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StartseiteWirtschaft am MittagInvestoren dringend gesucht14.09.2016

ArgentinienInvestoren dringend gesucht

Argentinien steckt weiter in der Rezession, aufgenommene Schulden flossen vor allem in die Bezahlung von Altlasten. Jetzt setzt die Regierung auf ausländische Investoren - im eigenen Land wird diese Politik kritisch gesehen.

Von Anne Herrberg

Der Kandidat der konservativ-liberalen Bündnisses "Cambiemos" bei der Präsidentenwahl in Argentinien, Mauricio Macri. (picture alliance / dpa / Juan Ignacio Roncoroni)
Präsident Macri lockt ausländische Investoren unter anderem mit dem Versprechen niedriger Lohnkosten - dafür hagelt es Kritik. (picture alliance / dpa / Juan Ignacio Roncoroni)
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Argentinien Erste Bilanz der Regierung Macri fällt bescheiden aus

"Herzlich Willkommen, lassen Sie sich überzeugen, dass Sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind."

Es ist ein symbolischer Ort, den Argentiniens Präsident Mauricio Macri für sein Investment-Forum in Buenos Aires ausgewählt hat – das Kulturzentrum Nestor Kirchner, mit dem sich die Vorgänger-Regierung selbst ein Denkmal gesetzt hatte – nun findet hier Macris "Mini-Davos" statt.

"Noch vor neun Monaten standen wir kurz vor einer neuen Krise – voller Angst und Perspektivlosigkeit. Wir haben rechtzeitig reagiert und sie abgewendet. Heute öffnen wir uns der Welt und blicken nach vorne."

Abkehr vom Protektionismus und der starken Regulierung der Vorjahre, hin zu einer Liberalisierung der Wirtschaft. Der Devisenmarkt wurde freigegeben, ein jahrelanger Schuldenstreit mit Hedgefonds beigelegt, ein neues Investitionsklima geschaffen. Die Wirtschaftswelt applaudiert.

Der erwartete Investitionsregen blieb aus

Mehr als 1900 führende Manager von knapp 1000 Unternehmen aus 67 Ländern sind zum Forum gekommen – am Mittwoch macht außerdem Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel Stopp in Buenos Aires. Es ist eine große Aufbruchstimmung zu spüren, sagt auch Kurt Soland, Bayer-Geschäftsführer für das südliche Südamerika:

"Ich glaube man sieht hier, dass sich die Erwartungshaltung für Argentinien dramatisch geändert hat in den letzten Jahren, in den letzten Monaten vor allem. Es ist eine Offenheit hier, es ist ein Dialog hier und einen Kontakt mit der Regierung und mit der Unternehmenswelt zu versuchen, wir haben noch einen weiten Weg vor uns, aber wir sind auf dem richtigen Pass."

Argentinien braucht dringend frische Investitionen – rund 110 Milliarden US-Dollar aus dem Privatsektor, schätzen Ökonomen, wären allein in diesem Jahr nötig, um Schlüsselbereiche in Schwung zu bringen: Energie, Infrastruktur, Landwirtschaft. Doch der Investitionsregen, der mit dem Antritt der Macri-Regierung vor neun Monaten erwartet wurde, ist bisher eher ein Nieselregen geblieben – Produktionsminister Francisco Cabrera setzt auf den Impuls des Forums:

"Es ist natürlich schwer zu sagen, aber wir gehen von Investitionen von rund 45 Milliarden US-Dollar für dieses Jahr aus, die helfen werden, Wachstum und Arbeitsplätze zu schaffen und die Armut zu verringern."

Inflationsrate stieg auf 43 Prozent

Bisher ist eher das Gegenteil der Fall: Argentinien steckt weiter in der Rezession, aufgenommene Schulden flossen vor allem in die Bezahlung von Altlasten. Die Inflationsrate stieg auf 43 Prozent, lokale Unternehmen ächzen außerdem unter den stark angestiegenen Tarifen für Strom und Gas – und der Konkurrenz von Billigimporten aus dem Ausland. Mindestens 100.000 haben ihre Jobs verloren, der Konsum ist eingebrochen – die Armut nimmt zu. Die Regierung unterschätze den sozialen Faktor, sagt Wirtschaftsexperte Alejandro Bercovich:

"Mir scheint, der Optimismus ist bei ausländischen Investoren sehr viel größer als bei den hiesigen Unternehmen. Es gibt Zweifel am Modell der Regierung, das aus Investitionen aus dem Ausland setzt, in dem es Unternehmen mehr Gewinne verspricht - auf Kosten der Löhne. Das hat den Binnenmarkt stark einbrechen lassen. Auch das beeinflusst ein Investitionsklima. Und schon jetzt nehmen die Arbeitskonflikte auf der Straße zu."

Noch halten die großen Gewerkschaften still – doch für Ende des Monats ist ein gemeinsames Treffen geplant, um das Datum für den ersten landesweiten Streik festzulegen.

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