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StartseiteTag für TagBergoglios Schweigen31.03.2016

ArgentinienBergoglios Schweigen

Null Toleranz gegenüber Klerikern, die sich an Kindern vergehen. Das hat Papst Franziskus schon mehrmals versprochen. Kritiker werfen dem Argentinier aber jetzt vor, dass er als Erzbischof in Buenos Aires selbst Missbrauchsfälle verschwiegen habe. Ein aktuelles Gerichtsverfahren erinnert an die Vergangenheit.

Von Victoria Eglau

Papst Franziskus bei der Kreuzweg-Prozession an Karfreitag am Kolosseum in Rom.
Papst Franziskus soll als Erzbischof von Buenos Aires Fälle von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche verschwiegen haben.
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"Als ich dreizehn war, wurde ich von einem katholischen Geistlichen missbraucht – in der Schule des Marianisten-Ordens in Buenos Aires, die ich damals besuchte. Zehn Jahre lang konnte ich das nicht in Worte fassen, konnte es keinem erzählen."

Dem Argentinier Sebastián Cuattromo gelang es schließlich doch, über seine traumatische Erfahrung zu sprechen. Aber nicht nur das: Cuattromo, heute 39, zeigte seinen ehemaligen Lehrer, den Ordensbruder Fernando Picciochi, im Jahr 2000 an, gemeinsam mit einem Mitschüler, an dem sich Picciochi ebenfalls sexuell vergangen hatte. Bevor es jedoch zum Prozess kam, floh der katholische Geistliche in die USA, wo sein Opfer ihn selbst aufspürte: Dank Cuattromos Hinweis wurde der Ordensbruder festgenommen und nach Argentinien ausgeliefert. 2012 verurteilte die Justiz Fernando Picchiochi wegen wiederholter sexueller Nötigung Minderjähriger zu zwölf Jahren Gefängnis.

"Das Wichtigste an meiner Geschichte ist, dass der sexuelle Missbrauch, den ich erlitten habe, mehr als zwanzig Jahre später von der Justiz anerkannt wurde. Das hat einen hohen Symbolwert. Denn ein großer Teil der Fälle von Kindesmissbrauch bleibt ungesühnt." Sebastián Cuattromo brachte seinen Peiniger dank seiner eigenen Hartnäckigkeit vor Gericht. Von der katholischen Kirche erhielt er keine Unterstützung. In Argentinien haben sich in den vergangenen Jahrzehnten etwa 50 katholische Geistliche an Kindern vergangen. Diese Zahl hat die US-amerikanische Internetplattform Bishop Accountability veröffentlicht, die Dunkelziffer liegt vermutlich höher. Ein Teil wurde verurteilt, ein Teil entging der Bestrafung.

Die Institution Kirche reagierte in Argentinien so, wie sie es fast überall auf der Welt lange Zeit tat: mit Vertuschung, mit Desinteresse für die Opfer. Als die Schule des Marianisten-Ordens den Missbrauch zugab und Sebastián Cuattromo Entschädigung anbot, verlangte sie von ihm zugleich, über das Vorgefallene zu schweigen. Cuattromo wandte sich daraufhin an den heutigen Papst und damaligen Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Bergoglio.

Er erzählt: "Ich ging zum Sitz der Kurie und bat um ein Gespräch mit Bergoglio. Nicht er selbst empfing mich, sondern ein Sekretär. Ich wollte wissen, ob die Kirchenleitung es guthieß, dass die katholische Schule von mir Schweigen über das Vergehen eines ihrer Lehrer verlangte", sagt Cuattromo. Zu einem Gespräch war schließlich Bischof Mario Poli bereit, den der Papst inzwischen zu seinem Nachfolger an der Spitze des Erzbistums Buenos Aires ernannt hat. Poli stellte sich hinter das Vorgehen der Marianisten-Schule – für Sebastián Cuattromo eine herbe Enttäuschung: "Als Missbrauchsopfer kämpfte ich damals für Gerechtigkeit und Entschädigung. Bei meinen Treffen mit der Kirchenhierarchie hatte ich das Gefühl, dass sie das Ausmaß des Verbrechens und des Leidens der Opfer völlig unterschätzte."

Bishop Accountability wirft Franziskus, der von 2005 bis 2011 Argentiniens Bischofskonferenz leitete, sein Schweigen in jener Zeit vor. Er habe das Problem des Kindesmissbrauchs nicht öffentlich gemacht, sich bei den Opfern nicht entschuldigt und keine Richtlinien zum Umgang mit Pädophilen innerhalb der katholischen Kirche veröffentlicht. Der Menschenrechtsanwalt Ernesto Moreau, der in der Vergangenheit in Argentinien Missbrauchsopfer vertreten hat, stellt Mutmaßungen über Jorge Bergoglios Verhalten an:

"Bergoglio hat, wie wir heute wissen, mit einem Teil seiner Persönlichkeit hinter dem Berg gehalten. Vielleicht hat er den sexuellen Missbrauch nicht thematisiert, um seine Chancen, Papst zu werden, nicht zu schmälern. Wenn er das Problem öffentlich angeprangert hätte, wäre er wohl nicht Papst geworden – hat doch der Vatikan diese Delikte immer vertuscht."

Laut Sergio Rubin, einem von Bergoglios Biografen, verschärfte dieser in seiner Zeit als Erzbischof seine Haltung gegenüber dem Problem des sexuellen Missbrauchs. Bergoglio habe gewollt, dass die Justiz gegen pädophile Priester vorgeht. Doch Leitlinien zur Handhabung von Missbrauchsfällen verfasste Argentiniens katholische Kirche erst, als Jorge Bergoglio bereits Papst war. Im vergangenen August stellte Carlos Malfa, Generalsekretär der Bischofskonferenz, sie vor: "Wir sind uns schmerzlich bewusst, dass der sexuelle Kindesmissbrauch Sünde und Verbrechen ist. Wir verurteilen ihn. Pädophile dürfen nicht mehr Priester sein. Und die Opfer müssen von der Kirche umfassend betreut werden."

Solch deutliche Worte hatte Argentiniens konservative Bischofskonferenz noch nie öffentlich ausgesprochen. Dass der Papst der katholischen Kirche heute eine klare Position gegen Kindesmissbrauch vorgibt, stößt bei Opfern wie Sebastián Cuattromo auf Zustimmung. Gesten wie Franziskus‘ Bitte um Verzeihung im April 2014 erfüllen ihn mit Hoffnung.

"Diese Gesten sind eine Konsequenz des jahrzehntelangen Kampfes der Opfer. Wir selbst haben erreicht, dass den Kirchenhierarchien heute keine andere Wahl bleibt, als offen über das Verbrechen des sexuellen Missbrauchs und dessen Vertuschung zu reden."

Sebastián Cuattromo hat in dieser Woche noch einmal Genugtuung erfahren: Der Oberste Gerichtshof Argentiniens bestätigte die Verurteilung seines früheren Lehrers Fernando Picciochi. Der ehemalige Ordensbruder ist dennoch bereits auf freiem Fuß – die Justiz hat seine Strafe unter Anrechnung der Untersuchungshaft verkürzt.

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