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StartseiteInformationen am MorgenEine Apotheke im Elendsviertel 18.09.2019

ArgentinienEine Apotheke im Elendsviertel

Die arme Bevölkerung in Argentinien leidet immer stärker unter der wirtschaftlichen Krise des Landes. Hilfe kommt aus Deutschland. Im Elendsviertel Villa Zagala versorgt die NGO "Apotheker ohne Grenzen" die Menschen mit Medikamenten. Doch die Lage bleibt sehr angespannt.

Von Victoria Eglau

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Vetye-Maler steht  mit weißem Kittel mit Mädchen und Frauen (Deutschlandradio / Victoria Eglau)
Carina Vetye-Maler mit Bewohnerinnen des Armenviertels Villa Zagala (Deutschlandradio / Victoria Eglau)
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Das kleine Gesundheitszentrum von Villa Zagala besteht aus einem Warteraum und einigen winzigen, spartanisch eingerichteten Behandlungszimmern. Die Apotheke, in der Carina Vetye-Maler und ihre ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen gerade neue Medikamente auspacken, wirkt wie ein Schlauch: Schmal und beengt. So beengt, dass die Patienten auf der Straße Schlange stehen und ihre Rezepte durch ein kleines Fenster reichen. Doch dank der hier vorhandenen Arzneimittel wird in diesem Armenviertel am Rande von Buenos Aires die Versorgung von fast 30.000 Bewohnern gewährleistet.  

"Die 'Apotheker ohne Grenzen' haben hier im Jahr 2008 einen Vertrag mit der Stadtverwaltung unterzeichnet. Wir haben uns damals angeboten als Kooperationspartner langfristig, also nicht so ein Projekt für drei Jahre und dann sind wir wieder weg, weil wir gesagt haben: Die Probleme in einem Slum lassen sich weder in einem noch in fünf Jahren lösen. "

Schlechte Versorgung durch das Gesundheitssystem

Carina Vetye-Maler, Argentinierin mit deutschen Wurzeln, hat für "Apotheker ohne Grenzen" die Apotheke im Elendsviertel Villa Zagala aufgebaut. Mit Spenden aus Deutschland werden die Medikamente gekauft, die dem Gesundheitszentrum fehlen. Zwar stellt auch der argentinische Staat kostenlose Arzneimittel für die Armen zur Verfügung, aber es seien viel zu wenige – sagt die Leiterin des Zentrums, Viviana Pignolino:

"Die Medikamente, die uns das Gesundheitssystem schickt, sind nie ausreichend. Denn wir werden vorher nicht gefragt, wie viele Patienten wir haben. 'Apotheker ohne Grenzen' ergänzt, was uns fehlt. Deshalb ist dies eines der wenigen Gesundheitszentren, die alle ihre Patienten dauerhaft mit Medikamenten versorgen können."

Frau steht vor einem Fenster mit Gitterstäben, dahinter die Apothekerin (Deutschlandradio / Eglau)Eine Bewohnerin holt Medikamente an der Ausgabestelle der Apotheke ab (Deutschlandradio / Eglau)

Das Gesundheitszentrum ist an diesem Morgen voll. Vor allem junge Mütter, Kinder und ältere Menschen drängen sich im Warteraum. In Villa Zagala sind die Lebensverhältnisse ungesund: Die Straßen und Gassen sind schmutzig und die Menschen wohnen auf engstem Raum – viele von ihnen in prekären Behausungen aus unverputztem Ziegelstein, ohne Schutz vor Kälte und Feuchtigkeit. Bronchitis, Lungenentzündung und andere Atemwegs-Erkrankungen sind verbreitet, genauso wie Parasiten und Krätze. Und viele Erwachsene – in Villa Zagala und in anderen Elendsvierteln – sind chronisch krank, wie Carina Vetye-Maler erzählt:

"Die Menschen sterben zehn, 15 Jahre früher als die Mittelklasse, die eine Krankenkasse hat und auf sich aufpassen kann. Und die sterben an Krankheiten, die man nicht mit Armut verbindet wie Diabetes oder Bluthochdruck, weil wir ne falsche Ernährung haben, weil wir sehr viel Stress haben, weil wir uns nicht bewegen, weil in den Elendsvierteln überhaupt kein Platz ist."

Geld für Medikamente hat niemand

Zwei Drittel der Medikamente für Menschen, die an Diabetes, Bluthochdruck und anderen chronischen Krankheiten leiden, bezahlt "Apotheker ohne Grenzen". Das heißt, wenn die Hilfsorganisation nicht vor Ort wäre, müssten zwei Drittel dieser Patienten ohne Behandlung auskommen. Denn Geld für Medikamente hat in Villa Zagala, wo die Menschen als Straßenverkäufer, Gelegenheitsarbeiter oder Putzfrauen überleben, keiner. Sandra Herrera arbeitet als Reinigungskraft im Gesundheitszentrum, sie ist in der Siedlung aufgewachsen.   

"Hierher kommen sogar Leute aus anderen Vierteln, weil sie Medikamente umsonst bekommen, die sie sich nicht leisten können. Wir sind dankbar für diese Versorgung. Es tut weh, dass die Situation in unserem schönen Land so schlecht ist."

Die hohe Armutsrate ist in Argentinien ein chronisches Problem, das bisher keine Regierung gelöst hat. Unter Präsident Mauricio Macri, dem im Oktober wegen der anhaltenden Krise die Abwahl droht, ist die Zahl der Armen noch einmal gestiegen – mehr als ein Drittel der Bevölkerung ist betroffen. Besonders dramatisch ist die Situation der jungen Argentinier: Die Hälfte der Kinder ist arm.

Eine Frau in einer Küche im Elendsviertel El Mileno (picture alliance / Ursula Dornberger )Wohnsituation in einem Elendsviertel in der Provinz Buenos Aires (picture alliance / Ursula Dornberger )

Bei der medizinischen Versorgung dieser Menschen kommt der Staat kaum hinterher. Carina Vetye-Maler von "Apotheker ohne Grenzen":  

"Die Gesundheitszentren in den Elendsvierteln haben alle eigentlich das gleiche Problem: Die Bevölkerung ist unheimlich gewachsen. Das heißt es fehlt an allem: Es fehlen mehr Ärztinnen, es fehlen Krankenschwestern. Das heißt, wir haben den Bedarf zu Beginn geklärt und dann zugesagt, dass zusätzliche Arztstunden bezahlt werden."

Ernährungslage hat sich verschlechtert

Zwar ist in Villa Zagala die Gesundheitsversorgung relativ gut, aber verschlechtert hat sich  wie in allen Elendsvierteln und armen Regionen Argentiniens die Ernährungslage. Nach der jüngsten Währungsabwertung sind die Lebensmittelpreise erneut in die Höhe geschnellt. Viele Arme können sich keine Milch, kein Obst und Gemüse leisten, erst recht kein Fleisch. Und immer mehr haben überhaupt nicht genug zu essen. Abhilfe soll das Ernährungsnotstands-Gesetz schaffen: Es sieht mehr staatliche Mittel für Armenküchen und Lebensmittel-Hilfsprogramme vor. Apothekerin Carina Vetye-Maler beobachtet die angespannte Situation sogar bei ihren Kollegen im Gesundheitszentrum:

"Wir haben sehr viele Mitarbeiter vom Gesundheitszentrum, die konnten bis vor der Abwertung ihre Miete bezahlen und vielleicht was essen, für mehr war kein Geld da. Wenn Lebensmittel dann wieder 20, 30 Prozent steigen, dann muss ich einfach Lebensmittel streichen."

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