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StartseiteBüchermarktVom Fliegen und Lieben14.02.2020

Aris Fioretos: "Nelly B.s Herz"Vom Fliegen und Lieben

Nelly B. ist eine Himmelstürmerin. Als Fliegerin gibt sie sich dem Geschwindigkeitsrausch hin, entdeckt im Berlin der 20er-Jahre aber auch die irdischen Höhenflüge der Liebe. Aris Fioretos hat seine Romanfigur nach dem Vorbild der Flugpionierin Melli Beese entworfen, aber auch vieles dazu erfunden.

Von Christel Wester

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Aris Fioretos zu Gast im Funkhaus von Deutschlandradio Kultur 2015. (Deutschlandradio - Andreas Buron)
Schreibt als Mann aus der Sicht einer liebenden Frau: Aris Fioretos (Deutschlandradio - Andreas Buron)
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"Nelly B.": Das klingt fast wie Melli B. Und die phonetische Verwandtschaft – Nelly mit N und Melli mit M – ist gewollt. Denn Aris Fioretos hat die Hauptfigur seines neuen Romans eng an eine historische Figur angelehnt: An die Flugpionierin Melli Beese, die im Jahr 1911 als erste Frau in Deutschland eine Flugzeugführerlizenz erwarb und die, wie man sich unschwer vorstellen kann, eine hochemanzipierte, moderne Frau war. Melli Beese, die 1886 in Laubegast bei Dresden geboren wurde, eroberte nämlich nicht nur eine, sondern gleich mehrere Männerbastionen. Zum einen studierte sie Bildhauerei und musste 1906 dafür nach Schweden gehen, denn anders als deutsche Kunstakademien hatte die Königliche Akademie der freien Künste in Stockholm schon damals auch für Frauen ihre Pforten geöffnet.

Historisches Vorbild: Die deutsche Flugpionierin Melli Beese 

"Ich war fast zwanzig. In Schweden kannte ich niemanden, hier konnte ich die werden, die ich sein wollte."

Doch mit dem Kunststudium war der Wissensdurst der vielseitig begabten Melli Beese nicht gestillt. Gleich danach schrieb sie sich am Polytechnikum in Dresden ein und studierte dort Mathematik, Schiffsbau sowie Flugtechnik und -mechanik. Im November 1910 ging sie nach Johannisthal bei Berlin, um als einzige Frau die praktische Flugausbildung zu absolvieren. Hier lernte sie ihren Ehemann, den Franzosen Charles Boutard, kennen und gründete mit ihm eine Flugschule, zu der auch eine Flugzeugfabrik gehörte. Doch durch den Ersten Weltkrieg verloren die beiden ihren Betrieb, und zu allem Überfluss wurde Boutard als feindlicher Ausländer interniert. Nach Kriegsende kam das Fliegerpaar wirtschaftlich nicht mehr auf die Beine. Die Ehe zerbrach. Melli Beese zog 1923 in eine Pension in Berlin. Dass ihre Laufbahn als Flugpilotin vorbei war, hat sie nicht verwunden. Im Dezember 1925 beging sie im Alter von 39 Jahren Suizid. Sie hinterließ nur einen Zettel, auf dem stand:

"Das Fliegen tut not, das Leben tut nicht not."

In diesem äußeren, tragischen Verlauf stimmt das Leben der historischen Melli Beese mit der Geschichte der Romanfigur Nelly B. überein. Doch trotzdem hat der schwedische Schriftsteller Aris Fioretos keinen schlichten biografischen Roman geschrieben, der lediglich die Fakten erzählerisch aufbereitet. Fioretos konzentriert sich stattdessen auf die Leerstellen und Lücken in dieser Lebensgeschichte – und füllt sie mit seiner literarischen Fantasie. Somit ist seine Protagonistin ein erfundener Charakter, was der Autor bereits durch die Namensgebung deutlich macht. In seinem Roman stellt sich seine Ich-Erzählerin folgendermaßen vor:

"Mein voller Name lautet Ruth Cornelia Becker-Boulard. Ich bin Bildhauerin, Eisseglerin und Aviatikerin gewesen. Sowie, bis vor Kurzem, eine treue Gattin."

Fioretos erfindet Beeses Leben im Roman neu

Ob Melli Beese ihrem Gatten treu war, ist nicht bekannt. Ebenso wenig weiß man, was sie in ihren letzten Lebensjahren nach der Trennung von ihrem Mann im flirrenden Berlin der 20er-Jahre gemacht hat. Und da sie weder Tagebücher noch Briefe hinterlassen hat, kann man auch nichts über ihr Gefühlsleben wissen. Doch genau davon erzählt Aris Fioretos in seinem Roman – und geht dabei ein Wagnis ein. Das beginnt bereits mit seiner Entscheidung für reine Rollenprosa: Er macht Nelly B. zur Ich-Erzählerin und schlüpft somit als männlicher Autor förmlich hinein in seine weibliche Heldin. Besonders interessieren ihn dabei die Rauscherfahrungen seiner Protagonistin, die – ganz zeittypisch – morphiumsüchtig und auch sonst den vielfältigen Drogen des Berliner Nachtlebens zugeneigt ist. Doch am liebsten gibt sich Nelly B. dem Geschwindigkeitsrausch hin, sei es im Auto oder auf dem Motorrad, beim Eissegeln und natürlich beim Fliegen.

"Nichts kommt in die Nähe dieses Augenblicks. Da waren Glück und Adrenalin und ein Wind, der durch Haut und Knochen drang, da waren Frieden und vollständige Gegenwart."

Und: Es geht in dieser 20er-Jahre-Geschichte selbstverständlich auch um den Liebesrausch. Den allerdings erlebt Nelly B. mit einer Frau. Als Angestellte von BMW führt Nelly auf der Deutschen Automobilausstellung in den neuen Berliner Messehallen schicke Motorräder vor, als ihr plötzlich die attraktive Designerin Irma ziemlich forsch Avancen macht.

Erst lehnt sie sich vor und schiebt ihre Hand auf meine. Sie berührt mich nur für ein paar Sekunden. Gleichwohl fühlt ihre Haut sich unerwartet kühl an, ähnlich einem Flugzeug, das länger auf einem Wind gleitet, als man das für möglich gehalten hätte. Dann presst sie ihre Finger auf meine. Das hat zur Folge: Dass ich die Kupplung drücke. Dass sie ihre Hand justiert. Dass wir gemeinsam die Kupplung kommen lassen. Mehr passiert nicht.

Buchcover: Aris Fioretos: „Nelly B.s Herz“ (Buchcover: Hanser Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs)Buchcover: Aris Fioretos: „Nelly B.s Herz“ (Buchcover: Hanser Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs)

Darf Mann das? Aus Frauensicht über lesbischen Sex schreiben?

Für diesen Moment passiert nicht mehr – doch später im Roman dann doch eine ganze Menge. Aris Fioretos stattet die Liebesgeschichte zwischen den beiden Frauen mit erotischen Szenen aus. Ein Mann schildert Sex zwischen Frauen: Begibt sich der Autor damit auf vermintes Gelände? Zumindest kann man sagen: In Zeiten einer permanent schwelenden Debatte über den politisch korrekten Umgang mit Geschlechteridentitäten gehört dazu Mut. Aber keine Sorge: Aris Fioretos belästigt seine Leserinnen nicht mit schlüpfrigen, voyeuristischen Männerfantasien. Vielmehr erweist sich der schwedische Schriftsteller in diesen Liebeszenen als eleganter Stilist, wie man ihn so oft nicht findet in der Romanliteratur. Er vermag es, sich sensibel in seine Figuren einzufühlen und die Antwort auf die Genderfrage dabei lässig seiner Protagonistin in den Mund zu legen:

"Ich habe nie verstanden, warum die Geschlechter Gegensätze bilden sollten oder warum es nur zwei Pole geben darf."

Das Spiel mit Geschlechterrollen, die Lust an der Travestie waren charakteristisch für die 1920er-Jahre. Das greift Aris Fioretos auch formal auf, indem er als männlicher Autor in eine weibliche Rolle schlüpft. Dabei geht es nicht nur ums Liebesleben, sondern generell um die Suche nach neuen Lebensentwürfen. Und er erzählt ebenfalls von der zeittypischen Begeisterung für Technik und der Entdeckung neuer Medien. Auf diese Weise zeichnet der Autor in seinem Roman ein stark von Sinneseindrücken geprägtes Bild der Epoche, die derzeit nicht zuletzt durch die Fernsehserie "Babylon Berlin" eine Hochkonjunktur erlebt. Doch der schwedische Schriftsteller schreibt mit "Nelly B.s Herz" keinem Trend hinterher, sein neuer Roman bildet den Abschluss einer Trilogie über diese spannende Umbruchphase der europäischen Geschichte, die er bereits vor 20 Jahren begonnen hat. Wie schon in den beiden Vorgängerromanen mischt Aris Fioretos auch in "Nelly B.s Herz" Fakten und Fiktion und erzählt eine Lebensgeschichte zwischen höchster Euphorie und tiefster Depression, in der sich die Stimmung der Epoche beispielhaft spiegelt.

Aris Fioretos: "Nelly B.s Herz"
aus dem Schwedischen von Paul Berf
Carl Hanser Verlag, München. 332 Seiten, 24 Euro.

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