Samstag, 01. Oktober 2022

Kommentar zum Armutsrisiko
Alleinerziehende bei Entlastungen nicht vergessen

Diese Krise wird manche Menschen in Armut stürzen, das sollte die Bundesregierung klar benennen und gegensteuern, kommentiert Sara Buschmann vom Verein Solomütter. Besonders gefährdet seien Alleinerziehende und ihre Kinder.

Ein Gastkommentar von Sara Buschmann, Solomütter e.V. | 27.08.2022

Ein Kind steht vor einem Plattenbau in Leipzig-Grünau (Symbolbild)
Das Risiko, in Armut zu leben ist für alleinerziehende Familien von allen Familienformen am höchsten, so die Bertelsmannstiftung (imago / Thomas Eisenhuth)
Alleinerziehende sind besonders von Armut bedroht – das gilt schon in Nichtkrisenzeiten und nun ganz besonders – und doch spielen sie in der laufenden Entlastungsdebatte kaum eine Rolle. Dabei stellt sich die Frage: Sollten Ein-Eltern-Haushalte nicht deutlicher entlastet werden? Schon jetzt berichten Alleinerziehende, dass die Hälfte ihres Einkommens für Miete draufgeht. Steigende Lebensmittelpreise, höhere Energiekosten – das verschärft die ohnehin nicht immer leichte Situation von Ein-Eltern-Familien. Finanzielle Puffer gibt es kaum, Sorgen dagegen umso mehr, die auch die Kinder spüren. Diese Familien dürfen nicht durchs Raster fallen.
Ihre Perspektive, meine Perspektive, sind wichtig: Nehmen wir das Beispiel Sportstätten. In einigen Sporthallen wurde das warme Wasser schon abgestellt – wer sonst nach dem Vereinssport die Dusche nutzte, um zu Hause zu sparen, hat nun das Nachsehen. Die Kosten werden verlagert – von der öffentlichen Hand zum privaten Haushalt.

Mehr als nur Wohlstandsverluste

Es heißt immer wieder: Diese Krise werde Wohlstandsverluste mit sich bringen, für einige heißt es aber auch: Sie werden arm. Auch das sollte die Bundesregierung klar benennen und gegensteuern.
Wie schnell man in die Armut abrutschen kann, habe ich selbst erlebt: 15 Jahre lang war ich beruflich abgesichert, ohne finanzielle Sorgen. Mit der Elternschaft änderte sich das von einem Tag auf den anderen - ein befristeter Vertrag wurde nach der Elternzeit nicht verlängert – privat ungefähr zeitgleich ging die Beziehung zum Kindsvater in die Brüche. Alleinerziehend mit Säugling auf Jobsuche – das ist ein Kraftakt – vor allem, wenn es kaum Kitaplätze gibt, wenn Überstunden noch immer gängige Firmenkultur sind und dann noch eine Pandemie oben draufkommt.
Auch nach 17 Jahren Vollzeitarbeit und gutem Einkommen, blieben nur 1.103 Euro Arbeitslosengeld I. Als Berechnungsgrundlage diente nicht die lange Berufstätigkeit, sondern die letzten Teilzeitjobs. 1.103 Euro – der ALG2-Satz wäre 94 Euro höher gewesen. Es blieben als Optionen: Wohngeld oder Aufstockung mit Hartz-IV. Wohngeld war das leichtere Mittel der Wahl. Das Geld reichte vorne und hinten nicht. Eine belastende Situation, die von außen nicht erkennbar war, denn Armut ist nicht immer sichtbar.

43 Prozent der Ein-Eltern-Familien gelten als einkommensarm

Das Risiko, in Armut zu leben ist für alleinerziehende Familien von allen Familienformen am höchsten, so die Bertelsmannstiftung. 43 Prozent der Ein-Eltern-Familien gelten hierzulande als einkommensarm. Und das, obwohl fast die Hälfte der alleinerziehenden Mütter schon Vollzeit arbeitet. Sie nun zu entlasten ist auch deswegen wichtig, weil es um die jüngsten in der Gesellschaft geht: um die Kinder.