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StartseiteCampus & KarriereArchivrettung aus Trümmerbergen11.03.2009

Archivrettung aus Trümmerbergen

Marburger Studenten unterstützen Suche nach Dokumenten in Köln

Die Marburger Archivschule ist Deutschlands zentrale Ausbildungsstätte für Archivare. Seit Montag sind Studierende der Schule in Köln. Sie helfen bei Bergungs- und Klassifikationsarbeiten und bei der Schadenseinstufung nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Ein praktischer Einsatz - mit traurigem Anlass.

Von Sabine Demmer

Eine Kamerafrau filmt einen zerstörten Lastwagen, der aus den Trümmern des Stadtarchivs in Köln geborgen wurde. (AP)
Eine Kamerafrau filmt einen zerstörten Lastwagen, der aus den Trümmern des Stadtarchivs in Köln geborgen wurde. (AP)
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"Wir haben eigentlich immer diese großen Kisten, die uns von der Severinsstraße hierher gebracht werden. Also, wir sind selber weder im Schutt noch in der Severinsstraße. Wir bearbeiten wirklich nur die Sachen, die von der Feuerwehr geborgen wurden."

Christin Kalisch steht in einer riesigen Lagerhalle in Köln. Sie ist Studentin der Archivschule Marburg. Zusammen mit weiteren Studenten und Dozenten ist sie am Montag angereist, um zu helfen. Die Marburger Archivare bekommen Kisten vorgesetzt mit Dokumenten. Sie müssen aussortieren, was aus privatem Besitz stammt und was zum ehemaligen historischen Archiv der Stadt Köln gehört. Annette Riek ist überzeugt, dass sie während ihres Studiums so gut ausgebildet wurde, dass sie mit den Anforderungen in Köln zurecht kommt.

"Man sieht ob es jetzt sehr alte Sachen sind, oder zum Beispiel Karteikarten auf denen Archivare was erfasst haben, und das meiste ist wirklich so privat, dass man es eindeutig zuordnen kann, wie Briefe oder Zeitschriften oder Photos. Ich find es ziemlich erschütternd teilweise, dass man da so die ganz privaten Sachen von den Menschen sieht. Ich finde es schon auch irgendwie traurig."

Viele Unterlagen des Historischen Archivs können nur noch unvollständig, zerknittert und verstaubt hervorgeholt werden. Zerfetzte Bücher, Kontoauszüge, aber auch Kleidung befinden sich in den Kisten. Die privaten Gegenstände werden aussortiert und extra verpackt. Sechs Stunden sind die Studenten meist in der staubigen und lauten Halle im Einsatz. Im Schichtbetrieb wird gearbeitet – rund um die Uhr. Wissen die Studenten einmal nicht weiter, fragen sie einfach die Kollegen aus dem Kölner Stadtarchiv um Rat. Die Zusammenarbeit funktioniert bestens, sagt der Marburger Student Michael Aumüller.

"Es klappt wunderbar, auch mit den anderen Kollegen aus Köln. Und es sind ja wirklich alle Archivare im Einsatz, die jetzt in und um Köln tätig sind. Toll, dass man eben mithelfen kann. Dass man sieht, dass es da auch so einen Zusammenhalt gibt. Und es ist natürlich auch toll, dass die weitere Resonanz auch stattfindet. Dass Leute, die vorher noch nie was von einem Archiv gehört haben, jetzt plötzlich eine Vorstellung bekommen, was eigentlich ein Archiv ist und wie wichtig auch ein Archiv ist."

Mit einem kleinen Handbesen werden die Dokumente zuerst vom Staub befreit, dann werden sie nach einem festen Schema erfasst. Das Material wird identifiziert, einer Schadensklasse zugeordnet und katalogisiert. Christin Kalisch.

"Ich denke, es sind Mullverpackungen und Folien, damit wir die Sachen ordnungsgemäß verpacken können und eben diese großen Kisten. Blau für trocken, und wenn sie da schauen, da sind dann die Gitterkisten. Das ist dann für Nassmaterial. Ansonsten sind alle Kisten beschriftet, dass man die wiederfinden kann und dazu schreiben wir auch auf die Zettel genau drauf, was wir in welche Kiste reingepackt haben."

Alle Marburger Studenten, die nicht gerade in den Prüfungen stecken, sind mit nach Köln gekommen. Besondere Vorbereitung auf den Einsatz gab es nicht. Man wollte einfach nur schnell helfen, sagt der Leiter der Archivschule Marburg Frank Bischoff.

"Die Bilder gingen ja durch die Presse. Von daher war klar, dass wir hier Schuttberge sehen würden, und es war vor allen Dingen klar, dass wir hier sehr, sehr viel beschädigtes Archivgut sehen würden, aber das ist ja die Besonderheit dieser Situation, die wir ja seit 60 Jahren in Deutschland nicht mehr gehabt haben; und an dieser Stelle hilft halt eben nur manuelle Hilfe mit einer gewissen Fachkompetenz, um hier das Material zu versorgen."

Die Studenten tragen weiße oder blaue Schutzanzüge. Teilweise auch Mützen wegen der Kälte in der Halle. Der Mundschutz ist unvermeidbar, denn es ist staubig. Der Umgang mit den Kulturgütern – ein Wettlauf gegen die Zeit. Nasse Dokumente werden in ein Kühllager nach Westfalen gebracht und dort konserviert. Schnell müssen die Studenten arbeiten. Bis morgen werden sie noch in Köln im Einsatz sein und bis dahin ihr bestes geben.

"Jedes Ding, wo man das Gefühl hat, man kann es retten, freut einen natürlich."

"Also ich denke, wir sind alle ganz froh, dass wir jetzt hier sind und nicht theoretischen Unterricht haben, sodass wir wirklich helfen können. Weil das, was wir jetzt machen , das bringt ja wirklich was. Und so gesehen, ist es wirklich schon Freude gewesen, hierher zu fahren. Also, wir haben uns wirklich alle gefreut als die Nachricht kam, dass wir fahren können und dass das alles so gut klappt, und dass wir hier eingesetzt werden."

Bis morgen werden die Marburger Studenten noch in Köln im Einsatz sein - und bis dahin ihr Bestes geben.

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