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StartseiteBüchermarktDurch die sieben Kreise des Todes21.04.2014

Armenier in RumänienDurch die sieben Kreise des Todes

Varujan Vosganians "Buch des Flüsterns" löste bei seinem Erscheinen in Rumänien 2009 ein überwältigendes Echo aus. Als Vertreter der zweifelhaften politischen Klasse Rumäniens hat sich der ehemalige Wirtschaftsminister nicht mit Ruhm bekleckert - als Erzähler überzeugt er umso mehr.

Von Jan Koneffke

Porträt von Varujan Vosganian (AFP / STRINGER)
Varujan Vosganian war bis zum Herbst 2013 rumänischer Wirtschaftsminister. Er trat wegen Korruptionsverdachts zurück. (AFP / STRINGER)

Dem deutschsprachigen Leser dürfte der Name Varujan Vosganian überhaupt nichts sagen. Auch über die armenische Gemeinde in Rumänien seit der Vertreibung durch die Osmanen, weiß er vermutlich nur wenig bis nichts. Doch dass der Roman von gleich zwei fremden Kulturkreisen erzählt, gereicht ihm nicht zum Nachteil. Von Anfang an entführt der Autor seinen Leser auf magisch-poetische Weise in eine unbekannte Welt, greift in der Zeit und im Raum immer weiter aus, bis sich die Handlungsfäden zu einem orientalischen Erzählteppich verknüpfen.

Das flüssig geschriebene "Buch des Flüsterns" hebt Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre in einer rumänischen Provinzstadt namens Focşani an, in der der Autor seine Kindheit und Jugend verbrachte. Zunächst meint man, es mit einem nur persönlichen Erinnerungsbuch zu tun haben, wenn Vosganian die Welt der armenischen Gemeinde unter den Kommunisten schildert, eine Welt aus Alltagsgewohnheiten und -gegenständen, typischen Gerüchen und Speisen. Doch bereitet er damit, äußerst kunstvoll, die Saga eines Volkes vor, das die "sieben Kreise des Todes" durchlaufen hat.

"Ich spielte unter dem Tisch im Hof, wenn die Alten sich flüsternd Geschichten erzählten oder schöne Lieder traurigen Inhalts summten, die sie wiederum in ihrer Kindheit auf den Hochebenen Anatoliens gehört hatten. Schickt das Kind hier weg, sagte manchmal eine der dicklichen und nach Kölnischwasser riechenden Frauen, Tante Paranţem oder Armenuhi. Lass ihn, sagte Großvater. Immer bleibt einer übrig, der erzählt. Vielleicht wird gerade er einmal der Erzähler sein."

Großvater Garabet ist nicht nur eine einprägsam und liebevoll geschilderte Gestalt. Er fungiert auch als Quelle der Geschichten eines Buches, das die Funktionen, Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Erzählens in subtiler poetologischer Weise immer wieder selbst zum Thema macht.

"Für mich, den Erzähler, ist es etwas schwierig, den Faden der Geschichte zu bewahren. Sie kommt mir etwas zerhackt vor, wie ein Buch, das man beim Licht von Blitzschlägen liest."

So verlässt der Autor den Rahmen persönlicher Erinnerungen, um dem Motto des Romans gerecht zu werden, laut dem sich die Armenier nicht dadurch unterscheiden, was sie sind, sondern durch ihre Toten, von denen sie jeden einzelnen beweinen.

Ein Füllhorn eindrucksvoller Figuren

In den folgenden zwölf Kapiteln schüttet das "Buch des Flüsterns" ein Füllhorn eindrucksvoller Figuren und - mal wundersamer, mal komischer, oft aber auch grausamster - Geschichten über dem Leser aus. Da ist zum Beispiel der in Anatolien geborene Schwager des Großvaters, Sahag Șeitanian, der von den Osmanen, zusammen mit seiner Familie und Tausenden anderer Armenier, in die Wüste deportiert wird, wo er und die Seinen sich selbst überlassen Hunger leiden, Krankheiten, Kurden- und Beduinenangriffe überstehen müssen.

"Die auf den Tod Dahinsiechenden waren vor Hunger so dürr geworden und vom Frost verzehrt, dass ihre Arme oder Beine krachend wie trockene Äste brachen, wenn man sie zwischen den Zelten wegzerrte. Als der Schnee schmolz, wurden wieder Konvois gebildet. Der Himmel weichte auf, und der Regen begann. Die Wege verschlammten. Sie wickelten sich von den Leintüchern abgetrennte Streifen um die Füße, sonst wären ihre nackten Fußsohlen im Boden kleben geblieben. Im Nieselregen dauerte der neuerliche Weg fast eine Woche. Man konnte die Toten nicht mehr zählen, denn auf dieser nebligen Wegstrecke, wo man nur noch die bläulichen Dämpfe des eigenen Atems sehen konnte, war das vom Regen durchweichte Fleisch derer, die umkippten, ebenso weich und klebrig geworden wie der lehmige Boden. Die Nachfolgenden traten sie mit Füßen und vermengten ihr Fleisch wie in einem schwarzen Teig mit dem alles verhüllenden Schlamm der Wege."

Auf die anfängliche Schilderung der Initiation zum Erzählen folgt, in diesen alptraumhaften Passagen massenhafter Vernichtung, die Schilderung der "Initiation in den Tod."

"Das Lager versank in Lethargie. Die Angst der Soldaten vor einer Revolte mag als unbegründet erscheinen, zumal sie bestens ausgestattet waren, ausgeruht bis zur Langeweile und bis an die Zähne bewaffnet, während die Deportierten nur noch Skelette waren, zerlumpt und zögerlich dem Todestaumel hingegeben. Die Soldaten aber hatten sich tatsächlich gefürchtet (...) Noch waren keine Waffen erfunden worden, die geeignet gewesen wären, jene zu beeindrucken, die sich vor nichts mehr fürchteten. Ausgemergelt und von Hunger zerfressen, war den Deportierten nicht bewusst, dass eben die Hinnahme des Todes eine Macht bedeutete, die zu Recht gefürchtet wurde. Obwohl diese Kraft der Furchtlosigkeit vor dem Tod in jedem neuen Kreis zunahm, war der Weg durch die sieben Kreise des Todes von keiner Revolte begleitet. Der Weg der Konvois bedeutet vielmehr Todeserwartung. Der durch das Lager irrende Tod war einer von ihnen geworden, er war eines der Opfer in den Kreisen von Deir-ez-Zor."

Zunächst stirbt die Großmutter Sahags, dann wird der Vater umgebracht, schließlich erkrankt die Tochter. Um sie vor dem Tod zu bewahren, verkauft die Mutter ihren Sohn für einen Sack Mehl an einen Araber, der ihn zu seinem Beduinenstamm bringt, wo sich der Junge um die Pferde kümmern muss. Sahag wird beschnitten, erhält den Namen Yusuf und bleibt solange bei den Beduinen, bis der Araber seiner Lieblingsfrau ein Medaillon schenkt, das Sahag/Yusuf als ein Schmuckstück seiner Mutter wieder erkennt. Daraus muss er schließen, dass sie nicht mehr am Leben ist. Dem Irrsinn nahe, entschließt er sich zur Flucht, stiehlt ein Pferd des Arabers, das er bald verkaufen wird, um schließlich mit Zug und Schiff im rumänischen Silistra zu landen.

"Sahag und Yusuf hassten sich, aber sie wussten auch, dass sie gezwungen waren, miteinander zu leben. Verzehnfacht hatte nun Yusuf die Qualen zu erdulden, denen Sahag ausgesetzt worden war, musste die Verbeugungen vor einem anderen Erlöser und die allemal züchtigen Gebräuche dieses Glaubens ertragen. Aber er rächte sich auf die einzig ihm zu Gebote stehende Weise an diesem fremden Geschlecht, und zwar durch das Glied, das vom Zeichen seiner Geburt geprägt war und seinen Samen vergiftete. An diesen ewig unfruchtbar gebliebenen Samen gefesselt, der mit den Jahren spärlicher floss, schrumpfte auch Yusuf selbst. In meiner Kindheit war Sahag Șeitanian ein alter Mann. Deshalb habe ich Yusuf nicht kennengelernt."

Großer Erzähler seines Volkes

Ebenso faszinierend liest sich die Geschichte des 1873 in Anatolien geborenen Hartin Fringhian, der als junger Mann im Heer der Ottomanen dient, bis er 1914 - ein Jahr vor der großen Vertreibung - auf einem Frachtschiff von Konstantinopel aus das rumänische Konstanza erreicht, wo er ein Kaffee- und Gewürzgeschäft eröffnet. Fringhian macht sein Glück mit ungeläutertem Zucker, den er, kurz vor der Wirtschaftskrise von 1929, aus den USA zu importieren beginnt. Er kauft mehrere Zuckerfabriken in seiner Wahlheimat, wird bald zu einem der reichsten Männer Rumäniens. Unverheiratet und kinderlos greift er mit seinem Geld den eigenen Arbeitern unter die Arme, indem er Häuser für sie baut oder ihnen mit Krediten aushilft. Einen anderen Teil des Geldes legt er in Gold und Edelsteinen an, die er in einem Safe der rumänischen Handelsbank deponiert. In seinem Testament setzt Fringhian die Arbeiter zu seinen Erben ein.

Doch dann kommen die Kommunisten an die Macht und er verliert alles, seine Fabriken, sein Gold, seine Edelsteine. Weil er anfangs nicht versteht, was vor sich geht, begibt er sich, im Smoking, zur Börse, vor der die Broker ihre Goldmünzen auf die Straße werfen, aus Angst, wegen illegalen Geldbesitzes verhaftet zu werden, sodass der Bürgersteig bald wie ein goldener Teppich glänzt. Fringhian, verwundert darüber, dass seine Fabriken nun dem Volk gehören sollen, schließlich hat er sie doch selbst schon dem Volk vermacht, entzieht sich seiner Verhaftung durch Flucht in die Berge. Erst nach dem Tod Stalins, als hoch betagter Mann, kehrt er zu seiner Fabrik in Chitila bei Bukarest zurück, hinter der er vor langer Zeit einen Nussgarten hatte anlegen lassen, und sammelt nun die Nüsse auf, die er röstet und verkauft, um sich mit diesem letzten Geschäft seines Lebens mehr schlecht als recht über Wasser zu halten. Im Winter '59 wird er tot aufgefunden, neben sich das Testament.

Das Schicksal der geschilderten Armenier, die "alle an der Schuld tragen, nicht mit den anderen gestorben zu sein", vermag den Leser vor allem deshalb zu ergreifen, weil der Erzähler die Kunst der lakonischen, ganz und gar unsentimentalen Darstellung beherrscht. Durch überbordendes Fabulieren und gelungene Figurenzeichnung spinnt Vosganian den Faden aus dem Innern der modernen armenischen Geschichte heraus, bis sich das mit Hunderten erinnerungswürdiger Gestalten bevölkerte große Panorama in ein außerordentliches, vom tragischen Sinn der Historie beherrschtes Fresko verwandelt.

Der von Ernest Wichner glänzend übersetzte Roman, den man "wie im Licht von Blitzen" liest, endet, wie er enden musste: mit dem Tod des Großvaters und weisen Geschichten-Zeugen. Doch Garabets Tod ist gleichzeitig eine Geburt, nämlich die des Varujan Vosganian zum großen Erzähler seines Volkes.

Varujan Vosganian: "Buch des Flüsterns"
Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Zsolnay Verlag, Wien, 2013, 509 Seiten, 26,00 Euro.

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