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StartseiteUmwelt und VerbraucherAm besten mehrere Impfungen gleichzeitig26.07.2018

Arzt zu ReiseimpfungenAm besten mehrere Impfungen gleichzeitig

Vor Reisen in exotische Länder sind oft Impfungen notwendig. Die Sorge, den Körper damit zu überfordern, sei unberechtigt, sagte Frank Hünger, Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie am Klinikum Dortmund im Dlf. Am besten gelinge die Immunisierung sogar dann, wenn man mehrere Wirkstoffe gleichzeitig impfe.

Frank Hünger im Gespräch mit Britta Fecke

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Die Impfmuedigkeit in Deutschland fuehrt immer mehr zu schwerwiegenden Masernerkrankungen. (Klaus Rose/dpa)
Unbeliebt, aber notwendig: Gerade vor Reisen ist Impfschutz wichtig. Urlauber sollten genug Zeit dafür einplanen. (Klaus Rose/dpa)
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Britta Fecke: Wenn Sie überlegen, in den Tschad zu reisen, dann sollten Sie nicht nur die Gefahr von Terroranschlägen im Blick behalten, sondern auch die von Infektionskrankheiten wie Gelbfieber, Typhus oder Hepatitis. Gegen eine Reihe von Erregern kann sich der Reisende impfen lassen. Allerdings spielt bei dem Impfschutz vor allem die Zeit eine Rolle. Über Auffrischung und Impfpläne möchte ich nun mit Dr. Frank Hünger sprechen. Er ist Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie am Klinikum Dortmund. – Herr Hünger, wie erfahre ich denn, welche Impfung in welcher Region überhaupt sinnvoll ist?

Frank Hünger: Da gibt es verschiedene Quellen, die man sich selber anschauen kann. Das sind zum Beispiel die Internetseiten von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Die sind allerdings auf Englisch. Allerdings gibt es auch vom Auswärtigen Amt ganz sinnvolle Informationen über einzelne Länder, und natürlich gibt es auch noch andere Anbieter, die man auch im Internet finden kann.

Sechs bis acht Wochen Zeit einplanen

Fecke: Nehmen wir mal an, ich reise in eine tropische Region. Wie lange vor der Reise sollte ich denn anfangen mit den Impfungen?

Hünger: Das hängt ein bisschen davon ab, ob ich vielleicht im letzten Jahr schon mal dort gewesen bin. Dann habe ich natürlich einen gegebenenfalls viel kürzeren Vorlauf, als ich den haben würde, wenn ich das erste Mal in solch eine Region reise. Wenn Sie sechs, vielleicht sogar besser acht Wochen vorher damit beginnen, sich einmal reisemedizinisch beraten zu lassen, dann können Sie sicher sein, dass alles, was notwendig ist, auch noch in einem Zeitraum impfbar ist, dass Sie auch einen ausreichenden Impfschutz haben, wenn Sie in diesem Land ankommen.

Fecke: Gibt es denn Wartezeiten, was die Seren anbelangt? Manchmal kommt man ja irgendwo hin und dann heißt es, sie müssen aber erst das Serum besorgen und man muss wieder zur Apotheke. Sind da Krankenhäuser wie in Dortmund besser ausgestattet?

Hünger: Tatsächlich muss man auch davon ausgehen, wie auch bei anderen Medikamenten, dass es durchaus auch mal Lieferengpässe gibt. Impfstoffe sind ja sehr gut qualitätskontrollierte Arzneimittel. Wenn da mal was in der Produktion schiefgeht, dann kann es auch schon mal zu Lieferengpässen kommen. Im Allgemeinen finden Sie aber in Deutschland immer irgendwo eine Quelle, wo Sie auch an einen notwendigen Impfstoff kommen. Je nachdem, wohin Sie gehen, haben Praxen oder Impfambulanzen auch einen eigenen Vorrat an Impfstoffen, so dass man davon ausgehen kann, wenn ich zu jemandem gehe, der sich darauf auch konzentriert, reisemedizinische Impfberatung zu machen, dass der auch Impfungen selbst vorrätig hat und Sie die nicht über eine Apotheke beziehen müssen.

Körper kann mit Impfungen gut umgehen

Fecke: Ich hatte jetzt gerade den Tschad als Beispiel genannt, also ein Land, in dem große Hitze herrscht, wo die hygienischen Zustände auch bedenklich sind – neben vielen anderen Problemen, die dort herrschen. Da sind ja viele Impfungen notwendig. Was kann ich denn meinem Körper in welcher Zeit zumuten?

Hünger: Viel mehr, als Sie im Allgemeinen glauben, nämlich so viel wie irgendwie geht, so viel wie notwendig ist. Das heißt, es ist immer eine Annahme, dass man den Körper überfordern könnte, und das ist eine falsche Annahme. Wenn Sie gesund sind, Ihr Immunsystem intakt ist, dann können Sie praktisch alles an Impfungen gleichzeitig machen.

Fecke: Aber Sie kennen das auch, dass die Patienten Tage danach dicke Arme haben, Schmerzen haben und völlig abgeschlagen sind und grippeähnliche Symptome haben, obwohl die denken, dass sie fit sind.

Hünger: Ja. Das kommt ein bisschen darauf an. Wenn Sie jetzt mit einem Totimpfstoff impfen, dann kann es auch mal sein, dass Sie einen dicken Arm kriegen. Das ist letzten Endes Ausdruck dessen, dass Ihr Körper, Ihr Immunsystem sich mit dem Krankheitserreger, in dem Fall einem Totimpfstoff auseinandersetzt.

Je mehr Impfungen gleichzeitig, desto besser

Fecke: Das heißt, es sind die Original-Erreger; die wurden nur abgetötet?

Hünger: Nein, das ist ganz unterschiedlich. Wir haben Impfstoffe, das sind tatsächlich Lebendimpfstoffe, wo die Erreger attenuiert, praktisch ungefährlich gemacht worden sind. Dann gibt es Impfstoffe - das sind heutzutage die meisten, die praktisch gentechnisch hergestellt werden -, wo nur noch bestimmte einzelne Proteine geimpft werden, wo Sie überhaupt keinen kompletten lebenden oder toten Erreger mehr haben, sondern nur die Proteine, die Bestandteile eines Erregers, impfen, für die die Immunantwort entscheidend ist. Das verträgt sich eigentlich, muss man sagen, auch sehr, sehr gut, und es ist tatsächlich auch so, dass umso mehr Impfungen man kombiniert, umso besser ist die Immunantwort. Das heißt, Ihr Körper, wenn das Immunsystem einmal so richtig angeschmissen wird bei einer Impfung, ist es viel besser, dass er sich gleich mit verschiedensten Antigenen auseinandersetzt, als immer nur mit einzelnen Antigenen. Das heißt, da ist kein Grund zur Sorge, zu denken, ich müsste jetzt diese Woche diese Impfung machen und dann warte ich mit der nächsten lieber. Nein, Sie können ganz, ganz viel gemeinsam gleichzeitig verimpfen.

Fecke: Tetanus oder Polio-Impfung, die sind ja nicht nur in tropischen Regionen sinnvoll, sondern auch hier. Wie oft müssen die denn aufgefrischt werden?

Hünger: Es ist so, dass diese Impfungen – das sind die Grundimmunisierungen, die allgemein empfohlen sind: Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten Pertussis und früher auch Polio; da sollte es eine Grundimmunisierung im Kleinkindalter geben. Dann geht man davon aus, dass man alle zehn Jahre auffrischen sollte. Bei Polio ist es tatsächlich so – und da sehen Sie, dass praktisch auch die Empfehlungen leben, dass sich das auch weiterentwickelt -, dass man davon ausgeht, dass man in Westeuropa, in Deutschland, fast weltweit eigentlich ein so geringes Risiko hat, dass man eine lebenslange ausreichende Immunität erwarten kann, wenn man grundimmunisiert worden ist, und eigentlich nur noch wieder geimpft werden sollte, wenn man wirklich in ein echtes Endemie-, in ein Ausbruchsgebiet gehen würde.

Impfschutz regelmäßig auffrischen

Fecke: Ist es sinnvoll, eine Titerbestimmung zu machen, bevor ich noch mal nachimpfe bei bestimmten Erregern?

Hünger: Ich würde mal so sagen: Unter bestimmten Konstellationen kann es sinnvoll sein. Im Allgemeinen kann man sich an die Empfehlungen halten, dass man nach zehn Jahren bestimmte Impfungen wieder auffrischen sollte. Bei manchen wissen wir einfach, dass man sich sicher sein kann, dass man eine lebenslange Immunität erworben hat, wenn man einmalig, zweimalig geimpft worden ist oder eine entsprechende Grundimmunisierung hatte. Das heißt, die Titerbestimmung vor der Impfung ist eigentlich ein Ausnahmefall für ganz bestimmte Indikationen.

Fecke: Das heißt, wenn jemand schon geschwächt ist, oder ein Aids-Patient, dessen Immunsystem einfach nicht noch mehr gestresst werden sollte?

Hünger: Da eher nicht. Wenn jemand eine entsprechende Grunderkrankung hat, dann muss man sich noch mal sehr dezidiert anschauen, was da an Impfungen sinnvoll ist, bei welchen Impfungen ich auch eine ausreichende Immunantwort zu erwarten habe. Das heißt, wenn ich bei einem Aids-Patienten ein Immunsystem habe, was danieder liegt, dann würde ich sicherlich nicht auch mit einem harmlosen lebenden Erreger impfen. Das müsste man sich im Einzelfall noch mal genauer anschauen.

Fecke: vielen Dank für diese Einschätzungen. – Dr. Frank Hünger war das, Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie am Klinikum Dortmund.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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