstadt (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Die freigelegten mittelalterlichen Gebäudereste auf dem Rathausplatz in der Kölner Innenstadt (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
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Der drohende Verfall

Christoph Schmitz: Die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen hat es nicht so mit dem Denkmalschutz. Im kommenden Jahr soll der Etat für den Erhalt des baulichen Erbes auf läppische 3,4 Millionen Euro reduziert werden, ab 2015 kein Cent mehr fließen. Denkmalpfleger haben schon kräftig protestiert, auch Landeskonservatoren im Rheinland, und nun hat sich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz zu Wort gemeldet.

Mit "großer Besorgnis" sehe man die Entwicklung in NRW, eine derartige Kürzung sei "in keinem anderen Bereich zu erkennen" – so die Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Rosemarie Wilcken, in einem offenen Schreiben an die NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Eine weitere Denkmalschutzeinrichtung erhebt ihre Stimme: der Verband der Landesarchäologen der Bundesrepublik Deutschland. Was er von den geplanten Kürzungen in NRW hält, habe ich Vorstandsmitglied Michael Rind gefragt, der auch Chefarchäologe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe ist?

Michael Rind: Als Landesarchäologe kann man von den angedachten oder geplanten Kürzungen natürlich nicht viel halten, denn es beschneidet uns sozusagen in unserer Handlungsfähigkeit. Wir sind auf die Landesmittel aus dem Denkmal-Förderprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen zwingend angewiesen. Das ist auch keine freiwillige Aufgabe oder freiwillige Leistung, sondern das ist das Geld, mit dem wir unser operatives Tagesgeschäft durchführen.

Schmitz: Wurde das extrem beschnitten?

Rind: Es ist so, dass die Zahlungen in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich etwas leicht rückläufig sind. Eine Zeit lang haben sie stagniert, jetzt sind sie rückläufig. Das betrifft das Haushaltsjahr 2013, vor allen Dingen aber das nächste Haushaltsjahr 2014, wo uns schon drastischere Sparmaßnahmen sozusagen suggeriert werden, und man spricht davon, dass offensichtlich diese Kürzungen noch weiter zurückgefahren werden sollen. Eine Nullrunde ist im Gespräch im Jahre 2015, das betrifft vor allen Dingen die Baudenkmalpflege. Ich spreche natürlich jetzt hier als Landesarchäologe vor allen Dingen für die archäologische Bodendenkmalpflege, das heißt also die praktische Ausgrabungstätigkeit, und man kann sich gut vorstellen, dass diese Grabungstätigkeit, die wir hier durchführen, so nicht mehr leistbar ist, wenn die Mittel uns nicht mehr zur Verfügung stehen.

Schmitz: Was konkret stünde auf dem Spiel in Ihrem Bereich?

Rind: Auf dem Spiel stehen sämtliche Not- und Rettungsgrabungen, aber auch Forschungsgrabungen, die wir hier durchführen, außerdem die Kooperationen und die Netzwerke, die wir in den vergangenen 30 Jahren mühsam aufgebaut haben, Kooperationen mit Forschungsinstituten, mit Universitäten beispielsweise. Wir sind aber auch in der Ausbildung tätig. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe bildet beispielsweise Grabungstechniker aus. All das wird finanziert aus den Landesmitteln, denn alles das, was an Kosten verursacht wird, die Kosten eines Baggers auf einer Ausgrabung, eines Bauwagens, einer Absperrung und der ganzen Personalkräfte, die dazu gehören, Hilfskräfte, das alles wird über den Landesmittelhaushalt finanziert.

Schmitz: Sie sagten, das seien keine freiwilligen Leistungen, das sind vertraglich garantierte Leistungen. Die können also gar nicht Ihrer Meinung nach so ohne Weiteres gekürzt werden?

Rind: Ja wir sind dieser Meinung, denn im Denkmalschutzgesetz ist an einer Stelle zu lesen, dass tatsächlich diese Landesmittel auch zugesichert werden. Und als man vor 30 Jahren nach der Gründung des Denkmalschutzgesetzes sich überlegt hat, wie man die Denkmalpflege hier auf vernünftige Beine stellt in Nordrhein-Westfalen, ist eben genau dieses Abkommen geschlossen worden – einerseits zwischen den Landschaftsverbänden und dem Land und dann zwischen der Stadt Köln und dem Land. Also jeder hat so seine Eigenheiten und überall, auch in den Verbänden, wird das immer etwas anders gehandhabt, aber im Grunde genommen schaffen die Verbände und die Stadt Köln diese Infrastruktur, indem sie das Personal beschäftigt haben, und wir können natürlich nicht nur mit Personal arbeiten, sondern wir brauchen auch Geldmittel, um unsere Ausgrabungen überhaupt durchführen zu können.

Schmitz: Was meinen Sie, warum wird in Düsseldorf beim Denkmalschutz überproportional gekürzt, weil es an Wertschätzung für das kulturelle Bauerbe fehlt?

Rind: Ob das überproportional gekürzt wird, kann ich nicht beurteilen. Wir haben es mit sehr drastischen Kürzungen zu tun, die uns extrem treffen, und dadurch, dass die Zahlen in den letzten Jahren immer rückläufig waren, trifft es uns besonders hart. Sie müssen sich vorstellen, dass die Landschaftsverbände immer stärker in die Tasche greifen durch die Personalkostensteigerungen, und das Land sich zunehmend seiner Verantwortung entzieht, indem die Mittel immer geringer werden.

Schmitz: Welche Mentalität steckt dahinter? Will man das einfach alles gar nicht mehr, oder ist es eine finanzielle Notlage?

Rind: Es ist auf der einen Seite sicherlich im Zuge vieler Konsolidierungsmaßnahmen eine Notlage. Alle müssen sparen, das ist uns auch klar. Das haben wir in der Vergangenheit auch getan. Nur sind wir jetzt sozusagen am Existenzminimum, wir können jetzt wirklich nicht mehr weiter sparen und wir befürchten, dass das auch mit einer Geringschätzung gegenüber den Denkmälern zu tun hat. Das wird zwar häufig oder meistens bestritten, weil man das nicht gerne hört, aber die Tendenz geht doch in diese Richtung und wir leben heute in einer Zeit, in der man einen 200 Jahre alten Baum wesentlich besser schützen kann als einen 2000 Jahre alten archäologischen Befund, der darunter ist. Insofern hat der Naturschutz ein wesentlich größeres Ansehen in der Öffentlichkeit als der Denkmalschutz und das ist sehr schade.

Schmitz: Michael Rind war das, Chefarchäologe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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