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StartseiteUmwelt und VerbraucherArtenschutz im Interessenstreit - der Schutz der Kormorane22.02.2002

Artenschutz im Interessenstreit - der Schutz der Kormorane

Debatte im Landtag von Thüringen

<strong>Weil die Artenvielfalt bedroht ist, gibt es umfangreiche Schutzvorschriften, um gefährdeten Tieren und Pflanzen ausreichend Lebensräume zu bieten. Doch nicht immer stoßen diese Schutzrichtlinien allgemein auf Gegenliebe - vor allem dann nicht, wenn sich die einst bedrohten Bestände wieder erholt haben und sich zu einer Konkurrenz für bestimmte Wirtschaftszweige entwickeln. So setzen sich Norwegens Fischer beispielsweise für eine massive Jagd auf Seehunde ein, weil diese "Ratten der Meere", wie sie die Robben bezeichnen, ihnen zu viele Fische wegessen würden. Die Seehundbestände hätten sich wieder gut erholt und deshalb müsse das Jagdverbot aufgehoben werden. Auch in Deutschland gibt es eine ähnlich gelagerte Diskussion. Hier geht es um den Schutz der Kormorane. Während sich die Naturschützer über die wachsenden Bestände freuen, ärgern sich die Berufsfischer und Anglervereine, weil sich die Kormorane über die heimischen Fischbestände hermachen. Besonders heftig wird die Diskussion derzeit in Thüringen geführt, wo die Kormorane sogar Thema einer Landtagsdebatte sind.</strong>

von Ulrike Greim

Reinhardbrunn im Thüringer Wald. Idyllisch gelegen, nahe des Schlosses plätschern die Reinhardbrunner Teiche, einst angelegt von den Mönchen eines früheren Klosters zur Fischzucht. Bernd Lippmann leitet den heutigen Betrieb. Er erzählt, dass ihm schon Böses schwant, wenn er ein, zwei Kormorane sieht, und weiß: das sind die Späher. Wie auf Kommando kämen dann die Schwärme an, zur Rast und zum Mittagsmahl.

Ein Schwarm von 30, 60, 80 Tieren, so was haben wir schon gezählt.

Und sie seien, zumal im großen Tross, gute Jäger.

Sie bilden eine Kette, das kann man beobachten, da sind alle 10 Meter Kormorane und dann wird getaucht. Und die werden richtig mit Methode ins Flache gejagt, um dort besser fressen zu können.

Schlimm seien die Verluste, schlimmer noch, dass die übriggebliebenen Fische von dem Stress später sterben bzw. nicht richtig wachsen. Auch, weil sie im Flachen nicht genügend Sauerstoff bekämen. Die Thüringer Fischer sprechen von 50 Prozent Verlust, oft mehr, manchmal, so erzählt es Bernd Lippmann, träfe es ganze Teiche. Nun dürfen die Thüringer Fischer jedes Jahr eine bestimmte Anzahl an Kormoranen jagen, auch wenn die unter Schutz stehen. Aber:

In der Praxis ist das so: ehe die Antragung erfolgt, ehe das alles geprüft wurde, kommt es zu solchen Schäden, die schon wieder irreparabel sind.

In Vorjahren, so die Statistik, sei oft nicht einmal die Hälfte der Freigegebenen geschossen worden. So behelfen sich einige Betriebe mit Schreckschüssen. Allein das koste in Reinhardbrunn koste jährlich 8000 Euro. Einigen Fischzuchtbetrieben gehe es an die Existenz. Die Thüringer Politiker wissen allerdings, dass es in Thüringen wenige Fischer gibt. Der Fraktionschef der CDU, die in Thüringen allein regiert, meinte zu dem Antrag, über die Kormorane eine aktuelle Stunde im Landtag zu machen:

Da möchte ich nichts zu sagen, weil ich den nicht ganz nachvollziehen kann, warum hierzu eine aktuelle Stunde erfolgt. Jeder weiß, dass hierzu entsprechend EU-Rechte bestehen, und dass also nicht im großen Umfang gejagt werden darf. Und dass die Brutstätten nicht in Deutschland sind, weiß auch jeder, und dass Kormorane schwer zu schießen sind in geringem Umfang, wie es in Thüringen geregelt ist, wissen Eingeweihte auch, also das wird sicher eine angenehme Debatte, was man da noch tun kann.

Was man aber nun tun kann, sagt die Opposition im Thüringer Landtag. Karin Kaschuba von der PDS:

Das Problem ist wohl, dass es um Jagdrechte geht, im Bezug auf die Kormorane, und dass es sehr günstig wäre, die Späher abzuschießen, die die Kormorane immer vorweg schicken, um zu gucken, wo es richtig viel Fisch gibt.

Außerdem, so ergänzt die SPD, müssen Fischarten geschützt werden, die ihrerseits vom Aussterben bedroht seien. Die Barbe zum Beispiel. Heiko Gentzel, SPD-Fraktionschef:

Im Gegensatz zu damals, als der Beschluss gefasst worden ist, als es in Europa 3000 bis 4000 Vögel gab, gibt es mittlerweile wieder über 900.000 Kormorane in Europa. Insofern erhebt sich die Frage der Angler und Fischer, ob man da nicht die entsprechende Rechtssprechung ein bisschen öffnen sollte. Für mich nicht das ausgesprochene Highlight der Landtagssitzung. Aber, es ist auch ein Thema, was eine Gruppe halt interessiert, und ich glaube, dann ist es auch berechtigt.

Man könnte zum Beispiel ein praxisnäheres Verfahren für die Abschussgenehmigungen beschließen. Oder, so schlägt es Fischer Bernd Lippmann vor, eine Entschädigungszahlung.

Wir wollen also nicht den Kormoran vom Erdboden verschwinden lassen. Sondern wir meinen: Wenn es von Menschenhand eine Regelung gibt, die den Kormoran schützt, dann müsste auch das selbe Klientel sagen: Okay, liebe Fischer, dann gleichen wir den Schaden, der durch die Kormorane entsteht, irgendwie aus.

Entschädigungszahlungen an Fischereibetriebe - davon ist die Thüringer Landesregierung offensichtlich weit entfernt. Der Landwirtschaftsminister räumte aber ein, sich für eine veränderte Abschussgenehmigung zugunsten der Fischer einsetzen zu wollen. Geschätzte Schäden von 750.000 Euro allein in diesem Winter sprächen eine deutliche Sprache.

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