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StartseiteUmwelt und VerbraucherStriegeln statt Spritzen10.05.2017

Artenvielfalt und Landwirtschaft Striegeln statt Spritzen

In Deutschland sind inzwischen viele Vögel, Amphibien, Insekten und Ackerwildkrautarten gefährdet. Um diesen fatalen Trend zu stoppen, beteiligen sich einige Biobauern an dem Projekt "Landwirtschaft für die Artenvielfalt", das die Naturschutzorganisation WWF ins Leben gerufen hat. In Nordost-Deutschland machen etwa 60 Bio-Höfe mit.

Von Vanja Budde

Eine Herde von Milchkühen steht auf einer Weide des Milchviehbetriebes im brandenburgischen Münchehofe (Dahme-Spreewald). Der Betrieb gehört zur Agrargenossenschaft Münchehofe. (picture-alliance / ZB / Jan Woitas)
Die Agrargenossenschaft Münchehofe hat insgesamt 350 Milchkühe. (picture-alliance / ZB / Jan Woitas)
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"Das Konzert jetzt, das haben Sie über einer konventionellen Fläche in der Regel nicht. Das sind jetzt hier mindestens drei Reviere!"

Reviere von bodenbrütenden Feldlerchen, die an diesem Morgen über dem riesigen Feld singen: Die Agrargenossenschaft Münchehofe baut hier Wintergerste an. Der Boden ist mager im nördlichen Spreewald, die Genossenschaft hat ihre 1.700 Hektar darum schon 1991 auf ökologischen Landbau umgestellt und auf extensive Weidehaltung ihrer 350 Milchkühe. Weil der Bio-Betrieb auf die chemische Keule verzichtet, haben selten gewordene Kräuter hier eine Chance, begeistert sich der Biologe Frank Gottwald vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung.

"Das hier zum Beispiel ist der Dreiteilige Ehrenpreis. Das ist eine Art, die auf so sandigen Standorten auf Ökoflächen relativ häufig ist, und auf konventionellen Flächen normalerweise nicht vorkommt." 

Die Betriebe können aus einem Katalog mit Naturschutz-Ideen wählen

Das Futtergetreide wurde nicht dicht an dicht gesät, so bleibt Platz auch für andere Pflanzen. Dem Unkraut geht es mit dem sogenannten Striegel an den Kragen, erklärt Betriebsleiter Thomas Heidenreich. 

"Striegeln ist im Prinzip, dass ich im Frühjahr noch mal drüber fahre, dass ich den Boden auflockere, so wie Sie zu Hause mit Ihrer Hacke.", erzählt weiter. 

Auf den Flächen der Agrargenossenschaft Münchehofe kommen auch Lämmersalat und Kahles Ferkelkraut vor: seltene und stark gefährdete Ackerwildkräuter. Um zu sehen, ob das den Kräutern hilft, blieben einige Äcker im vergangenen Frühjahr ungestriegelt, erklärt Wissenschaftler Gottwald. 

"Wir sind jetzt noch dabei, das auszuwerten, was es wirklich für einen Effekt für den Naturschutz hat und wie wichtig das ist. Das macht dem Landwirt – tut ihm nicht weh und bringt aber dann viel für die Artenvielfalt."

Die Betriebe können aus einem Katalog mit mehr als 100 Naturschutz-Ideen für Felder, Wiesen und Weiden, Hecken und Tümpel  auswählen. Dafür sammeln sie dann Punkte, erklärt Karin Stein-Bachinger vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung das Zertifizierungs-System. Zum Beispiel Äcker nach der Ernte ruhen lassen, Wiesen weniger häufig mähen, damit Vögel Zeit zum Brüten haben, oder auf das Walzen und Schleppen verzichten, um Nester und Amphibien zu schonen. Diese Naturschutzbewertung für Landwirtschaftsbetriebe sei deutschlandweit bisher einmalig. 

"Je höher die Wahlmöglichkeiten, umso eher findet jeder Betrieb die Maßnahmenkombinationen, die auf seinen Betrieb am besten passen."

Der Verbraucher muss langfristig den Mehraufwand honorieren

Während der Projektphase vermarktet EDEKA-Nord die Agrarprodukte mit dem Logo eines stilisierten Vogels. Das Handelsunternehmen zahlt dafür höhere Erzeugerpreise, ohne dass der Einkauf für den Verbraucher teuer wird. 

Auf einem anderen Feld der Agrargenossenschaft wird in diesem Jahr wieder Kleegras und Luzerne angebaut, als Futter für die Milchkühe.

"Und eben auch, um den Stickstoff über die Leguminosen in den Betrieb zu bekommen, den Luftstickstoff. Klee bindet ja Luftstickstoff, genauso wie Luzerne. Und man hat hier die einmalige Gelegenheit, dass der Betrieb nichts extra ansäen muss." 

"Und hier war ein Blühstreifen angelegt, der anders gemäht, anders bewirtschaftet wurde, als die übrige Fläche. Um festzustellen, ob die Tagfalter dann tatsächlich aktiv sind." 

"Das hat den Sinn, dass, wenn gemäht wird, dann das Blütenangebot ja großflächig entfernt wird, und für die Tagfalter reicht es eigentlich, wenn man relativ schmale Streifen stehenlässt, wo dann das Blütenangebot nach der Maht erhalten ist." 

Für den Betrieb bedeute das einen ziemlichen Mehraufwand, sagt Genossenschaftsleiter Thomas Heidenreich. Den müsse langfristig auch der Verbraucher honorieren, wenn er eine Landwirtschaft will, die Artenvielfalt fördert.  

"Alle Mitarbeiter müssen dafür sensibilisiert werden, auch die ausgesteckten Areale nicht zu durchfahren, sondern zu umfahren." 

Warum Heidenreich trotzdem am Projekt "Landwirtschaft für Artenvielfalt" teilnimmt?

"Weil wir ja als ökologischer Betrieb langfristig denken, nicht nur von heute auf morgen, sondern in Generationen, und hier geht es um Nachhaltigkeit und Artenvielfalt ist sicherlich ein Bestandteil davon."

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