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StartseiteKultur heuteArchitektur als Wissenschaft15.11.2003

Architektur als Wissenschaft

Die Neue Nationalgalerie in Berlin zeigt eine Rem-Koolhaas-Retrospektive

Im Jahr 1992 – unglaublich weit scheint das schon entfernt zu sein – saß ein illustres Gremium in der berüchtigten Berliner Baubehörde beisammen, das sich um die sogenannte Hauptstadtplanung Gedanken machen sollte. Rem Koolhaas, einer der Teilnehmer, war damals Ende vierzig und galt eher als junger, aber einflußloser Shooting Star. der zwar viel Theoretisches geschrieben, aber wenig gebaut hatte. Nach einem als Eklat kolportierten Streit mit Senatsbaudirektor Hans Stimmann verließ Koolhaas damals wutentbrannt die Sitzung. und schleuderte wenig später ein Pamphlet heraus mit dem schönen Titel: <em> Berlin, Massacre of Ideas </em> , in der er die verpassten Chancen eines architektonischen Neuanfangs der Stadt nach der Wende beklagt.

Carsten Probst

Rem Koolhaas (AP)
Rem Koolhaas (AP)

Heute, mit Ende fünfzig, ist er also wieder in Berlin, hat inzwischen sogar auch einige Projekte realisiert, und der ganze Symbolwert der von ihm entworfenen Botschaft der Niederlande nahe dem Alexanderplatz, liegt nicht zuletzt darin, daß er hier nun exemplarisch vorführen kann, welche Art von Architektur und Stadtplanung er sich denn vorgestellt hätte für die neue Hauptstadt. Das Ergebnis ist so befremdlich wie erregend, und es beweist, wie sehr Rem Koolhaas von der diskursiven Seite der Architektur besessen ist.

Seine Architektur löst in jedem Fall Diskussion und Diskurse aus. Auf den ersten Blick wirkt das Gebäude unterkühlt, beinah abweisend, grauer Stahl und Beton dominieren. Beim Herumgehen aber bemerkt man, daß es von jeder Seite anders aussieht und zum Erkunden einlädt. Koolhaas behandelt die Stadt wie eine Landschaft mit ganz unterschiedlichen, scheinbar ungeregelten und widersprüchlichen Formen, und jedes Gebäude ist somit ein Stück dieser Landschaft: Durchbrüche, Schrägen, Stege, Abbruchkanten und Trajekte sowie ein immer wieder neu gestreutes und sich brechendes Licht. Von sich selbst sagt Koolhaas, daß es der Sinn seines Office for Metropolitan Architecture, kurz OMA sei, Architektur vor allem neu zu denken:

OMA befähigte uns, mit einem Phänomen umzugehen, das seit den sechziger Jahren erschreckend anwuchs, nämlich daß unsere gegenwärtige Zivilisation eine Tendenz zu so unglaublicher Übertreibung hat und daß die Architektur anscheinend viel zu langssam ist, um dieser Entwicklung zu folgen. Wir versuchten also, Architektur schneller zu machen, und es wurde uns immer klarer, daß es eine ungeheure Anzahl von Fällen gab, die nach einer neuen Architektur des Denkens verlangten, eines neuen Nachdenkens über Proportionen, Sequenzen usw., daß aber diese Architektur des Denkens sich nicht vorrangig in der Form von Bauten äußern musste.

Die rund dreitausend riesengroßen bis winzig kleinen Objekte aus Koolhaas‘ Denkwerkstatt, die man nun auch in der Neuen Nationalgalerie auf sich wirken lassen kann, veranschaulichen, wie die Geburt der Architektur aus dem Geiste der Theorie bei Koolhaas vor sich geht. Jeder Entwurf wird in Myriaden von kleinen und größeren Modellen durchgespielt, ganze Stadtlandschaften lassen sich mit dem Entwurf für ein einziges Haus herstellen. Sie sind auf breiten Paletten in die lichte Oberhalle der Nationalgalerie hineingekarrt worden, als könnten die Besucher zulangen und sich in diesem "Shop of Ideas" selbst bedienen. Da die Theorie von der Praxis so streng getrennt ist, kann es sich Koolhaas in aller Bescheidenheit erlauben, seine realisierten Entwürfe, wie etwa das demnächst zu eröffnende Konzerthaus von Porto, quasi als Geschmacksmuster auszugeben. Die theoretische Vorarbeit von OMA erlaubt in jedem Fall immer mehr, immer andere Optionen. Anders als die großen Idealisten, die in Berlin die neue Hauptstadt bauten, glaubt Koolhaas längst nicht mehr an den gültigen oder sogar idealen Bau.

Das wird besonders deutlich an den Neuerfindungen von Hochhäusern, deren Epoche er nicht erst seit dem 11.September 2001 für im Grunde beendet ansieht. Für einen Pekinger Fernsehsender hat der zeitweilige Ungers-Schüler Koolhaas einen 180-Meter hohen Wolkenkratzer errichtet, der die Idee der vertikal aufstrebenende Türme travestiert in eine Schlaufe, die sich fast wie ein architektonisches Möbius-Band um sich selbst faltet. Aber weniger die Unendlichkeitsmetapher hat den Holländer gereizt, als die schiere Funktion tragender Teile in dieser Größe und Höhe von Gebäuden, und die "Betonung des Raumes dazwischen". Das ästhetische Statement ist das einer Faszination vom Denkbaren, einer Faszination von schwer faßbaren "anderen" Dingen, die über den beispiellos vereinheitlichten Alltag des globalisierten Marketingwesen hinausgehen.

Das alles, was wir hier zu dieser Ausstellung sagen, klingt jetzt wahrscheinlich schrecklich triumphal, aber das ist nicht unsere Absicht, bekennt Rem Koolhaas beinahe entschuldigend. Wir fühlen uns weder sonderlich grandios noch zufrieden. Die neunziger Jahre waren schließlich eine Zeit, in der beinah jede Branche neuen überwältigenden Kräften des globalisierten Marktes ausgesetzt war, mit denen es sehr schwer ist, umzugehen. Wir haben diese Situation das YES-Regime genannt, das von Yen, Euro und Dollar, beherrscht wird, deren Zeichen das Wort YES bilden. Und in gewisser Weise kann man diese Ausstellung als eine Bestandsaufnahme lesen, wie man in dem YES-Regime überlebt.

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