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StartseiteUmwelt und VerbraucherVerschwinden des Gartenschläfers macht Forscher ratlos29.10.2019

ArtenschutzVerschwinden des Gartenschläfers macht Forscher ratlos

Die Bestände des Gartenschläfers gehen drastisch zurück. Forscher können sich das Verschwinden nicht erklären - denn in einigen Regionen kommt er noch immer häufig vor, sagte Biologe Sven Büchner dem Dlf. Mit Bürgerhilfe will er das Rätsel lösen, um das Aussterben des Gartenschläfers zu verhindern.

Sven Büchner im Gespräch mit Georg Ehring

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Ein Gartenschläfer schaut aus seiner Höhle in einem Baumstamm (dpa/Walter Tilgner)
Ein Gartenschläfer schaut aus seiner Höhle in einem Baumstamm (dpa/Walter Tilgner)
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Georg Ehring: Es gibt viele Tiere, die seltener werden. Oft kennt man die Ursachen: Lebensräume schwinden, der Bedarf an Flächen für Häuser, Straßen und Äcker sorgt dafür, dass die Natur knapp wird. Seltener geworden ist auch der Gartenschläfer. Das ist ein Tier, das die meisten von Ihnen vermutlich noch nicht gesehen haben, weil es eher zurückgezogen lebt. Der BUND, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, will zusammen mit der Senckenberg-Gesellschaft und der Justus-Liebig-Universität Gießen der Frage auf den Grund gehen, warum der Gartenschläfer seltener wird. Am Telefon begrüße ich Sven Büchner von der Uni Gießen. Guten Tag, Herr Büchner!

Sven Büchner: Guten Tag, Herr Ehring.

Bruder des Siebenschläfers mit Zorro-Maske

Ehring: Herr Büchner, zunächst mal: Woran erkenne ich einen Gartenschläfer und wo habe ich Chancen, ihn zu finden?

Büchner: Der Gartenschläfer ist der kleine Bruder des Siebenschläfers und er ist sehr leicht erkennbar über eine schwarze Maske über die Augen. Wie eine Zorro-Maske zieht sich das über sein Gesicht. Ein leicht buschig behaarter Schwanz mit einer weißen Endquaste kennzeichnet ihn eigentlich unverwechselbar.

Ehring: Von der Größe her ungefähr wie eine Maus, wie eine Ratte?

Büchner: Kleiner als eine Ratte und etwas größer als die Hausmaus.

Ein Gartenschläfer sitzt auf einer Baumrinde (dpa/Jiri Bohdal/BUND)Die Wissenschaftler rätseln, warum der Gartenschläfer in einigen Regionen komplett verschwunden ist, in anderen dagegen nicht (dpa/Jiri Bohdal/BUND)

Ehring: Wie haben sich die Bestände denn entwickelt? Das macht Ihnen ja wohl Sorgen.

Büchner: In der Tat macht uns das große Sorgen. Das ist das Säugetier mit dem größten Arealverlust in den letzten Jahren. Wir haben Angaben, die uns zeigen, dass etwa die Hälfte seines Verbreitungsgebietes innerhalb der letzten 30 Jahre verloren gegangen ist. Die Schrumpfung geht im Nordosten seines Verbreitungsgebietes in Europa los und ist sehr, sehr erheblich - in ganz kurzer Zeit.

Ehring: Gibt es denn bestimmte Areale, aus denen der Gartenschläfer verschwindet?

Büchner: Die letzten Nachweise in Finnland liegen Ende der 80er-Jahre. Im gesamten Baltikum ist er vermutlich verschwunden. Genau wissen wir es nicht, aber es gibt sehr harte Fakten, die dafür sprechen. In Russland Rückgang, in Polen erloschen, in der Slowakei erloschen, das am stärksten bedrohte Säugetier in Tschechien. Und auch in Sachsen zum Beispiel 2006 die letzte Sichtung, seitdem erloschen.

Entlang des Rheins noch weit verbreitet

Ehring: Aber es ist offenbar schwierig, herauszufinden, warum er verschwindet.

Büchner: Genau das ist das, was uns die großen Sorgen bereitet. Wir können im Augenblick nicht sagen, warum das Tier so drastisch zurückgeht. Gleichzeitig in einigen Regionen entlang des Rheins, in Wiesbaden zum Beispiel oder in Köln-Bonn, staunen die Menschen, wenn wir sagen, der Gartenschläfer ist selten, weil da ist er in der Tat noch sehr, sehr häufig.

Ehring: Haben Sie denn Ideen, woran es liegen könnte? Es gab ja am Anfang die üblichen Verdächtigen, Biotopverluste und so weiter.

Büchner: Leider nein, weil dieser Rückzug zum Beispiel in der Fläche in Sachsen schon Ende des 19. Jahrhunderts begonnen hat und auch in Polen in den 50er-Jahren schon abgelaufen ist. Wir können uns das in der Tat im Augenblick überhaupt nicht erklären.

Ehring: Nun planen Sie ja ein Projekt, um da auch Ergebnisse zu bekommen. Wie soll das ablaufen? Wie kann man den Gartenschläfer finden und erfassen?

Büchner: Das Projekt hat schon begonnen und der erste Teil ist, natürlich erst mal zu klären, wo kommt er denn überhaupt noch vor. Solange wir diese Daten nicht genau haben für Deutschland, machen sich die nächsten Fragen fast überflüssig. Ein Weg ist Beobachtungen, die Menschen haben, aus ihrem Garten oder aus ihrer Umgebung, aus Nistkästen, dass die uns das mitteilen, und das funktioniert in der Tat schon hervorragend.

Dem Gartenschläfer auf die Spur kommen

Ehring: Wie finde ich denn einen Gartenschläfer in meinem Garten?

Büchner: In den Bereichen, wo er siedlungsnah vorkommt - wir haben beim Gartenschläfer ja ganz eigenartig unterschiedliche Lebensräume: einmal ganz oben auf dem Brocken, im Fichtelgebirge, im Bayerischen Wald, in den dunklen Fichtenwäldern mit Blockschutthalden; und dann gleichzeitig wieder in ganz, ganz warmen Regionen, in Weinbergen, in Gärten, in den Städten. In den Städten, in den Siedlungen bekommen die Menschen den schon mit, weil er plündert dann gerne auch mal das reife Obst. Dabei lässt er sich beobachten am Futterhaus, und wenn man dann noch ein Foto dabei hat, kann man den eindeutig bestimmen.

Ehring:Aber man müsste sich dann nachts auf die Lauer legen?

Büchner: Sie sind in Dämmerung aktiv, beginnen ihre Aktionen in der Dämmerung und dann in die Nacht rein. Aber erstaunlicherweise: Die heutige Technik macht es möglich, auch Fotos in der Dämmerung aufzunehmen, die sehr, sehr scharf sind und gut bestimmbare Ergebnisse bringen.

Ehring: Wenn ich meinen Garten oder meine Wiese für den Gartenschläfer attraktiv machen will, wie kann ich ihm helfen?

Büchner: In der Tat wissen wir das nicht so genau, aber eine große Vielfalt ist immer gut. Viele unterschiedliche Sträucher, viele Früchte sind wesentlich für ihn. Eine ganz einfache Maßnahme ist, seine Regentonne im Garten abzudecken, damit er und andere Tiere im Garten darin nicht ertrinken.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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