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StartseiteEuropa heuteApps für die Welt27.11.2018

Armenien im Aufbruch (2/5)Apps für die Welt

In Armenien gibt es kaum Arbeit. Doch eine Branche wächst wie keine andere: Mehr als zehntausend freie Arbeitsplätze gibt es im IT-Bereich. Schon die Jüngsten werden deshalb auf diesem Gebiet gefördert. Und nach und nach siedeln sich Start-ups sowie IT-Spezialisten an.

Von Christoph Kersting

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Programmiercode und globales Netzwerk mit Technologie-Hintergrund (dpa / picture alliance / Klaus Ohlenschläger)
Die IT-Branche in Armenien boomt und lässt viele junge Menschen hoffen (dpa / picture alliance / Klaus Ohlenschläger)
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Sarkis Mkhitaryan und seine Klassenkameraden haben es heute mit "Python" zu tun – keiner Würgeschlange, sondern der gleichnamigen Programmiersprache. Der 16-Jährige sitzt an diesem Nachmittag mit etwa 20 gleichaltrigen Jungen und Mädchen in einem Klassenraum des Gyumri Technology Centres, kurz GTC, und löst unter Anleitung seines Lehrers kleinere Programmier-Aufgaben. Am Ende des vom russischen Internet-Anbieter Yandex mitfinanzierten Kurses sollen die Jugendlichen in der Lage sein, einfache Webseiten zu gestalten.

Sarkis und die anderen sind freiwillig hier, zwei Mal pro Woche, nachdem sie schon acht Stunden die Schulbank gedrückt haben. Er wolle später Programmierer werden, vielleicht noch Wirtschaftswissenschaften studieren, erzählt Sarkis in einer kurzen Unterrichtspause. Und in Frankreich leben und arbeiten, dort habe er Verwandte. Irgendwann will er aber wieder zurückkommen in seine armenische Heimat, um hier etwas aufzubauen.

Diesen Schritt hat Bella Harutyunyan schon hinter sich. Die zierliche junge Frau ist erst 24 - und schon Direktorin des GTC, das 2015 von der armenischen Regierung mit Unterstützung der Weltbank gegründet wurde.

"Ich habe in den USA studiert, bin da schon mit 16 hingegangen und dann sechs Jahre geblieben. Ich war an der University of Oregon, und natürlich war das ein gutes Gefühl in Amerika zu leben, weil man diese vielen Möglichkeiten dort hat. Aber die Frage ist doch: Wo bringe ich mich dann ein, mit dem was ich kann? Braucht Amerika mich mit meinen Fähigkeiten wirklich genauso wie Gyumri mich braucht? Das war schon so eine Art Mission für mich. Ich wollte zurückkommen und hier einen Unterschied machen, nachhaltig zu einer Entwicklung beitragen. Und das ist ganz einfach notwendig hier: Leute, die ihr Potenzial nutzen für ihr Umfeld, ihre Heimat."

Start-ups siedeln sich an

Das GTC soll zeigen: Der Grundstein für diesen Weg kann auch in Armenien gelegt werden, und vielleicht wird der Umweg vieler junger Armenier über ausländsiche Hochschulen in Westeuropa und den USA sogar irgendwann gar nicht mehr nötig sein.

Das GTC ist in einem historischen Gebäude untergebracht, das bis zum schweren Erdbeben 1988 die erste armenische Universität beherbergte. Die junge Direktorin Bella Harutyunyan macht einen Rundgang durchs Gebäude. Nicht nur IT-Fortbildungen für Schüler finden hier statt, auch komplette Ausbildungskurse zum Programmierer. Und: Inzwischen haben 25 junge Start-ups ihren Sitz im GTC, einige von ihnen wurden gegründet von Absolventen des Instituts.

Im Stockwerk über den Klassenräumen hat zum Beispiel der App-Entwickler "Digital Pomegranate" seine Büros. Der "Digitale Granatapfel" war 2015 das erste Start-up im GTC.

Stark wachsende Branche

Apps für die Welt, entwickelt in Gyumri – genau das ist es, was laut der jungen GTC-Direktorin Harutyunyan erreicht werden soll. Es heiße immer: Es gibt keine Jobs in Armenien, darum sind die Menschen gezwungen das Land zu verlassen. Das stimme heute aber nur noch bedingt:

"IT ist eine der am stärksten wachsenden Branchen heute in Armenien, es gibt 12.000 offene Stellen im IT-Bereich. Das Problem ist ganz einfach: Wir haben nicht die Leute, um diese Stellen zu besetzen. Darum fangen wir hier in jungen Jahren an die Leute auszubilden und zeigen ihnen: Ihr müsst nicht nach Jerewan gehen oder ins Ausland, sondern könnt auch hier in Gyumri leben und arbeiten für dieselben internationalen Firmen wie anderswo. Wir müssen einfach aufhören, uns immer nur mit der schwierigen Vergangenheit, dem Erdbeben zu beschäftigen. Die Dinge ändern sich jetzt wirklich."

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