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StartseiteForschung aktuellEingefroren im Eis15.11.2019

Arktis-Expedition MOSAiCEingefroren im Eis

Sechs Wochen hat sich die "Polarstern" nach einer passenden Eisscholle umgesehen, Anfang Oktober hat sie sie gefunden. Seitdem driftet das Forschungsschiff festgefroren durch die Arktis. Eine kleine Stadt ist auf dem Eis entstanden, sagt Expeditionsleiter Markus Rex. Die größte Gefahr droht von Eisbären.

Markus Rex im Gespräch mit Christiane Knoll

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Die Polarstern hat auf einer Eisscholle bei 85 Grad Nord und 137 Grad Ost für die einjährige Drift durch das Nordpolarmeer festgemacht (Alfred-Wegener-Institut, Helmhol)
Die Polarstern hat auf einer Eisscholle bei 85 Grad Nord und 137 Grad Ost für die einjährige Drift durch das Nordpolarmeer festgemacht (Alfred-Wegener-Institut, Helmhol)
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Christiane Knoll: Sechs Wochen hat sich die "Polarstern" nach einer passenden Eisscholle umgesehen, Anfang Oktober war sie dann gefunden. Eine kleine Stadt ist inzwischen auf dem Eis entstanden. Wenn es Licht gibt, dann stammt es vom Mond oder den Scheinwerfern, mit denen Forscher, IT-Fachleute und Techniker ihre Experimente ausleuchten – und nach Eisbären Ausschau halten.

In dieser Einöde gibt es keine direkte Telefonverbindung, deshalb haben wir Professor Markus Rex, dem Leiter der MOSAiC-Expedition, unsere Fragen aufgeschrieben, und er hat uns seine Antworten zurückgeschickt. Das Interview, das sie jetzt hören, ist also nachträglich zusammenmontiert.

Woran haben Sie erkannt, dass Sie die richtige Eisscholle zum Andocken gefunden haben?

Markus Rex: Ja, das war in der Tat nicht so einfach. Nach dem extrem warmen Sommer hier in der Arktis ist das Eis hier überall sehr dünn und brüchig gewesen. Die Eisschollen, die wir hier gefunden haben, hatten in der Regel eine Dicke zwischen 60 und 80 Zentimetern, und davon war nur die Hälfte tragfähiges und stabiles Eis. Wir brauchen aber eine Basis für ein ausgedehntes Forschungscamp, das ein ganzes Jahr hier existieren soll. Deswegen haben wir uns auf die Suche nach der einen speziellen Eisscholle gemacht. Und da sind wir sehr froh gewesen, zusammen mit Fernerkundung, mit Satellitendatenprodukten ein Stück Eis zu identifizieren: Es handelt sich um eine Eisscholle, 3,5 mal 2,5 Kilometer groß, in der das Eis sich übereinander geschoben hat, senkrecht gestellt hat und auch in den dünnsten Stellen genügend Stabilität bietet für die große Infrastruktur, die wir hier neben dem Schiff auf das Eis stellen müssen.

Forschungsstation auf der Eisscholle komplett aufgebaut

Knoll: Die "Polarstern" hat ihre Eisscholle also gefunden. Was ist passiert, seit Sie dort das erste Mal festgemacht haben?

Rex: Seit dem 4. Oktober liegen wir hier fest an unserer Eisscholle. Wir haben die Maschinen in den Leerlauf versetzt, haben uns hier einfrieren lassen und driften jetzt passiv mit der Drift des Eises durch die Arktis. In dieser Zeit haben wir eine gewaltige Infrastruktur auf das Eis gestellt, Stromleitungen sind errichtet worden, wir haben eine ganze kleine Forschungsstadt neben dem Schiff auf dem Eis aufgebaut. Die besteht aus richtigen Stadtvierteln wie Met City, wo unsere atmosphärischen Arbeiten laufen, Ocean City, wo die Beprobungen des Ozeans stattfinden, Rov City, da wird ein kleiner ferngesteuerter Tauchroboter eingesetzt, um das Eis von unten und die oberen Wasserschichten genau inspizieren zu können. Das ist eine große Infrastruktur, eine kleine Stadt, wenn man sich das von oben anguckt mit dem Schiff danebenliegend als dem sicheren Rückzugsort für alle Teilnehmer, und das wird jetzt so ein ganzes Jahr über die Arktis driften.

Aufbau des 11 Meter hohen messtechnischen Turms in Met City zur Messung der Atmosphären- und Oberflächentemperatur, relativen Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und CO2-Konzentration.  (Alfred-Wegener-Institut, Helmhol)Aufbau des 11 Meter hohen messtechnischen Turms in Met City zur Messung der Atmosphären- und Oberflächentemperatur, relativen Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und CO2-Konzentration. (Alfred-Wegener-Institut, Helmhol)

Besuch von Eisbären eher die Regel als die Ausnahme

Knoll: Wie gefährlich ist es denn für Sie, von Bord zu gehen?

Rex: Wir haben hier alles getan, um die Risiken dieser Expedition soweit wie das irgend möglich ist zu minimieren. Trotzdem, wir machen unsere Arbeiten auf einer sehr dynamischen Eisoberfläche. Die reißt ständig an verschiedenen Stellen auf, es bilden sich durch Eisdrucke hohe Presseisrücken. Das ist keine stabile, sichere Oberfläche, und auf der arbeiten jeden Tag viele Teams draußen auf dem Eis. Wir können nicht mal so eben jemanden in ein Krankenhaus bringen, und auch das birgt natürlich gewisse Risiken, die unvermeidbar sind. Und unsere Arbeiten finden im Lebensraum des Eisbären statt.  Auch das sind Risiken, mit denen wir hier umgehen müssen und die wir vernünftig managen müssen.

Knoll: Sie driften jetzt seit sechs Wochen. Was ist anders gelaufen als erwartet, was war besser, was schwieriger?

Rex: Unsere Eisscholle zu finden war zwar vielleicht nicht unbedingt leichter als erwartet, aber es ging dann doch sehr schnell. Wir haben unsere Eisscholle früher identifiziert als das im Plan eigentlich vorgesehen war. In den Wochen danach sind wir aber tatsächlich auch von vielen Schwierigkeiten geplagt worden. Das Eis ist eben instabil. Es ist in den dünnen Bereichen dieser Scholle mehrfach aufgerissen. Wir mussten bereits auch Ausrüstungsgegenstände aus dem Wasser wieder bergen. Presseisrücken haben unsere Stromlinien durchschnitten und verschüttet.

Gestern Abend kamen wieder zwei Eisbären in die Nähe unseres Schiffes. Wahrscheinlich waren es die gleichen, die wir schon ein paar Tage vor unserer Ankunft auf der Scholle gesehen haben. Niemand war draußen auf dem Eis, als die Bären auftauchten, und es bestand keine Gefahr für die Teilnehmer der Expedition. Die Bären blieben mehrere Minuten um Polarstern und das Eislager herum. Zu unserer eigenen Sicherheit und zur Sicherheit der Eisbären wollen wir nicht, dass sie sich daran gewöhnen, unsere Nachbarn zu sein. Die leitenden und professionellen Eisbärenwächter der Expedition verfolgten sie daher mit einer Leuchtpistole. Die Bären wurden nicht verletzt und verließen sofort das Gebiet. Dieses Verfahren entspricht dem komplexen Sicherheitskonzept der MOSAiC-Expedition.  (Alfred-Wegener-Institut, Helmhol)Regelmäßig besuchen Eisbären das eingefrorene Forschungs-Schiff "Polarstern" (Alfred-Wegener-Institut, Helmhol)

Wir haben ja doch eine sehr hohe Dichte an Eisbären. Man kann nur im Licht der Stirnlampe nach Eisbären Ausschau halten, und das Wärmebildsichtgerät, was wir auf der Brücke betreiben, einsetzen, um auch die Umgebung noch nach Eisbären abzuscannen, aber das ist auch ein Problem, was auch unsere Arbeiten hin und wieder mal zurückwirft. Wenn ein Eisbär in der Umgebung ist, müssen natürlich alle Menschen zurück an Bord kommen, damit alles sicher bleibt.

Improvisation ist das A und O für alle Beteiligten

Knoll: Wieviel Improvisationstalent war denn bei Ihnen als Leiter einer Riesenexpedition gefragt?

Rex: Tja, die ganze Expedition besteht eigentlich im Großen und Ganzen nur aus Improvisieren. Wir mussten ein Konzept spontan neu entwickeln, dass unsere schwere Infrastruktur auf dem festen verpressten Bereich unserer Eisscholle steht und die Wissenschaft dann auf dem dünnen Bereich stattfindet. Das war so nicht geplant. Das haben wir improvisiert. Wir mussten unser Stromnetzwerk sehr viel modularer und flexibler aufbauen bei den sehr dynamischen Eisbedingungen, die wir hier haben. Wenn wir eins gelernt haben in den ersten Wochen dieser Expedition, dann Improvisieren.

(AWI / Markus Rex)Markus Rex Leiter der MOSAiC-Expedition (AWI / Markus Rex)

Knoll: 300 Wissenschaftler auf engstem Raum zusammengepfercht – schlägt das nicht auf die Stimmung?

Rex: Ich würde eher sagen, das schweißt zusammen. Jeder hier an Bord ist sich bewusst, dass wir ein kleines Team von Menschen sind, weit entfernt von jeder anderen menschlichen Seele, über tausend Kilometer zurzeit. Das sorgt auch dafür, dass sich jeder darüber bewusst ist, Reibereien und Konflikte, die natürlich bei so intensiver Arbeit nie ganz ausbleiben können, diese niemals eskalieren zu lassen, sondern wir wissen, wir sind auf jeden einzelnen Expeditionsteilnehmer für Monate angewiesen. Anders geht das nicht in so einem Team von Menschen, die hier auf sich selbst gestellt in der Polarnacht mitten im Eis so weit weg von allen anderen Menschen unterwegs ist.

Knoll: Was sehen Sie, wenn Sie aus dem Fenster schauen?

Rex: Im Moment sehe ich Dunkelheit. Schon seit geraumer Zeit ist hier keine Spur mehr von Tageslicht zu sehen. In der zweiten Oktoberhälfte war bei wolkenfreiem Himmel immer noch eine Dämmerung um die Mittagszeit herum wahrzunehmen. Das ist lange vorbei. Es ist jetzt hier stockdunkel, mitternachts genauso wie mittags. Sie können hier am Mittag einen wunderschönen funkelnden Sternenhimmel sehen, wenn wir keine Wolken haben, und das unterscheidet sich weder tags noch nachts.

Das auf einer Eisscholle eingefrorene Forschungs-Schiff "Polarstern" drifttet ein Jahr lang durch das Nordpolarmeer. (Alfred-Wegener-Institut, Helmhol)Das auf einer Eisscholle eingefrorene Forschungs-Schiff "Polarstern" drifttet ein Jahr lang durch das Nordpolarmeer. (Alfred-Wegener-Institut, Helmhol)

Trotzdem sehen wir natürlich im Bereich unserer Suchscheinwerfer vom Schiff oder wenn wir Mondlicht haben auch diese skurrile, außerirdisch wirkende Eislandschaft um uns herum, Eisskulpturen, die sich aufgefaltet haben durch die Kräfte von Eisdruck und Wind, dazwischen wieder eingelagerte große flache Bereiche, Ebenen, in denen es in der Regel dunkel ist, wenn der Mond flach darüberscheint, schwarze Bereiche, so sieht das von uns hier oben aus meinem Fenster aus. Da durch ziehen sich langgestreckte Presseisrücken mehrere Meter hoch, in denen sich das Eis unter diesen gewaltigen Drucken, die wir hier manchmal haben, krachend und knirschend übereinanderfaltet und diese Gebilde bildet. Das sieht wirklich außerirdisch aus, wenn ich hier aus dem Fenster schaue, jedenfalls, wenn man überhaupt etwas sieht.

Mein Respekt vor Nansen ist noch größer geworden

Knoll: Die Idee, sich mit dem Eis durch die Arktis tragen zu lassen, hatte der norwegische Polarforscher Fridtjof Nansen. Wie hat sich Ihr Bild von ihm geändert, seit Sie selbst durchs Nordpolarmeer driften?

Rex: Ich muss sagen, ich hatte schon immer einen hohen Respekt, einen sehr hohen Respekt vor Friedtjof Nanens Leistung. Er hat zum ersten Mal erkannt, wie man ein Schiff konstruieren muss, um diese gewaltigen Eisdrucke, die hier zentralarktisch herrschen, überleben zu können. Alle Expeditionen vor ihm sind vom Eis zerdrückt worden, die Expeditionsmannschaften unter ganz üblen Umständen umgekommen. Das ist ihm nicht wiederfahren. Er wusste genau, wie man damit umgehen muss. Er hat die Strategien, wie man in dieser Umgebung überleben kann, von den Ureinwohnern der Arktis, von den Inuit erlernt und hat sich eben nicht in europäischer Überheblichkeit auf Verfahren verlassen, die vielleicht gut wirken am Schreibtisch irgendwo in einem Büro. Mein Respekt vor Nansen war also schon immer groß. Er ist natürlich jetzt noch größer geworden. Als wir aufgebrochen sind und uns von unseren Familien verabschiedet haben, wussten wir, wir kommen heile und gesund zurück, wir wussten, wir können sogar von unterwegs aus kommunizieren im begrenztem Umfang. Das war bei Nansen alles nicht der Fall. Als Nansens Team sich von ihren Familien verabschiedet haben, da wusste keiner, ob die jemals aus dem Eis wieder auftauchen, ob man überhaupt jemals wieder irgendeine Spur von denen sehen würde. Sich das zuzutrauen und diesen persönlichen Einsatz einzubringen, das, muss ich sagen, nötigt mir schon einen gewaltigen Respekt ab.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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