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StartseiteHintergrundArm in einer reichen Stadt21.07.2013

Arm in einer reichen Stadt

Wie es sich mit wenig Geld in Stuttgart lebt

"Schaffe, schaffe, Häusle baue", das von Generation zu Generation vererbte schwäbische Lebensmotto hat in Baden-Württemberg ausgedient. Jeder fünfte Stuttgarter gilt als armutsgefährdet – in einer der reichsten Städte Deutschlands.

Von Uschi Götz

Staatsoper Stuttgart: Vor allem Künstler haben es schwer, sich über Wasser zu halten. (Staatsoper Stuttgart)
Staatsoper Stuttgart: Vor allem Künstler haben es schwer, sich über Wasser zu halten. (Staatsoper Stuttgart)
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"Natürlich, finanziell betrachtet bin ich arm, ja. Und vieles kann ich nicht machen und mir nicht leisten."

"Ist es nicht einfach möglich, wenn man seine Arbeit macht und vor allem gut, dass man damit dann halbwegs einfach so seinen Gruscht zahlen kann und dann von mir aus auch mal zum Italiener gehen kann."

Arm im reichen Süden? Jahrzehntelang galt Baden-Württemberg mit der Landeshauptstadt Stuttgart als Wirtschaftsstandort mit unerschöpflichem Stellenangebot. In seiner Zeit als baden-württembergischer Ministerpräsident sagte der heutige EU-Kommissar Günther Oettinger mehr als einmal:

"Die Volksabstimmung mit Möbelwagen und Umzugskarton gewinnen wir jedes Jahr, und freiwillig verlässt Baden-Württemberg niemand mehr."

Kein Wunder. Baden-Württemberg liegt im Ländervergleich in allen Bereichen an der Spitze. Höchstens mit Bayern gilt es sich zu messen - und meist geht es dabei um Arbeitslosenzahlen, Wirtschaftswachstum, Patentanmeldungen oder um Forschungserfolge. Im Süden ging es immer aufwärts. Doch wer weit oben ist, kann tief fallen.

Stuttgart verändert sich. Was man nicht unbedingt sieht, denn auf der Königsstraße drängen sich nach wie vor Konsumwillige, der Berufsverkehr kriecht im Schneckentempo in und aus der Stadt und auch am Bahnprojekt Stuttgart 21 wird täglich gearbeitet.

Die Veränderung ist mehr als Stimmung wahrzunehmen. So galten gebürtige Stuttgarter zwar nie als Optimisten, doch mittlerweile drehen sich viele ihrer Gespräche um den Job - und um die Angst, diesen zu verlieren. Auch die neu Hinzugezogenen zeigen sich meist ernüchtert. Sie hatten sich das Leben im Ländle anders vorgestellt. Die von Wohlstand geprägte Stadt hat Risse bekommen, hinter den schönen Fassaden bröckelt es.

Ist das nur ein Gefühl? Oder gibt es für diesen subjektiven Eindruck auch einen Beweis? Herbert Jansen von der Stuttgarter Caritas:

"Also subjektiv ist der Eindruck nicht, weil ich jeden Tag in diesen Fragen unterwegs bin und von daher natürlich immer wieder an objektiven Entwicklungen dran bin. Und wir beobachten natürlich, dass Stuttgart als eine boomende Stadt in einer besonderen Art und Weise mit dieser Spreizung der Bevölkerungsschichten konfrontiert wird."

Laut Herbert Jansen hat das damit zu tun, dass in Stuttgart ein höherer Lebensstandard gepflegt wird. Die Zahl der Menschen mit niedrigem Einkommen jedoch wächst - und das bei steigenden Lebenskosten. Etwa auf dem Wohnungsmarkt:

"Der soziale Wohnungsbau ist in den letzten Jahren erheblich zurückgegangen. Das macht deutlich, dass die gesamte Entwicklung so ist, dass wir hier eine hohe Beschäftigungszahl haben, also wir haben in Stuttgart eine Arbeitslosenquote von 5,4 Prozent, das ist sehr gut. Aber diese Anzahl der Menschen, die hier arbeitslos sind, die verfestigt sich zunehmend mehr in eine Gruppe, die langzeitarbeitslos sind und nur noch schwer in den Arbeitsmarkt oder in Beschäftigungsverhältnisse zu integrieren sind."

Wie kein anderes Bundesland ist Baden-Württemberg vom Export abhängig. Vor allem dem Stuttgarter Autobauer Daimler setzt die Absatzkrise auf dem europäischen Markt und in China schwer zu. Bei einem der wichtigsten Arbeitgeber des Landes ist die Stimmung deshalb getrübt. Die Marke mit dem Stern hat an Glanz verloren. Und Daimler steckt an: Die optimistische Grundstimmung vieler Unternehmer ist verschwunden.

So verändert sich die Schwabenmetropole – was auch in Zahlen ablesbar ist: Denn in Stuttgart, in einer der reichsten Städte Deutschlands, gelten immer mehr Menschen als armutsgefährdet. Die Zahlen liefert das Statistische Landesamt: Legt man das Durchschnittseinkommen aller Stuttgarter für die Berechnung zugrunde, dann liegt die Armutsgefährdungsquote in der Landeshauptstadt bei 20,8 Prozent.

"Und diese Quote - also jetzt wirklich bezogen auf die Stuttgarter Einkommensverhältnisse - ist sogar in den letzten sechs Jahren deutlich angestiegen. Im Jahr 2005 hatten wir noch knapp 17 Prozent, also 16,8 Prozent, und jetzt haben wir eben die 20,8 Prozent. Das ist eine Steigerung um vier Prozentpunkte innerhalb von sechs Jahren."

Rechnet Ariane Krentz vom Statistischen Landesamt vor. Bei rund 600.000 Einwohnern sind in Stuttgart 120.000 Menschen betroffen. Denn je höher das Verdienstniveau, desto gefährdeter für Armut die Menschen. Oder ganz einfach ausgedrückt: wo viel verdient wird wie in Stuttgart, ist man schneller arm als in anderen Bundesländern oder Städten.

"Es heißt für Baden-Württemberg: Ein Einpersonenhaushalt, – gemessen am Durchschnittseinkommen von Baden-Württemberg - der gilt als armutsgefährdet, wenn ihm weniger als 925 Euro zur Verfügung stehen, und ein Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren bei unter 1943 Euro."

Zum Vergleich: In Mecklenburg-Vorpommern lag die Armutsgefährdungsschwelle für einen Einpersonenhaushalt im Jahr 2011 bei 716 Euro. Alleinerziehende, Alleinlebende, Erwerbslose und Großfamilien gelten als besonders armutsgefährdet – auch in Stuttgart. Doch hier berichten vor allem Beratungsstellen und kirchliche Einrichtungen davon, dass auch immer mehr gut ausgebildete Stuttgarter nicht mehr weiter wissen. Diakoniepfarrerin Karin Ott kennt Beispiele:

"Jüngerer Mann, Ende 20, kam hier zu mir ins Diakoniepfarramt auf der Suche nach einem Job. Er hat Abitur gemacht, hatte dann zunächst eine Ausbildung im Bankwesen, hat dann noch mal eine Ausbildung als Pilot draufgesetzt, hatte dann gerade ein paar Monate Berufserfahrung, als die Finanzkrise kam. War bei einem dieser sogenannten Billigflieger beschäftigt, war dann in der akuten Krise einer der Ersten, der gekündigt wurde, ging zum Jobcenter. Jobcenter konnte ihm natürlich weder eine Stelle im Bankwesen anbieten, noch eine Stelle als Pilot."

Dem Mann sei empfohlen worden, er solle den LKW-Führerschein machen.

"Seine Schwierigkeit war dann, dass er als Pilot in gewissen Abständen, um die Lizenz nicht zu verlieren, Flugstunden nachweisen muss. Er hat sich dann auf den Deal eingelassen, den LKW-Führerschein zu machen, um sich Flugstunden privat finanzieren zu können, denn dazu wiederum war das Job-Center nicht bereit."

Pfarrerin Ott kann von vielen ähnlichen Schicksalen erzählen. Von Lebensläufen, die anders verlaufen als ursprünglich geplant. Der häufig gehörte Rat, eine gute Schul- und Berufsausbildung schütze vor Arbeitslosigkeit und Armut, scheint nicht mehr unbedingt zu stimmen. Die Pfarrerin weiß, wovon sie spricht: Sie leitet jedes Jahr die Stuttgarter Vesperkirche, wo Menschen Hilfe finden:

"Was wir ganz deutlich beobachten können, dass die Gesichter der Armut vielfältiger werden, und auch die Geschichten, weshalb Menschen in eine Notsituation geraten sind, werden deutlich vielfältiger. Ich habe den Eindruck, die Schere geht deutlich auseinander."

"Schaffe, schaffe, Häusle baue", das von Generation zu Generation vererbte schwäbische Lebensmotto, hat selbst in Baden-Württemberg ausgedient: Fleiß alleine genügt nicht mehr. Vielmehr steigt die Zahl derer, die zwar ganztags arbeiten, von ihrem Einkommen aber nicht gut leben können. Befristete Beschäftigungen oder Werkverträge zeigen also Wirkung.

"Ich habe den Eindruck, dieser Grat oder die Grenze, auf welcher Seite des Lebens ich mich wiederfinde, ich sage es jetzt mal ganz plakativ: sei es auf der Sonnenseite oder eher auf der Schattenseite, dieser Grad wird immer dünner. Und, was für mich auch deutlich ist, in den wenigsten Fällen ist es eine Frage von persönlicher Schuld oder von persönlichem Können, auf welcher Seite ich mich wiederfinde."

Laut einer Studie der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung sinkt in den meisten deutschen Großstädten die Anzahl der Menschen, die wegen Langzeitarbeitslosigkeit, als Aufstocker mit niedrigem Arbeitseinkommen oder aus anderen Gründen Hartz IV erhalten. Gleichzeitig aber ist die Armutsquote in den großen Städten deutlich gestiegen.

Judith Giesel leitet die evangelische Beratungsstelle Kompass in der Stuttgarter Innenstadt. Zur Beratungsstelle gehört auch ein Café. Dort trifft sie auf Menschen, die längst aus den Statistiken verschwunden sind:

"Es gibt eine Veränderung in der Armutsstruktur, dass wir viel mehr Menschen haben, die nicht sozialhilfesozialisiert sind. Das finde ich sehr, sehr auffällig. Die halt immer noch versuchen, den Schein zu wahren, weil sie zu einer Bevölkerungsgruppe gehören, die eigentlich immer auf die Armen herabgeguckt haben. Und plötzlich spüren: Ich rutsche in die Richtung, und das ist etwas, was ich überhaupt nicht will. Im Dezember war ein Mann hier, der war sehr, sehr gut gekleidet … "

… und doch hatte er so ziemlich alles verloren: sein Unternehmen, sein Vermögen, seine Frau. Ein paar Jahre konnte er sich über Wasser halten, war nicht krankenversichert und lebte vom Verkauf seiner Wertgegenstände. Seine Armut hat der Mann verborgen, erzählt Judith Giesel:

"Einfach, um sich diese Schmach zu ersparen. Und hat sich dadurch natürlich in eine Situation gebracht, wo er im Prinzip noch unterhalb des Existenzminimums gelebt hat. Eigentlich hat er dadurch alles zu einer Katastrophe kommen lassen. Also der hat jetzt mittlerweile seine Wohnung verloren, Gerichtsvollzieher Möbel gepfändet, alles weg und muss jetzt dort anfangen, wo er nie hin wollte."

Jeder fünfte Stuttgarter gilt als armutsgefährdet. Doch wie sehen diese Stuttgarter aus? Wo trifft man sie? Sie laufen nicht in Lumpen herum. Sie sind nicht zu erkennen.

"Also früher war das irgendwie klarer: Es gab die arbeitende Bevölkerung, und es gab die, die aus welchen Gründen auch immer keine Arbeit hatten. Und diese Mischformen, finde ich, die nehmen zu."

Die Stadt Stuttgart hat die von Armut betroffenen Menschen im Blick. Ihnen steht eine Bonuscard zur Verfügung, mit der Erwachsene und Kinder vergünstigte Fahrkarten für den öffentlichen Personennahverkehr kaufen oder ermäßigten Eintritt fürs Schwimmbad verlangen können. Wer eine Bonuscard plus besitzt, kann zudem kostenlos Kulturveranstaltungen besuchen. Doch selbst Kulturschaffende, die für Unterhaltung anderer sorgen, sind nicht außen vor.

"Also selbst diejenigen, die feste Anstellungen haben, verdienen nicht wirklich viel Geld. Das täuscht. Die haben zwar das Glück, dass sie regelmäßig Geld verdienen, also sich um ihr Auskommen keine Sorgen machen müssen, aber wirklich gut bezahlt sind auch die nicht."

Im vergangenen Jahr wurde Stuttgart zur Kulturhauptstadt gekürt. Das Weltwirtschaftsinstitut in Hamburg hat die 30 größten deutschen Städte verglichen und festgestellt, in der baden-württembergischen Landeshauptstadt sind mehr Kulturschaffende beschäftigt als in Dresden, München oder Berlin. Wie die Künstler leben, darüber gibt die Vergleichsstudie allerdings keine Auskunft. Alexandra Mahnke lebt von rund 700 Euro im Monat. Die 35-Jährige ist Tänzerin und Choreografin. Sie gilt als talentiert, jüngst wirkte sie als Co-Choreografin bei einem landesweit beachteten Theaterprojekt mit. Sie wohnt in Stuttgart, ihre Unterkunft jedoch erinnert an die Bettstatt des von Spitzweg gemalten "Armen Poeten":

"Der untere Bereich ist Lager, und im oberen Bereich gibt es eine kleine Einbauküche und einen etwas größeren Raum, der aber alles ist: Wohnraum, Schlafraum, Arbeitsraum, und nur getrennt davon ist eben Dusche und Klo. Und – ähm - so lebe ich. Ich lebe am Schreibtisch und im Bett und überall gleichzeitig sozusagen. Also ich habe nicht, so wie man das sonst so denkt, keine getrennten Räume. Also ich habe kein schönes Wohnzimmer, kein schönes Schlafzimmer, ich habe keine Küche. Es ist alles eins."

Alexandra Mahnke hat studiert und ist als freischaffende Künstlerin ins Berufsleben gestartet. Sie kann von ihrem Talent leben, allerdings nicht ausschließlich.

"Das machen viele in meinem Beruf. Die meisten unterrichten in irgendwelchen Privatschulen, Ballettschulen, Tanzschulen, eben Tanzunterricht. Ich habe mich dazu entschlossen, nicht meine Profession zu unterrichten, sondern ich gebe Fitnesskurse. Was für mich angenehmer ist, weil ich den eigenen hohen Anspruch nicht geltend machen muss, im Unterricht. Das heißt, ich kann da auch ein bisschen abschalten. Das heißt, für mich die angenehmste Art Geld verdienen zu müssen, in einem Bereich, der eigentlich nicht mein Beruf ist."

Auch wenn sie wenig Geld hat, sie vermisst nichts.

"Ich gehe vielleicht nicht so oft ins Kino oder gar nicht oder nicht so oft ins Café. Aber wirklich arm fühle ich mich deshalb nicht."

Arm, aber glücklich. Alexandra Mahnke bestätigte mit ihrer Aussage eine Langzeitstudie, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung im vergangenen Jahr veröffentlichte. Danach verdienen Künstler im Durchschnitt weniger als andere Berufstätige. Ein gutes Einkommen ist ihnen angeblich auch nur halb so wichtig wie den anderen. Erstaunlich ist der Zusammenhang von Arbeitszeit und Zufriedenheit: Je mehr sie arbeiten, umso glücklicher sind sie sogar. Künstler, so erklärt man sich dieses überraschende Ergebnis, können selbstbestimmter arbeiten als andere.

Vorausgesetzt: die Aufträge kommen. Doch die fehlen – auch in Stuttgart. Selbstvermarktung und Job-Akquise waren hier lange nicht nötig. Heute aber wird um jedes Honorar gefeilscht. Und Künstler verkaufen sich unter Wert.

"Ich glaube, wir haben uns, alle, die als Künstler arbeiten, irgendwie abgefunden mit dieser Situation, weil wir ja uns zum Teil wiederum als privilegiert fühlen, dass wir uns entschieden haben, beruflich davon leben zu wollen, was uns wirklich Freude macht. Das ist, glaube ich, heutzutage mehr denn je ein Privileg, weswegen wir nicht Gefahr laufen dürfen - und da sehe ich einige Kollegen, die da meinen, schon Geld mitbringen wollen, damit sie irgendwo spielen dürfen - nicht demütig im Staube zu kriechen vor dem Kunden vor lauter Dankbarkeit, dass er ihm jetzt einen Auftrag gegeben hat."

Peter Gorges ist Unterhaltungskünstler, Conférencier, Schauspieler und Sprecher. Namhafte Unternehmer etwa lassen den wandelbaren Künstler gerne bei ihren Events auftreten. Die Dankesschreiben lesen sich wie Kulturkritiken in überregionalen Zeitungen. Herr Gorges selbst hat wenig davon. Der Mittvierziger macht mit seiner Frau Meike und den beiden Kindern Urlaub im Zelt. Die Umzugspläne in eine größere Wohnung sind gestrichen. Zu teuer. Stattdessen wurde für die Kinder das Esszimmer geräumt. Die Familie gilt als armutsgefährdet. Dieses Wort fällt im Gespräch jedoch nicht.

"Wenn, dann nur indirekt. Das Wort Armut als solches, vielleicht hat deswegen meine Frau auch so brüsk reagiert: Wir erleben hier gerade Armutsrisikofaktor Kinder. Wir können wegen Paul weniger arbeiten, weil wir uns um Paul kümmern wollen, weil uns das wichtig ist, prompt haben wir weniger Zeit für den Job, prompt kommt weniger Kohle rein. Ganz einfacher, gnadenloser Zusammenhang. Weil wir haben keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, wir haben weder ein 13., geschweige denn ein 14. Monatsgehalt."

Seine Frau Meike Lehmann ist Geschäftsführerin einer Buchbinderei im Stuttgarter Westen. Sie ist also ihr eigener Chef. Mittlerweile kommen Kamerateams zu ihr, um den aussterbenden Beruf des Buchbinders zu porträtieren. Nicht mit ihren Berufen ist das Ehepaar öffentlich bekannt geworden. Sondern aufgrund der Tatsache, dass es die Familie manchmal kaum noch schafft, von ihrer Arbeit zu leben.

Doch, was sollen sie tun, die Gorges, Lehmanns, Mahnkes und wie sie alle heißen. Das Eis wird dünner, das spüren viele Künstler. Das Wort Armut gehört aber nicht zur Kunst. Doch wenn tatsächlich die Schere weiter aufgeht, dann wird das Gefälle eben spürbar. Da erleben Künstler den Fall genauso schmerzhaft wie alle anderen auch, die von ihrem Job leben müssen – und es vielleicht bald nicht mehr können. Das gilt erst recht für die, die Kinder versorgen müssen.

"Ja, indirekt wird das Thema Armut schon angesprochen. Wenn man dann sagt, wir können uns zwar keine drei Urlaube, geschweige denn manchmal einen Urlaub im Jahr leisten, aber dafür haben wir einen anderen Reichtum, der aber leider betriebswirtschaftlich nicht messbar ist. Und wenn dein Steuerberater dir im Jahresabschlussgespräch dann sagt, Frau Lehmann, Herr Gorges, sie machen beide gesellschaftlich wertvolle Berufe, ja, dann weißt du doch, wo der Hammer hängt. Das ist dann so, wie: Lasst es doch einfach bleiben."

Peter Gorges hat ein paar Aufträge in Aussicht, die Tänzerin und Choreografin Alexandra Mahnke wartet noch auf ein Honorar, das sie für die Arbeit an einer Schule bekommen soll. Sie tanzen, sprechen und spielen auf hohem Niveau, aber werden längst nicht mehr für den Wert ihrer Leistung bezahlt. Mitten in Stuttgart, mitten in einer prosperierenden Stadt. Wie es weitergeht, wissen sie nicht:

"Was uns beide extrem nachdenklich stimmt, und das geht natürlich schon in die Zukunft, dass immer alle von Wachstum reden. Und das macht uns langsam kirre. Also Meike sagt inzwischen einfach klipp und klar: Scheiß Wachstum, ich kann es nicht mehr hören. Was soll denn das? Ist es nicht einfach möglich, wenn man seine Arbeit macht und vor allem mit einer gewissen Berufsehre gut, dass man damit dann halbwegs einfach so seinen Gruscht zahlen kann und dann von mir aus auch mal zum Italiener gehen kann und dann halt einmal im Jahr in Urlaub?"

Werde ich immer die Möglichkeit haben, in Projekten zu arbeiten? Fragt sich Alexandra Mahnke manchmal. Irgendwann wird sie mit dem Tanzen aufhören müssen, denn sie wird älter. Die meisten Künstler denken nicht weit in die Zukunft, vielleicht gehört auch das zur Kunst. Allerdings haben sie sehr wohl Ansprüche und Wünsche, was ihr Leben jenseits der Bühne betrifft:

"Worüber ich sehr viel nachdenke, ist bedingungsloses Grundeinkommen. Ist tatsächlich so ein Thema, das ich nicht uninteressant finde in dem Zusammenhang. Weil es speziell mir sehr viel erleichtern würde. Und in meinem Fall könnte ich mich mit diesem Einkommen voll und ganz meiner Kunst widmen. Ich müsste mir über vieles keine Gedanken machen und hätte viel mehr Kapazitäten frei für meinen eigentlichen Job."

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