Freitag, 21.02.2020
 
StartseiteUmwelt und VerbraucherArrivederci Atomkraft14.06.2011

Arrivederci Atomkraft

Italien entscheidet sich nach Referendum gegen Wiedereinstieg in Kernenergie

92 Prozent haben sich nach dem vorläufigen Ergebnis des Referendums in Italien gegen eine Wiedereinstieg in die Kernenergie ausgesprochen. Ein Grund sei die Katastrophe in Fukushima, sagt Italien-Korrespondent Stefan Troendle. Strom aus erneuerbaren Energien gebe es in Italien aber noch nicht.

Stefan Troendle im Gespräch mit Theo Geers

Italiener feiern in Rom die Teilergebnisse der Volksabstimmungen über die Wasser- und Energieversorgung in Italien. (AP)
Italiener feiern in Rom die Teilergebnisse der Volksabstimmungen über die Wasser- und Energieversorgung in Italien. (AP)

Theo Geers: Eindeutiger kann eine Volksabstimmung kaum ausfallen. 95 Prozent der Italiener haben sich am Pfingstwochenende gegen Italiens Wiedereinstieg in die Atomkraft ausgesprochen, Wiedereinstieg deshalb, weil Italien schon 1987, nach der Katastrophe von Tschernobyl, ausgestiegen war. Premierminister Berlusconi wollte das eigentlich rückgängig machen, doch nach Fukushima war den Italienern nicht danach, um es mal salopp auszudrücken. Der Wunsch, Berlusconi zudem einen Denkzettel zu verpassen, war aber auch unübersehbar am Wochenende. Doch uns interessiert jetzt die Frage: kann Italien dem Wunsch des Volkes überhaupt folgen, und wenn ja, wie könnte das gehen? - Stefan Troendle in Rom, zunächst die generelle Einschätzung. 95 Prozent der Italiener sagen, "Atomkraft? No Gracie". Heißt das jetzt, Italien steigt endgültig aus?

Stefan Troendle: Italien ist endgültig ausgestiegen, und zwar schon 1987, wie Sie auch gerade gesagt haben, und Italien wird auch definitiv nicht mehr einsteigen, weil das Votum dieses Referendums ist rechtlich bindend. Die Italiener haben gestern ganz klar gesagt, wir wollen keine Atomkraftwerke. Es gab ja vier Stück im Land, das letzte wurde 1990 abgeschaltet, und es wird keine mehr geben. Auch wenn Berlusconi welche bauen lassen will, um das Land energietechnisch auf eigene Füße zu stellen, ist diese Option seit gestern Geschichte. Es ist ganz klar, dass das wohl auch der Hauptgrund war, bei diesem Referendum mitzumachen, weil die Italiener einfach diese Atomkraft-Option nicht möchten.

Geers: Das heißt, sie sind wirklich so atomskeptisch, die Italiener, wie es das Abstimmungsergebnis nahelegt?

Troendle: Mit Sicherheit. Es wird ja auch immer spekuliert, das war jetzt eine Anti-Berlusconi-Abstimmung; das ist es sicherlich auch gewesen, weil es gab ja auch dieses rechtmäßige Verhinderungsgesetz, über das sie genauso abgestimmt haben. Aber der Punkt ist doch einfach, dass die Italiener diese Option einfach nicht wollen und dass das auch der Punkt war, die Leute zum Referendum zu bringen, weil man musste ja ein Quorum erfüllen von 50 Prozent plus einer Stimme, und dieser Themenkomplex Atom, der hat die Leute zur Wahlurne gebracht und zur Abstimmung gebracht und auch klar dazu gebracht, nein zu sagen.

Geers: Welche Rolle, Herr Troendle, haben denn jetzt die Katastrophe von Fukushima gespielt und vielleicht auch der Atomausstieg hier in Deutschland? Hat das die Italiener beeindruckt?

Troendle: Dass der Atomausstieg möglich ist, das wurde hier sehr interessiert wahrgenommen, gerade bei einem Land, das immer als Vorbild dargestellt wird, weil bei uns ja der wirtschaftliche Aufschwung wieder in Gang kommt, im Gegensatz zu Italien. Das ist hier groß berichtet worden und ich denke schon, dass das auch einen kleinen Einfluss gehabt haben könnte. Aber natürlich, Sie sagen es: es gab natürlich diesen Japan-Effekt wie auch bei der Baden-Württemberg-Wahl. Es ist klar, dass die Leute einfach nach Fukushima gesehen haben, das ist gefährlich, und man weiß auch sehr gut in Italien, dass das ein seismisch sehr aktives Land ist, also mit sehr vielen Erdbebengebieten, und dass das nicht immer unbedingt gut gehen muss, und da war man doch sehr skeptisch und hat auch aus diesem Grund nein gesagt.

Geers: Nun hat Silvio Berlusconi nach der Abstimmung schon gestern gesagt, dass jetzt auch Italien auf den Pfad der erneuerbaren Energien einschwenken müsse. Die Frage, Herr Troendle, ist ja: geht das überhaupt? Wir haben ja in Deutschland derzeit einen Anteil von 17 Prozent erneuerbare Energien am Strom, das soll bis 2020 sich verdoppeln auf 35 Prozent, so sagt es sogar die Bundesregierung in Berlin. Aber gibt es so was Ähnliches überhaupt in Italien?

Troendle: Ja. Wir haben gerade eben noch mal Statistiken gesucht und es gibt ungefähr 20 Prozent der Energie. 19,6 Prozent soll nach einer Angabe des statistischen Landesamtes hier aus erneuerbaren Energien stammen. Das ist aber hauptsächlich Wasserkraft. Vor allem in Norditalien, im (Fluss) Po und anderswo, gibt es große Wasserkraftwerke. Windenergie und Photovoltaik spielen da wirklich keine sehr große Rolle. Das ist erst im Aufbau begriffen, was man als Ausländer auch nicht ganz verstehen kann, weil die Sonne hier eigentlich im Sommer jeden Tag scheint, und zwar so, dass man wirklich Unmengen von Energie produzieren könnte, aber das ist momentan überhaupt noch nicht der Fall.

Den überwiegenden Teil produzieren die Italiener, also fast 70 Prozent, aus Gas- und aus Ölkraftwerken. Müll und Biomasse und so etwas, das spielt auch nur eine ganz, ganz geringe Rolle, und es dreht sich jetzt vor allem um ungefähr 14 Prozent, die aus dem Ausland importiert werden, vor allem aus Frankreich, und das ist vor allem Atomstrom.

Geers: Letzte Frage, Herr Troendle: Sie sagten, knapp 20 Prozent erneuerbarer Anteil in Italien. Können denn die Italiener die Kurve kriegen in Sachen Erneuerbare, dass auch Wind und Photovoltaik und anderes eine Rolle spielen werden bei ihnen?

Troendle: Wenn das jetzt entsprechend gefördert wird, dann kann ich mir das schon vorstellen, weil ich meine, das Land liegt am Meer, es gibt doch ziemlich viel Wind hier, also Windkraftwerke wären sicherlich eine Option. Es ist halt die Frage, wie das mit dem Landschaftsschutz funktioniert. Und genauso gut wären auch Solarkraftwerke eine Option, aber es muss halt der politische Wille da sein. Es gibt beispielsweise Dörfer, wo Leute versucht haben, sich Solarzellen aufs Dach zu schrauben, und dann kam der Denkmalschutz und sagte, das dürft ihr nicht. Also da muss man dann auch eindeutige Richtlinien erlassen, dass das dann auch möglich ist. Und auch der politische Wille muss da sein.

Wenn ich eines noch sagen darf, auch der politische Wille zum Energieverbrauch. In jedem italienischen Mietshaus brennt die ganze Nacht im Treppenhaus das Licht. So etwas wie Berührungsschalter oder Bewegungsmelder, dass man für drei Minuten das Licht anmacht und dann wieder Strom spart, das gibt es hier gar nicht. Also da muss auch das Umweltdenken noch einen großen Schritt nach vorne machen.

Geers: Danke schön! - Das war Stefan Troendle in Rom und über den italienischen Atomausstieg, der gestern beschlossene Sache geworden ist.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk