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StartseiteRock et ceteraAlles außer Blues!09.08.2020

Artrock–Band Everything EverythingAlles außer Blues!

Poppig, psychedelisch, progressiv – wer die elektroakustische, intellektuelle Musik von Everything Everything beschreiben will, dem gehen schnell die Adjektive aus. Das charakteristische Falsett von Sänger Jonathan Higgs ist eine der wenigen Konstanten im wild fluktuierenden Sound der Briten.

Von Kai Löffler

Vier graugekleidete Männer stehen vor einer blauen Wand. (Everthing Everything)
Alex Robertshaw, Jeremy Pritchard, Jonathan Higgs, Michael Spearman (v.l.n.r) (Everthing Everything)

Musik: "Arch Enemy"

Elektronik, Bläsersounds und kreischende Gitarren. Das alles fährt der Song "Arch Enemy" auf, vom neuen Album der britischen Band Everything Everything. Das Werk heißt "Re-Animator", und genau wie der Name des Albums nichts mit dem gleichnamigen Horror-Klassiker zu tun hat, ist auch die Geschichte des Bandnamens nicht das, was sie scheint. Gerüchten zufolge entstammt der Name entweder der ersten Textzeile auf dem Radiohead-Album "Kid A" oder dem Underworld-Song "Cowgirl". Beides ist plausibel, aber nicht unbedingt wahr, so Sänger Jonathan Higgs.

Jonathan Higgs: "Die Geschichte haben wir erst gehört, als wir die Band schon gegründet hatten. Und Radiohead? Die hatten wir sicher im Hinterkopf, aber daher kommt der Name eigentlich auch nicht. Aber weil wir Radiohead so mögen und weil es eine gute Geschichte ist, würde das schon passen. Nein, es sollte einfach ein optimistischer Name sein, der alles umfasst und kein bestimmtes Gefühl erzeugt, außer: Alles kann passieren, auch Unerwartetes und Erstaunliches. Und es gibt Potential - sehr viel Potential."

Jeremy Pritchard: "Der Name gab uns das Gefühl, dass nichts verboten ist. Darum geht es. Everything, Everything - Potential ohne Einschränkungen, ohne Vorurteile. Es klingt musikalisch, ist eine Alliteration und sieht auf dem Papier gut aus. Also es war auch grafisch attraktiv. Und, ganz wichtig: Es gefällt uns bis heute. Ich glaub das ist nicht die Regel, dass Bands nach 12, 13 Jahren noch immer ihren Bandnamen mögen."

Musik: "Blast Doors"

Philosophie des "anything goes"

Den Sound von Everything Everything zu beschreiben ist nicht ganz einfach; die Band schreibt kompakte, größtenteils radiotaugliche Songs mit verlässlich einprägsamen Hooks. Andererseits ist der Sound oft sperrig, und die Arrangements sind unerwartet komplex. Everything Everything als reine Pop-Band zu bezeichnen, wird der Musik nicht gerecht - sie ist experimentell, hat einen Alternative-Rock-Einschlag und klingt nicht selten nach Prog.

Jonathan Higgs: "Vieles kommt von Alex und seiner Gitarre; er steht sehr auf King Crimson, vor allem die Adrian Belew-Ära. Tun wir alle. Und jedes Mal wenn wir ein Album aufnehmen, hat er klare Vorstellungen wonach es klingen soll. Wir mögen auch Yes, und überhaupt viel Prog, aber uns geht die Musik manchmal zu weit. Wir sind also quasi "bereinigter Prog". Wir nehmen das, was uns gefällt und klopfen uns auf die Finger, wenn es zu selbstverliebt wird. Prog hat einen seltsamen Ruf, für viele Leute ist das ein Witz, furchtbar selbstverliebt und so abgedreht, dass man es sich nicht anhören kann. Aber nichts davon stimmt."

Bei der britischen Band kommt also zusammen, was der gängigen Meinung zufolge nicht zusammenpassen sollte: Verkopfte experimentelle Klänge und eingängige Melodien. Everything Everything ist das musikalische Equivalent von Creme Brulée mit Zwiebeln. Diese Philosophie des "anything goes" führt Jeremy Pritchard auf Paul Morley zurück, Gründer des Art Pop Projekts The Art of Noise.

Jeremy Pritchard: "Paul Morley ist ein Journalist, den unser erster Gitarrist Alex Niven und ich damals bewundert haben. Er hat dafür plädiert, für alles offen zu sein; er sah keinen qualitativen Unterschied zwischen Kylie Minogue und Joy Division, und das war auch unsere Philosophie. Wir mochten sowohl Destiny's Child als auch Radiohead und fanden, dass beide harmonisch nebeneinander existieren können."

Alternative Rock mit tanzbaren Beats. "Can't Do" heißt der Song zwar, stimmt aber nicht. Können sie wohl!

Musik: "Can't Do"

Die Mitglieder von Everything Everything lernten sich vor rund 15 Jahren als Musikstudenten kennen. Noch vor ihrem Debütalbum allerdings veröffentlichten sie als Trio unter dem Namen Modern Bison das Math-Rock Album "I Could've Had A Rustic Pagoda". Man hört in der Musik von Modern Bison zwar eine Verwandschaft zu Everything Everything, das Album war aber eine Mischung aus Alternative und rhythmisch komplexem Math-Rock im Stil von Battles oder Primus. Verschachtelt, betont albern und deutlich weniger facettenreich als Everything Everything. Überraschend ist die Besetzung: Sänger Jonathan Higgs ist bei Modern Bison der Schlagzeuger, Bassist Jeremy Pritchard spielt Gitarre.

Jeremy Pritchard: "Modern Bison sollte immer nur ein Nebenprojekt sein. John und ich haben damals schon in einer anderen Band zusammengespielt, die so ähnlich klang wie wir heute. Modern Bison war dagegen ein Experiment, wir wollten verkopften Math Rock machen, so zügellos, dass es schon fast zum Lachen ist, und das konsequent durchziehen. Das ließ sich in einem Pop-Kontext nicht machen, obwohl es auch Elemente dieser Musik bei Everything Everything gibt. Jedenfalls war der Plan, es in neun Monaten abzuwickeln und die Band danach wieder aufzulösen, und genau so haben wir es dann auch gemacht. Und ich bin froh, dass wir da den Deckel draufgemacht haben."

Fangemeinde von Anfang an

Musik: Modern Bison - "Battered Cod"

Kurz nach dem Ende des Projekts Modern Bison gründeten Pritchard, Higgs, Alex Niven und Schlagzeuger Michael Spearman dann die Band Everything Everything und wurden von Anfang an von der britischen Musikpresse mit offenen Armen empfangen. Das Debütalbum, übrigens damals schon in der aktuellen Besetzung mit Gitarrist Alex Robertshaw, erschien 2010. Auch wenn die Band heute, zehn Jahre später nicht mehr von "Man Alive" überzeugt ist, waren die Kritiken, zumindest in England, enthusiastisch. Eine Fangemeinde gab es von Anfang an, und in den dreizehn Jahren seit der Bandgründung ist das Publikum konstant gewachsen - nicht zuletzt, weil die Band live oft als Vorband mit den richtigen Headlinern unterwegs war, sagt Jeremy Pritchard.  

Jeremy Pritchard: "Ich glaube, in der Hinsicht hatten wir viel Glück. Wir sind zum Beispiel mit Muse getourt und im selben Jahr mit Snow Patrol; außerdem mit Keane. Wenn wir vor einem größeren Publikum spielen mit einer Band, die aus einer ähnlichen Ecke kommen, dann merkt man, dass die Leute unsere Musik zu schätzen wissen."

Jonathan Higgs: "Das würde ich auch so sehen. Aber wir mögen eben auch Pop, wir hören gerne Radio und freuen uns, wenn in den ersten 60 Sekunden ein Refrain kommt. Das gefällt uns genauso wie die ambitionierteren Sachen."

Musik: "Regret"

Die Musik von Everything Everything ist unverkennbar, und stammt trotzdem nicht von immer demselben Songwriter, alle steuern Ideen bei. So trägt das Songwriting den Stempel aller Bandmitglieder, vier Stempel die sehr unterschiedliche Geschmäckern wiederspiegeln, sagt Jeremy Pritchard. Vielleicht auch deshalb hat die Band den Prozess in den letzten Jahren ein wenig umgestellt und die Rollen klarer verteilt. Higgs schreibt die Texte, alle vier arbeiten an Arrangements, während das musikalische Grundgerüst zu großen Teilen von Gitarrist Robertshaw stammt.

Jeremy Pritchard: "Wir haben immer schon alles zusammen gemacht, aber jetzt funktioniert das etwas anders als früher. Diesmal bin ich beim Songwriting erst ziemlich spät dazu gestoßen. Das war wirklich ein Vergnügen, weil die Ideen schon sehr weit entwickelt waren. Wenn Mike und ich jetzt relativ spät da zustoßen, haben John und Alex viel von den Harmonien und Melodien zu dem Zeitpunkt bereits erledigt. Dann machen wir die Arrangements und gehen ins Studio."

Musik: "No Reptiles"

Auf den ersten Alben zeichnet sich Everything Everything neben Klangexperimenten und absurdem Humor durch gesellschaftskritische, politische Texte aus, wenn auch immer mit einer Prise Ironie. In unserer instabilen polarisierten Zeit entdecken Musiker wieder zunehmend ihre Kunst als Sprachrohr für wichtige Botschaften. Für Jeremy Pitchard und Jonathan Higgs ist dieses Thema dagegen durch.

Jeremy Pritchard: "Thematisch hab ich das Gefühl, im Moment wollen alle politisch sein, aber wir sind damit fertig. Letztes Jahr beim Mercury-Price hatten alle gerade ihr Brexit und Populismus-Album gemacht, was wir schon im Jahr davor gemacht hatten. Und unser Trump-Album hatten wir schon ein Jahr bevor er gewählt wurde gemacht."

Jonathan Higgs: "Uns geht es diesmal darum, von der Politik, den Streit und all dem wegzukommen. Statt um ständige Negativität sollte es darum gehen, im Einklang mit der Natur zu sein, im Einklang mit dem Ich, und darum was es bedeutet, Mensch zu sein. Es geht darum, den Konflikt auf Pause zu stellen und einfach mal zu fragen "Wie geht es dir?". Raus aus der Routine, aus dem ewigen Marsch des Kapitalismus, ewig Trends nachlaufen, und nur auf Autopilot funktionieren. "Re-Animator" ist für uns etwas, das diese Routine unterbricht. Etwa wenn man ein Baby bekommt, oder wenn jemand aus dem Freundeskreis stirbt oder sonst etwas Traumatisches passiert. Ein Ereignis, das wie ein Stromschlag ist und Leben zurückbringt, wenn auch nur für kurze Zeit. Wir wollten also über das Gefühl sprechen, dass viele Menschen durchs Leben gehen ohne wirklich zu leben."

Musik: "Planets"

Im Video zu "Planets" lässt Everything Everything eine singende Affenpuppe vor grellen Videoeffekten herumhampeln. Regie bei diesem und anderen Videos, von denen viele ähnlich bizarr sind, hat Sänger Jonathan Higgs geführt. Die Videos sind ein integraler Teil von Everything Everything - und im Moment mangels Auftritten der einzige visuelle Output der Band. Aber auch wenn die Videos ein Teil des Gesamtkunstwerks sind, haben sie keine thematische Verbindung zum Album, sagt Higgs.

Jonathan Higgs: "Einheitlichkeit war mir noch nie wichtig. Auch nicht in der Musik. Ich hab zum Beispiel noch nie gedacht, dass ein Album wie aus einem Guss klingen sollte. Vielen Leuten gefällt das, und es stört mich auch nicht, aber ich hab das einfach nicht auf dem Schirm, wenn ich Videos drehe. Ich möchte keine solchen Einschränkungen, es soll für mich einfach die Stimmung einfangen, die wir an diesem Tag haben. Das war bei den Videos zum neuen Album natürlich etwas schwieriger, weil wir uns nicht wirklich treffen konnten. Ironischerweise gibt es genau dadurch eine Verbindung zwischen den Videos - nämlich die Umstände, die Tatsache, dass wir in ihnen nicht zu sehen sind. Und weil ich niemandem Rechenschaft ablegen musste und machen konnte was ich wollte, sind sie alle ziemlich abgedreht. Und um zu beurteilen ob sie gut geworden sind und ob gut ankommen, braucht es wahrscheinlich erst mal etwas Abstand."

Musik: "Undrowned"

Songs über die "Bicameral Mind"-Theorie

Auch wenn alle vier, bald fünf ihrer Alben eine Art thematische Klammer haben, hat Everything Everything nie ein Konzeptalbum aufgenommen. Das liegt auch daran, wie die Musik der Briten entsteht - ohne konkreten, detaillierten Plan. Einige der Songs entstehen lange im Voraus, andere spontan im Studio, sagt Jonathan Higgs.

Jonathan Higgs: "Wenn wir so viel haben, dass wir zufrieden sind, dann kommt immer noch etwas mehr dazu. Manchmal schreiben wir einen Song anderthalb Jahre bevor das Album rauskommt, er ist fertig, nichts wird mehr geändert. Und manchmal schreiben wir bis zum letzten Tag der Aufnahmesessions. Beides hat seine Berechtigung und am Ende ist beides zusammen auf dem Album als Teil eines Ganzen. Es gibt also keinen Plan in dem Sinne, aber am Ende versuche ich, mit den Texten eine thematische Verbindung zu schaffen, auch wenn es musikalisch keine gibt.

Musik: "Run The Numbers"

"Raus aus dem Alltag, zurück ins Leben" ist ein Thema des neuen Albums "Re-Animator". Aber ähnlich wie die Musik von Everything Everything viele Facetten hat, lassen sich auch die Texte thematisch nicht in einem Satz zusammenfassen. Auf "Re-Animator" sind viele unterschiedliche Ideen zusammengekommen, sagt Sänger Jonathan Higgs. Eine davon ist die "Bicameral Mind" Theorie.

Jonathan Higgs: "Man kann das Album auch ohne diese Theorie verstehen, aber der Subtext ist da, wenn man etwas tiefer eintauchen möchte. Ich würde sagen, es ist eine eher obskure, etwas Überholte und nicht besonders gut belegte Theorie die besagt, dass man zwei voneinander unabhängige Teile innerhalb seines Gehirns hat. Und wenn die sich zusammenschließen, erwacht das Bewusstsein. Das hat mich immer fasziniert, besonders jetzt, wo wir kleine Kinder haben, die in mancher Hinsicht noch kein Bewusstsein haben, und man kann gewissermaßen zugucken, wie es langsam erwacht. Und dann gibt es den Versuch, später im Leben ein neues Bewusstsein zu erlangen. Oder es gibt Gesellschaften, die ein Bewusstsein erlangen. Gespaltene Persönlichkeiten. All das waren interessante Aspekte, zumal ich schon auf früheren Alben über die dunkle Seite der eigenen Persönlichkeit geschrieben habe - darüber, dass man ein Alter Ego hat... oder einfach verrückt ist. Das musikalisch umzusetzen, ist natürlich etwas schwieriger. Glücklicherweise geht es im ersten Song, den wir jetzt veröffentlicht haben, genau um diese Idee. Das hätte sonst einfach verloren gehen können, ganz unauffällig irgendwo zwischen den anderen Singles... "

Musik: "In Birdsong"

"In Birdsong" ist die erste Single des neuen Albums "Re-Animator". Man stelle sich Radiohead vor, mit einem Touch von King Crimson, etwas R&B und eine Prise Daft Punk - das Resultat könnte so ähnlich klingen wie die britische Band Everything Everything. Die stilistische Entwicklung von 2007 bis heute, festgehalten auf fünf Alben, ist alles andere als linear; sie eine Schleuderpartie, unvorhersehbar und immer interessant. Schräg, verspielt und gleichzeitig mit viel Emotion und Hooks. Jedes Album von Everything Everything ist ein spannungsgeladenes Tauziehen von ambitionierten Experimenten und tanzbaren Beats - eine Auseinandersetzung, aus der sich laut Jonathan Higgs die Labels und Produzenten klugerweise rausgehalten haben.

Jonathan Higgs: "Nein, ich glaube wir diskutieren da sehr viel innerhalb der Band, die Labels haben uns noch nie Vorschriften gemacht. Ich glaube, wir würden nicht unbedingt etwas schreiben würden, was vier unverzichtbare Gitarrenparts hat. Es war immer gut für unsere Disziplin, für fünf Instrumente zu schreiben. Und auf dem neuen Album sind es sogar eher vier. Ich meine, wie viele der Songs haben zwei Gitarren? Vielleicht zwei oder drei. Der Rest hat einfach einen Synth, eine Gitarre, Bass, Schlagzeug ... und dann noch einen Haufen Stimmen."

Musik: "Spring / Sun / Winter / Dread"

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