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StartseiteUmwelt und VerbraucherArgentinien und der Klimawandel21.05.2012

Argentinien und der Klimawandel

In dem Land häufen sich extreme Wetterphänomene

In Argentinien kann man fast alle Klimazonen der Welt erleben: Dschungel an den Iguazu-Wasserfällen, trockene Andenlandschaften im Nordwesten und arktische Kälte im Süden. Der Klimawandel stellt das Wettersystem Argentiniens allerdings ordentlich auf den Kopf.

Von Victoria Eglau

Wasserfälle im Nationalpark von Iguazu.  (picture alliance / dpa / Jürgen Darmstädter)
Wasserfälle im Nationalpark von Iguazu. (picture alliance / dpa / Jürgen Darmstädter)

Das Klima in Argentinien wird instabiler, erklärt Pablo Canziani, Atmosphärenphysiker von der Katholischen Universität Buenos Aires. Wie sein Vater, der Meteorologe Osvaldo Canziani, gehört er dem Weltklimarat der UNO an. Anders als der Senior will Pablo Canziani nicht von einer "Tropikalisierung" des Klimas sprechen. Doch die Zunahme schwerer Unwetter hänge durchaus mit dem Klimawandel zusammen.

"Diese extremen Wetterereignisse treten häufiger auf als früher - daraus kann man schließen, dass sich etwas an den Merkmalen des Klimas verändert. Aber auch wenn die Unwetter in Argentinien aufgrund ihrer Intensität tropisch erscheinen – sie haben nichts mit den täglichen Gewittern in den Tropen während der Regenzeit zu tun. In Argentinien kommt es zu schweren Unwettern, wenn feucht-warme Luftmassen vom Äquator auf kalte Luftmassen aus dem Süden stoßen."

Der Klimawandel stellt dieses Wettersystem Argentiniens jetzt ordentlich auf den Kopf. Ein paar Zahlen: Zwischen 1911 und 1970 gab es in Buenos Aires und Umgebung 19 Gewitter, bei denen es in 24 Stunden mehr als 100 Millimeter regnete. Von 1980 bis zum Jahr 2000, also in einem kürzeren Zeitraum, wurden deutlich mehr, nämlich 33 solch intensiver Gewitter gezählt. Im letzten Jahrzehnt aber sei das Klima wieder trockener geworden, sagt Atmosphärenforscher Pablo Canziani. Es regne meist kurz und konzentriert. Viele Regionen Argentiniens seien sogar von Dürre betroffen. Im Süden, in Patagonien, nähmen hingegen gefährliche Schneestürme zu. All diese klimatischen Extreme sind laut Pablo Canziani Folgen des Klimawandels, genauso wie Veränderungen der Jahreszeiten.

"Man kann beobachten, dass die Sommer länger und die Winter kürzer sind. Der Winter beginnt etwas später, und im Frühling ist das Klima viel instabiler als früher."

Wenn die Bewohner der Drei-Millionen-Metropole Buenos Aires heute über heißere, vermeintlich "tropische" Sommer stöhnten, dann liegt das weniger am Klimawandel als an urbanen Faktoren. Mehr Zement, mehr Autos und weniger Grünflächen als früher, sagt Experte Pablo Canziani. Erhöht hätten sich nicht die Maximal-, sondern die Minimal-Temperaturen: nachts kühle es sich weniger ab.

Vom eigentlichen Klimawandel sind Argentinien und Lateinamerika weniger stark betroffen als Europa - die sozialen Folgen jedoch hält Canziani für schwerwiegender. Menschen in Armensiedlungen seien Unwettern und Überschwemmungen besonders schutzlos ausgesetzt.

"Unabhängig von ihrer politischen Couleur sind sich die meisten Regierungen Lateinamerikas der Folgen des Klimawandels nicht wirklich bewusst, und auch nicht der Umweltgefährdung im Allgemeinen. Für viele Regierungen steht eine rasche Entwicklung ihrer Länder an erster Stelle, um so die Armut zu bekämpfen – aber es wird wenig Wert auf eine rundum nachhaltige Entwicklung gelegt. Wir bräuchten auch bessere Institutionen. Mit einem zuverlässigen meteorologischen Frühwarnsystem hätte man die Schäden durch den jüngsten Tornado in Argentinien verringern können."

Argentinien trägt nur mit etwa einem Prozent zu den weltweiten CO2-Ausstößen bei. Wie andere lateinamerikanische Staaten gehört es nicht zu den Haupt-Verursachern, sondern zählt eher zu den Opfern des Klimawandels. Allerdings wurde in Argentinien – anders als in Brasilien - bisher wenig untersucht, in welchem Umfang sich die Emissionen durch die Rodung von Wäldern und die veränderte Nutzung landwirtschaftlicher Böden erhöhen. Schließlich mussten in den vergangenen Jahren in Südamerika immer mehr Wälder und Weiden dem Anbau von Gensoja und Getreide weichen. Pablo Canziani:

"Man darf nicht vergessen, dass nicht nur Wälder, sondern auch Weiden und andere Böden das Treibhausgas CO2 binden. Es sind Mikroorganismen, die das CO2 in den Böden speichern. Doch beim Anbau von Soja und Getreide werden diese Mikroorganismen durch den Einsatz von Pestiziden abgetötet. Es müsste untersucht werden, wie sich dies tatsächlich auf die CO2-Bilanz auswirkt."

Der Atmosphärenphysiker Canziani empfiehlt deshalb, mehr Lebensmittel anzubauen, die die Fähigkeit der Böden zur CO2-Bindung nicht beeinträchtigten.

"Argentinien produziert auch Obst, Wein und Oliven. Uns interessiert, wie das Klima die Qualität der Produkte beeinflusst. Es soll untersucht werden, wie sich das Klima in den verschiedenen Anbauregionen verändert, und welche Sorten sich am besten dem heutigen Klima anpassen, aber auch den Bedingungen, die in Argentinien in 30 Jahren herrschen könnten."

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