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StartseiteForschung aktuellItaliens Ruinen vor dem Zerfall02.10.2014

ArchäologieItaliens Ruinen vor dem Zerfall

Italien ist reich an Kulturschätzen: Allein 43 Monumente im Land gehören zum Weltkulturerbe. Doch mit der Pflege dieser historischen Denkmäler ist man offensichtlich überfordert: Forscher mahnen, dass die Archäologie den aktuellen Herausforderungen nicht gewachsen ist.

Von Michael Stang

(picture alliance / ZB)
Das Kolosseum in Rom gilt als der größte geschlossene Bau in der römischen Antike und ist bis heute eines der Wahrzeichen der italienischen Hauptstadt. (picture alliance / ZB)
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Nirgendwo klaffen Anspruch und Wirklichkeit weiter auseinander wie beim Umgang Italiens mit seinen Kulturschätzen, sagt Archäologe Pier Matteo Barone aus Rom. Auf der einen Seite ist das Land stolz auf seine 43 Weltkulturerbe-Monumente, rund 60.000 archäologische Stätten und knapp 5.000 Museen - auf der anderen Seite fehlt es an grundlegenden Dingen, um diese Schätze zu erhalten.

Es fehle an offiziellen Vorschriften, ebenso seien Geld und Entscheidungsträger Mangelware, die das Problem erkennen und handeln würden.

"Italien ist praktisch ein einziges, großes archäologisch relevantes Gebiet und man sollte annehmen, dass es hier strenge Regeln für den Erhalt dieser Kulturschätze gibt, aber Fehlanzeige. Hier gibt es noch nicht einmal ein offizielles Protokoll, was den Erhalt dieses kulturellen Erbes regelt."

Nicht auf dem neuesten Stand der Technik

Es gebe zwar allgemeine Vorschriften, dass man einen Archäologen zur Begutachtung hinzuziehen muss, wenn man bei Bauarbeiten auf kulturelle Hinterlassenschaften stößt, aber vieles würde unter der Hand geregelt, Korruption sei ein großes Problem. Zudem sei die Archäologie nicht auf dem neuesten Stand der Technik, so Pier Matteo Barone.

"Es gibt nicht die Möglichkeit, bei einem neuen Fund Geophysiker hinzuzuziehen, das gilt für alle nichtinvasiven Methoden, mit denen man vor der Ausgrabung im Boden sehen kann, was dort zu finden ist. Und das ist ein großes Problem. Hier geht es noch nicht mal um Geld- oder Zeitprobleme, sondern es fehlt bereits an der offiziellen Vorgabe, die Methoden zu integrieren."

Studentenzahlen sind rückläufig

Aber, auch wenn wichtige Funde gemacht werden, und der Wille zur Ausgrabung da sei, kommt nicht automatisch eine Ausgrabung zustande. So hatten etwa 2008 Archäologen in Rom das Grab von Marcus Nonius Macrinus entdeckt, dessen Geschichte Grundlage des Kinofilms "Gladiator" war. Dennoch fehlt für die Ausgrabung bis heute das Geld. Das Grab des römischen Senators und Feldherrn unter Kaiser Marc Aurel im 2. Jahrhundert nach Christus soll der Einfachheit wieder zugeschüttet werden. Und nicht nur Geldmangel ist ein Problem. Auch die Ausbildung der Studenten liege im Argen.

"In den archäologischen Fakultäten ist praktisch die Zeit stehen geblieben. Dort wird meist noch gelehrt wie vor Jahrzehnten und auf neue bildgebende Verfahren oder die Geophysik etwa wird nicht eingegangen. Es gibt zwar einige wenige Ansätze, wo das teils in den Lehrplan aufgenommen werden soll, aber es wird noch lange dauern, bis die Lehre in Italien auf dem Stand von anderen europäischen Universitäten sein wird."

Die Zahl der Studienanfänger sinke, weil die Archäologie weder als relevante Wissenschaft wahrgenommen werde noch weil sie Jobmöglichkeiten biete. Der Anschluss an die internationale Forschung habe Italien verpasst, so das bittere Resümee Pier Matteo Barones. Für die Zukunft sehe er schwarz.

"Unfortunately, I am very pessimistic."

Letzte Hoffnung: private Geldgeber

Daher habe er auch den Dienst an einer staatlichen Universität mangels Perspektive quittiert. Mittlerweile forscht und lehrt der Archäologe an der privaten Amerikanischen Universität von Rom. Einziger Ausweg könnten Sponsorenideen wie in Florenz und Venedig sein. Dort wurden an Baugerüsten riesige Werbeplakate von Supermarktketten aufgezogen. Dagegen gibt es aber - noch - heftigen Widerstand, da eine "Disneyisierung" zu befürchten sei. Auf lange Sicht bleibt es vermutlich bei zwei Optionen: Entweder die Kulturschätze verfallen lassen oder sich privaten Geldquellen öffnen.

 

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