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StartseiteSport am Wochenende"Arsch mit Ohren"19.02.2011

"Arsch mit Ohren"

Zum 80. Geburtstag des Radrennfahrers Täve Schur

Selbst im real existierenden Sozialismus war nicht alles gut - das räumt sogar "Täve" ein. Dabei sei es aber stets nur um Belangloses gegangen. Wenn der Nachbar auf Nimmerwiedersehen verschwand oder dessen Tochter, trotz Einser-Abitur, in die "Produktion" musste. Doch von solchen Lässlichkeiten will "Täve" nichts wissen. Bis heute nicht.

Von Klaus Blume

Gustav Adolf (Täve) Schur.
Gustav Adolf (Täve) Schur.
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"Also trinken wir auf das Wohl der Arbeiter und Bauern der DDR, denen ich meine Erfolge zu verdanken habe", wird Gustav-Adolf Schur wohl auch am kommenden Mittwoch, 23. Februar, ausrufen, wenn er seinen Achtzigsten feiert. Manche ehemalige Weggefährten erkennen darin den unverbesserlichen Stalinisten; er aber hält es für Unbeugsamkeit: "Ich bin in der DDR aufgewachsen, und habe ihr die Treue bewahrt, auch wenn es heute "in" zu sein scheint, sich erst einmal für alles Mögliche zu entschuldigen, bevor man es wagt, Positives über die DDR zu sagen." Das bekennt er in seiner gerade erschienenen Autobiographie.

Die wird vor allem bei den alten Kameraden von der PDS gut ankommen. Denn der zweimalige Rad-Weltmeister der Amateure von 1958 und 1959 sowie zweimalige Sieger der Friedensfahrt 1955 und 1959 - des einst härtesten Amateur-Etappenrennens der Welt - ist noch heute der populärste Sportler der untergegangenen DDR: neunmal Sportler des Jahres - ein Rekord für die Ewigkeit - und Träger des Vaterländischen Verdienstordens in Gold; des seltenen Sondermodells mit Ehrenspange - ja, sogar ein Planetoid wurde ihm zu Ehren benannt.

Denn die DDR-Staatspartei SED, in die er 1957 eintrat, bemühte sich frühzeitig, den roten Radler zum "Schmeling der Ostzone" - so der "Welt"-Karikaturist Hicks - aufzubauen. Dreist, weil Max Schmeling nicht nur wegen seiner boxerischen Extraklasse verehrt wurde, sondern vor allem, weil er versuchte, sich den Vereinnahmungen der Diktatoren des dritten Reiches zu widersetzen. Schmeling weigerte sich schon 1935 standhaft, sich von seiner tschechischen Frau Anni Ondra sowie seinem jüdischen Manager Joe Jacobs zu trennen. Auch von seinem jüdischen Freundeskreis distanzierte er sich zu keiner Zeit.

Schur hingegen reichte den Machthabern des zweiten deutschen Staates bereitwillig die Hand. Im Verbund mit - Zitat - "meinem alten Freund Klaus Ullrich Huhn" verfasste er jetzt - als Rückblick auf dieses Leben - ein Buch, das von Geschichtsklitterung und Zynismus nur so strotzt. Zu oft hat Huhn offenbar dabei den Ton vorgegeben. Überall spürt man den gnadenlosen Polemiker, der einst das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" mitbegründete und 38 Jahre lang dessen Sportchef war. Fürs ND schrieb er unter dem Pseudonym "Klaus Ullrich", für die Stasi spitzelte er unter dem Decknamen "Heinz Mohr".

Dieses "Duo infernale" langt nun wieder voll hin. Die Alt-Genossen wollen uns weismachen, das Niederknüppeln des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 in der DDR habe der gerechten Sache gedient. Denn - Zitat - "wer Stefan Heyms 'Fünf Tage im Juni' gelesen hat, weiß, dass Putschisten am Werke waren, dass der RIAS rund um die Uhr Streikaufrufe verbreitete" - Zitatende. Kein Wort darüber, dass sich im deutschen Arbeiter- und Bauerparadies ausgerechnet die Arbeiter erhoben hatten - wegen drastisch erhöhter Arbeitsnormen.


Jubelnd erinnert sich Schur auch an 1956 - wörtlich sagte er: "In Ungarn waren sowjetische Truppen einmarschiert, bereiteten dem Morden konterrevolutionärer Putschisten ein Ende und setzten die Regierung unter Janos Kadar wieder ein." Ausgerechnet Kadar, unter dessen erneuter Führung mehr als tausend Menschen hingerichtet und noch mehr inhaftiert wurden.

Da spricht aus dem "Schmeling des Ostens" unverhohlen der ehemalige Volkskammerabgeordnete, in der er von 1959 bis 1990 saß, sowie der spätere PDS-Bundestagsabgeordnete von 1998 bis 2002.

Und der Sport? Zynisch kontern Schur und Huhn, die als Tatsache feststehenden Dopingpraktiken der DDR würden - Zitat - "durch pausenlose Wiederholung auch nicht glaubwürdiger". Als Kronzeugin führen sie die Alt-Kommunistin Ruth Fuchs an. Die Ex-Speerwerferin habe 1991 im Sportausschuss des Bundestages plausibel erklärt, wie es sich wirklich verhalten habe. Fuchs wörtlich: "Die Anti-Babypille [...] enthält hormonelle Stoffe, die denen in den sogenannten Dopingpillen sehr ähneln." Warum aber wurde dann ausgerechnet ihr Ehemann und Trainer Karl Hellmann in den DDR-Akten als kundiger Doping-Spezialist aufgeführt?

Aber "Täve" kann schreiben, was er will - Jubel ist ihm zumindest im Osten sicher. Denn "Täve" sieht sich auch mit Achtzig als sozialistisches Vorbild: Er trinke nicht, rauche nicht, esse jeden Morgen warme Haferflockensuppe, um die Magenwände zu stärken - und fahre Rad. Die Schmach, dass sein Sohn Jan 1990 bei einem italienische Profi-Team für Geld in die Pedale trat, konnte er jedoch nie verwinden. Als Kommentar dazu sandte Schur damals dem Spross einen getöpferten Arsch mit Ohren. An dieser Einstellung hat sich nichts geändert.

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