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StartseiteKultur heuteArte Povera im Garten des Sonnenkönigs16.06.2013

Arte Povera im Garten des Sonnenkönigs

Guiseppe Penone stellt in Versailles aus

Zum diesjährigen 400. Geburtstag des Gartenarchitekten André Le Nôtre stellt Arte-Povera-Künstler Giuseppe Penone in der Parkanlage des Versailler Schlosses aus. Behutsam hat er seine Werke in die Anlage integriert.

Von Kathrin Hondl

Barocker Prunk von Versailles  (picture alliance / dpa / Olivier Boitet)
Barocker Prunk von Versailles (picture alliance / dpa / Olivier Boitet)

Arte Povera und der barocke Prunk von Versailles – ein heftigeres Kontrastprogramm ist eigentlich kaum vorstellbar, auch im Vergleich zu den Gegenwartskunst-Interventionen der vergangenen Jahre in Versailles: Da präsentierte Jeff Koons seine polierten Hochglanz-Objekte und konkurrierte mit der königlichen Pracht. Takashi Murakami stellte quietschbunte Manga-Figuren in den berühmten Spiegelsaal und Xavier Veilhan eine lila Kutsche in den Schlosshof. Und nun also – nach viel lauter Knalleffekt-Kunst in Versailles – eine, um es gleich vorweg zu sagen, wunderbar leise, schöne, gelungene Ausstellung von Giuseppe Penone. Nur drei Arbeiten zeigt er in den Innenräumen des Schlosses. Zum diesjährigen 400. Geburtstag des Gartenarchitekten André Le Nôtre hat er sich auf die Parkanlagen von Versailles konzentriert.

"Ich bin an einem Tag nach Versailles gekommen, als Schnee lag", erzählt Giuseppe Penone. "Die Landschaft war da sehr pur: Die Bäume hatten keine Blätter, es war wie eine perfekte Zeichnung. Der Park sah aus, wie eine Skizze von Le Nôtre – einfach gezeichnet auf weißem Papier."

In die geometrisch durchkomponierte Gartenkunst von Le Nôtre hat Giuseppe Penone seine eigenen Werke sehr behutsam integriert. Sieben große Skulpturen hat er entlang der zentralen, der sogenannten königlichen Achse platziert – entlang des Wegs, der vom Schloss über die Springbrunnen-Terrassen hinunter zum großen Kanal führt. Eröffnet wird der Parcours von einer Installation, die auf den ersten Blick ein bisschen aussieht wie eine Parade riesiger Ameisen: Acht Teilstücke eines Baumstamms, aus dem – ähnlich Insektenbeinen - lange Äste herausragen, sind da hintereinander horizontal positioniert: ein bronzener Baumstamm, der sich in Bewegung gesetzt zu haben scheint. Innen ist der Baum hohl und glänzt golden. "Spazio de luce" – "Lichtraum" heißt das Werk aus dem Jahr 2008.

"Gold ist die Heraufbeschwörung des Lichts. Vegetationsformen - und ganz besonders Bäume - leben, indem sie das Licht suchen. Und in diesem Sinn verwende ich auch das Gold in der Arbeit 'Spazio de Luce'. Denn hier handelt es sich um die Negativ-Form eines Baums. Ich habe erst einen Wachsabdruck von einem Baumstamm genommen und ihn dann in Bronze gegossen."

Die Natur ist schon lange das große Thema der Kunst von Giuseppe Penone, ein Thema, das er und andere Arte-Povera-Künstler Ende der 60er-Jahre bewusst als Kontrapunkt zur damals dominierenden Popart setzten. Im Park von Versailles begegnen den Besuchern jetzt überall Penones Baumskulpturen aus Bronze, die manchmal "echten" Bäumen verwirrend ähnlich sind, obwohl sie sehr poetisch die Ordnung der Natur herausfordern, wenn sie - zum Beispiel - riesige Steinbrocken wie Früchte tragen. Gleich sieben dieser fast schon magischen Bronze-Bäume hat Penone im Bosquet de L’Étoile aufgestellt, einem kleinen Wäldchen abseits der zentralen Achse des Parks. Gartenarchitekt Le Nôtre hat hier, etwas versteckt, eine Rasenfläche angelegt, auf der jetzt Penones Baumskulpturen einen großen Kreis bilden. "Was mich interessiert", sagt er, "ist der Moment, wenn menschliche Arbeit beginnt, Natur zu werden."

Es ist kein neuer Penone, der da in den Gärten des Schlosses von Versailles zu entdecken ist. Bis auf ein Werk sind die gezeigten Arbeiten alle vor dem Ausstellungsprojekt entstanden und völlig unabhängig davon. Denn Event-Kultur interessiert Giuseppe Penone nicht. "Eine Ausstellung", sagt er,

"Eine Ausstellung ist kein guter Grund, um ein Kunstwerk zu schaffen. Die Motivation muss über den Ausstellungsort hinausweisen, sonst lebt das Werk nur an diesem einen Ort."

Versailles allerdings ist zweifellos ein Ort, an dem Penones Werke sehr, sehr gut ‚leben‘ und gleichzeitig die Gartenkunst von Le Nôtre hochleben lassen: Die Synthese von Arte Povera und barockem Prunk ist überraschend, aber sie funktioniert.

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