Freitag, 25.06.2021
 
Seit 15:05 Uhr Corso - Kunst & Pop
StartseiteKommentare und Themen der WocheVor dem Virus sind nicht alle gleich29.04.2021

Armut und CoronaVor dem Virus sind nicht alle gleich

In Corona-Hotspots deutscher Städte zeigt sich: Auch in der Pandemie ist Armut ein entscheidender Faktor für die Gesundheit - eine Überraschung ist das jedoch nicht, kommentiert Felicitas Boeselager. Weil Menschen, die weniger haben, mehr brauchen, müsse man sich um diese besonders kümmern.

Ein Kommentar von Felicitas Boeselager

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eine Straße im Stadtteil Chorweiler ist in den Morgenstunden leer. Bundeskanzlerin Merkel und die Regierungschefs der Länder wollen am Dienstag (19.01.2020) über eine mögliche Verschärfung der Lockdown-Regeln beraten. (picture alliance/dpa | Oliver Berg)
"Hohe Inzidenzen sind nicht irgendwelche Zahlen, dahinter stehen Menschenleben." - Felicitas Boeselager kommentiert den Zusammenhang zwischen Corona und sozialer Herkunft (picture alliance/dpa | Oliver Berg)
Mehr zum Thema

Sozial benachteiligte Kinder und Corona "Es ist eine kleine Katastrophe"

Die unterschiedlich hohen Inzidenzzahlen in Köln haben ihn beeindruckt, hat CDU-Kanzlerkandidat und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet gesagt. Da kann man nur zustimmen, diese Zahlen sind beeindruckend - sie sind schlimm. Sie sind aber keine Überraschung. Dass es offenbar immer noch Beweise dafür braucht, dass Armut ein entscheidender Faktor für Gesundheit ist, das ist beeindruckend, oder viel mehr erschütternd.

Ganz am Anfang der Pandemie, als sich überwiegend wohlhabende Menschen in den Skigebieten ansteckten, da hieß es häufig: Vor dem Virus sind alle gleich. Dass das nicht stimmt, ist spätestens seit den Ausbrüchen in den Fleischfabriken der Firma Tönnies und in den Flüchtlingsunterkünften in der ganzen Bundesrepublik klar.

Mehr Streetworker und andere Helfer

Man hätte schon weit früher besser auf strukturschwache Stadtteile eingehen müssen. Mehrsprachige Flyer reichen nicht. Es braucht viel mehr Streetworker und Menschen aus den Communitys, mit denen gemeinsam aufgeklärt werden kann. So wie in Berlin jetzt in Moscheen über das Virus und die Impfungen informiert wird.

Eine Frau geht mit Mund-Nasen-Schutz an einem Wohnhaus im Stadtteil Chorweiler vorbei.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg) (picture alliance / dpa / Oliver Berg)Corona-Hotspots in Köln: Gesundheitsamt: Armut und Wohnen sind maßgebliche Gründe 
Die Inzidenzen in Kölner Stadtteilen reichen von Null bis 700. Armut sei hier "ein Sozialfaktor, der uns erst im Laufe der Pandemie bekannt geworden ist", sagte der Leiter des Gesundheitsamts Johannes Nießen im Dlf. Um gegenzusteuern setze die Stadt auf vermehrtes Testen und mobile Impfteams.

Das ist das eine. Es braucht aber auch bessere Daten und mehr Forschung. Es ist wichtig, genaue Zahlen über die verschiedenen Stadtgebiete und die Infektionsszenarien zu erheben, damit gezielter und besser geholfen werden kann. Wir wissen immer noch zu wenig darüber, wo die Infektionen tatsächlich stattfinden, auch wenn einiges auf der Hand liegt.

Wer als Kassierer im Supermarkt arbeitet, kann kein Homeoffice machen. Wenn man zu sechst auf zwei Zimmern lebt, kann man einen Corona-Fall kaum isolieren. Wer sich kein Auto leisten kann, kann nicht auf öffentliche Verkehrsmittel verzichten. Aber insgesamt ist häufig weiterhin unklar, wo genau sich die Menschen anstecken.

Arme leiden stärker unter den Auflagen

Laschets Plan, jetzt mobile Impfteams in ärmere Stadtteile zu schicken, ist richtig – und zwar besser gestern als morgen. Die Menschen, die weniger haben, brauchen mehr. Auch das ist Teil der Solidarität, von der wir dieser Tage so viel sprechen. Auch, weil die Menschen in diesen Stadtteilen von Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen stärker betroffen sind als andere. Wer nur zwei Zimmer ohne Balkon hat, leidet stärker unter nächtlicher Ausgangsbeschränkung.

Simone Lange (SPD), Oberbürgermeisterin der Stadt Flensburg, steht im Treppenhaus im Impfzentrum Flensburg. Das bisher leerstehende Gebäude der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) war ursprünglich für eine Nutzung durch das Kraftfahrt-Bundesamts vorgesehen. (dpa) (dpa)Flensburg - vom Hotspot zum Niedriginzidenzgebiet 
Wochenlang galt Flensburg als Corona-Hotspot. Kontaktbeschränkungen, vermehrtes Testen und auch eine Ausgangssperre hätten die Kehrtwende gebracht, sagte Oberbürgermeisterin Simone Lange im Dlf.

Wochenlang galt die Stadt Flensburg als Corona-Hotspot. Mittlerweile gehört sie zu den Kreisen mit den niedrigsten Inzidenzen bundesweit. Starke Kontaktbeschränkungen, vermehrtes Testen und auch eine Ausgangssperre hätten die Kehrtwende gebracht, sagte Oberbürgermeisterin Simone Lange im Dlf.

Wohlhabendere Menschen haben in ihrem Leben häufig die Erfahrung gemacht, dass Dinge ihnen zustehen, dass es hilft, wenn man sich kümmert – so kommen sie leichter an Impfungen. Ganz abgesehen davon, dass es in ihren Vierteln auch eine höhere Hausarztdichte gibt. Menschen, die vielleicht schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht haben, oder zumindest scheu sind – denen muss der Staat mehr als allen anderen zeigen, dass sie nicht vergessen werden und ihnen helfen – denn schließlich sind hohe Inzidenzen nicht irgendwelche Zahlen, dahinter stehen Menschenleben.

Und dann gilt es, sich auch in Zukunft an diese Zeiten zu erinnern. Damit sich niemand mehr davon überrascht zeigen kann, dass Armut ein entscheidender Faktor für Gesundheit ist.

Felicitas Boeselager, Landeskorrespondentin Bremen (© Deutschlandradio/ B. Fürst-Fastré) (© Deutschlandradio/ B. Fürst-Fastré)Felicitas Boeselager ist Landeskorrespondentin in NRW. Die gebürtige Rheinländerin studierte Geschichte und Literatur in München, lernte Videojournalismus und war unter anderem für den Bayerischen Rundfunk tätig. Sie war seit August 2018 Landeskorrespondentin für Deutschlandradio in Bremen, zuvor als Redakteurin in der Abteilung Hintergrund im Deutschlandfunk und als Volontärin im Deutschlandradio tätig. 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk