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StartseiteForschung aktuellFremde im Familiengrab06.09.2018

Archäologische Gen-UntersuchungFremde im Familiengrab

Die Hypothese von Kriegerinnen im bedeutendsten Alemannen-Grab Deutschlands mussten die Archäogenetiker fallen lassen, sagte Joachim Wahl vom Stuttgarter Landesamt für Denkmalpflege im Dlf. Dafür gab es eine überraschende Erkenntnis: Bei den Alemannen gehörten offenbar auch Fremde mit zur Familie.

Joachim Wahl im Gespräch mit Arndt Reuning

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Skelette im Alemannen-Adelsgrab Niederstotzingen (Landesmuseum Württemberg)
Anders als vermutet waren die beiden kleineren Toten im Kriegergrab doch keine "Alemannen-Amazonen". Das konnte mit modernen genetischen Methoden bewiesen werden. (Landesmuseum Württemberg)
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Arndt Reuning: Was haben Sie bei der Untersuchung der Knochen entdeckt?

Joachim Wahl: Wir können mindestens drei hochinteressante Aspekte ansprechen, und zwar haben wir zunächst den DNA-analytischen Beleg, den auch die konventionellen anthropologischen Analysen gebracht haben: Dass nämlich es sich bei allen Bestatteten, bei denen man eine DNA-Analyse durchführen konnte - anhand der Skelett-Erhaltung war das nur bei neun von 12 Individuen möglich - aber bei diesen neun wurde bestätigt, dass es sich um männliche Individuen handelt.

Und wir haben damit gleichzeitig einen weiteren Aspekt endgültig bescheiden können und zwar: Es wurden zwei Personen, nämlich zwei Erwachsene aus diesem kleinen Gräberfeld über die Jahre zunächst als weiblich angesprochen von den Anthropologen, die das vorher untersucht haben. Die Diskrepanz zu der archäologischen Fundsituation war allerdings von vornherein gegeben. Auch für diese beiden Individuen; denn alle Erwachsenen waren mit Waffen ausgestattet. Und für diese Zwei ergab sich daraufhin natürlich die Diskussion, ob es sich um Amazonen handeln würde. Das heißt also, wenn es Frauen sind, die mit Waffen beigesetzt wurden, wären das Kriegerinnen oder Kämpferinnen gewesen.

Die Amazonen-Hypothese ist vom Tisch

Und jetzt diese DNA-Analysen, die in jüngster Zeit durchgeführt wurden, die haben letztlich den Verdacht, den ich dann aufgrund meiner Nachuntersuchung geäußert habe bestätigt: Dass gerade diese zwei Individuen eben nicht Frauen sind, sondern dass es sich hier ebenfalls um Männer handelt, die eben sehr grazil gebaut waren und deswegen konventionell anthropologisch in früheren Untersuchungen als weiblich bestimmt wurden. Das heißt, wir haben automatisch damit auch die Amazonen-Frage vom Tisch.

Reuning: Was sagen denn die genetischen Untersuchungen aus über die Verwandtschaftsverhältnisse der Menschen, die dort bestattet waren?

Wahl: Die Verwandtschaftsverhältnisse deuten darauf hin, dass wir hier drei Generationen vor uns haben und wir einzelne Personen auch in sogenannte Kernfamilien einteilen können. Wir können bestimmte Individuen als Elterngeneration oder als Kinder- oder Großelterngeneration zueinander ansprechen, und das ist sozusagen ein absolutes Novum für das frühe Mittelalter. Eine solche Möglichkeit hat sich bisher aus dem archäologischen Material aus dem gesamten Baden-Württembergischen Raum noch nicht ergeben gehabt.

Reuning: Das heißt, das Ganze, was man gefunden hat, war ein Familiengrab?

Wahl: Nicht alles, also die meisten gehören wohl in einen Familienverbund. Aber wir haben - und das ist der entscheidende Punkt - zwei Männer, die genetisch herausfallen aus dieser Struktur, nämlich die auch schon von der Analyse der Isotopen her als fremd eingestuft worden sind. Das sind Untersuchungen, die schon vor einigen Jahren stattgefunden haben. Und da hat man gefunden, dass zwei Männer, die dort ebenfalls in dieser Separat-Grablege, so wird es ja genannt, gefunden wurden; dass die an anderem Ort aufgewachsen und erst später zugewandert sind.

Zwei Zugewanderte im Familiengrab

Reuning: Also Fremde in einem Familiengrab - was könnte das zu bedeuten haben, in welchem Verhältnis standen möglicherweise diese beiden Individuen zu den Familienmitgliedern?

Wahl: Es ist ja nicht so, dass wir jetzt ein Familiengrab, sozusagen ein Grabmonument oder so etwas vor uns haben. Sondern wir haben ja Gräber, die beieinanderliegen, und einen kleinen Gräberkomplex oder ein Mini-Friedhof darstellen. Und es ist wirklich hochinteressant und unerwartet, dass hier zwei Männer, sogar auch Mehrfachbestattungen, zusammen mit Männern, die zur Familie gehören, bestattet wurden, nämlich zwei Fremde. Dass die sozusagen integriert waren in diesen Familienverband. Man hat ihnen das Recht zugestanden mit auf diese Separat-Grablege, die wohl nur eng für diese Familie die einer höheren sozialen Schicht zuzuordnen ist - aufgrund ihrer Beigaben sind das alles ganz reiche Männer gewesen oder eine ganz reiche Familie gewesen – dass die dort nicht ausgegrenzt wurden, sondern sozusagen integriert waren.

Reuning: Lässt sich denn zum Beispiel an den Knochen ablesen, welche Rolle diese beiden Fremden inne hatten; welcher Funktion, welchem Beruf sie vielleicht nachgegangen sind?

Wahl: Ja das ist ein weiterer hochinteressanter Aspekt bei dieser Separat-Grablege. Wir konnten gerade speziell für diese beiden fremden Männer feststellen, dass die tatsächlich wohl auch kampferprobt waren und sehr häufig ihre Waffen verwendet haben. Und sie heben sich dadurch wirklich ab von allen anderen Männern aus Niederstotzingen, die ebenfalls Schwerter und andere Waffen mit ins Grab bekommen haben.

Vielleicht waren die beiden Fremden Leibwächter?

Das heißt also, diese beiden Individuen, die als fremd eingestuft sind und in den Familienverband integriert waren, die sind die einzigen Männer unter allen Männern, die dort nachgewiesen sind, die eine, wie die Archäologen inzwischen sagen, "gelebte Krieger-Identität" aufweisen. Das heißt, sie haben tatsächlich ihre Waffen nicht nur aus Prestigegründen mit ins Grab bekommen, wie man bislang immer das so interpretiert hat, sondern gerade diese beiden haben ihre Waffen auch tatsächlich benutzt. Und mein Interpretationsansatz, der vielleicht ein bisschen weit geht - aber man darf ja auch spekulieren in solchen Fällen - würde bedeuten, dass diese beiden Männer, weil sie fremd sind und eben eindeutig ihre Waffen auch verwendet haben im Vergleich zu den anderen, eventuell als Söldner dort vor Ort in Niederstotzing engagiert waren, von dieser Familie dort rekrutiert worden sind und dort mit den Menschen gemeinsam gelebt haben und vielleicht eventuell als deren Leibwächter oder ähnliches fungiert haben.

Reuning: Und dann letztendlich auch mit ihnen bestattet wurden?

Wahl: Und dann auch mit ihnen bestattet wurden, genau. Das ging einher mit dieser Integration in den Familienverbund, über den wir vorhin gesprochen haben.

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