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StartseiteHintergrundDie letzten vergessenen Opfer13.06.2015

"Asoziale" im NationalsozialismusDie letzten vergessenen Opfer

Es war ein schwarzer Winkel, der ihre Häftlingsuniform kennzeichnete: Unter anderem im Konzentrationslager Sachsenhausen wurden zwischen 1936 und 1945 auch zahlreiche sogenannte Asoziale gefangen gehalten, misshandelt und getötet. Die Kategorie galt schnell für all jene, die nicht die nationalsozialistische Weltsicht teilten.

Von Ann-Kathrin Büüsker

Die Gedenkstätte Sachsenhausen (Ann-Kathrin Büüsker / Deutschlandradio )
Die Gedenkstätte Sachsenhausen (Ann-Kathrin Büüsker / Deutschlandradio )
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Obwohl es an diesem Montagvormittag Bindfäden regnet: Das Besucherzentrum im Konzentrationslager Sachsenhausen ist gut gefüllt. Ein Potpourri aus unterschiedlichsten Sprachen hallt von den weißen Wänden wider, draußen auf dem Gelände sind vor allem spanische Touristen unterwegs, die das NS-Musterlager bei Berlin erkunden.

Zwischen 1936 und 1945 waren hier rund 200.000 Menschen interniert. Politische Gefangene, Juden, Sinti und Roma - und Menschen, die Nationalsozialisten als sozial minderwertig einstuften. Sie wurden als Asoziale bezeichnet – und mit einem schwarzen Winkel auf ihrer Häftlingsuniform gekennzeichnet. Im Juni 1938 stieg die Zahl dieser sogenannten Asozialen nach landesweiten Verhaftungswellen sprunghaft an.

"Ja, das ist eine ganz schwierige Kategorie, die ganz unterschiedliche Aspekte beinhaltet."

Professor Günther Morsch ist Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen.

Wer genau als "asozial" galt, dafür gab es im Dritten Reich keine genaue Definition. Die Kategorie galt für jene, die eben nicht in die nationalsozialistische Weltsicht passten und wandelte sich ganz nach den Bedürfnissen des Regimes.

"Man hat ab 1933 mehrere sogenannte Bettlerrazzien gemacht, das heißt zum einen, der größte Teil wahrscheinlich der sogenannten Asozialen setzt sich aus einem Kreis von Wohlfahrtsempfängern, Alkoholikern auch, Menschen, die am Rande der Gesellschaft sozial leben, zusammen, und das ist der Beginn der Asozialenverfolgung 1933. Das verändert sich aber sehr stark."

Später kamen Menschen hinzu, die gegen das Gesetz verstoßen hatten. Gelegenheitsverbrecher, Zuhälter oder auch Frauen, denen man Prostitution vorwarf. Dazu kamen Wanderarbeiter, Sinti und Roma und Erwerbslose, die man als arbeitsscheu bezeichnete.

"Das heißt, wir haben einen sehr großen und breiten Begriff, den die Nationalsozialisten verfolgen."

Wie viele Menschen im Nationalsozialismus unter dem schwammigen Begriff des "Asozialen" verfolgt, geknechtet und getötet wurden, ist bis heute unklar. Die wenigsten der Opfer sind überhaupt bekannt, eine seriöse Schätzung ihrer Zahl gibt es nicht. Die Opfergruppe selbst ist bis heute nicht als solche anerkannt. Dies mag auch daran liegen, dass wohl keiner derer, die als asozial verfolgt wurden, sich selbst so bezeichnet hätte. Asozialität war eine Fremdzuschreibung durch die Nationalsozialisten. Eine, die auch die Forschung zwangsläufig wieder aufgreifen muss, will sie den Opfern ein Gesicht geben. So zum Beispiel in Berlin.

Ein Kindergarten in einem Wohnviertel in Berlin-Rummelsburg, idyllisch gelegen an einer großen Bucht der Spree. Hier stehen Neubauten aus Beton und Glas neben alten, modernisierten roten Klinkerbauten. Letztere sind Überbleibsel der Rummelsburger Haftanstalt. Von der Kaiserzeit bis zum Ende der DDR wurde hier eingesperrt, wer nicht in das System passte.

Ein Gebäude der ehemaligen Rummelsburger Haftanstalt (Ann-Kathrin Büüsker / Deutschlandradio )Ein Gebäude der ehemaligen Rummelsburger Haftanstalt (Ann-Kathrin Büüsker / Deutschlandradio )

"Es waren Obdachlose, Prostituierte, Bettler, also alles das, was so am Rande der Gesellschaft, nicht in geordneten Verhältnissen, wie man sie bürgerlich versteht, lebte."

Rainer Klemke ist Projektleiter des Gedenkortes. Seit Anfang des Jahres wird hier an die Menschen erinnert, die einst an dieser Stelle inhaftiert waren.

"Wir haben hier an der Rummelsburger Hauptstraße drei Stelen aufgestellt, die die unterschiedlichen Epochen umschreiben. Einmal die Zeit bis 1933, die ist rostbraun, dann die NS-Zeit, die ist stählern, um die Kälte auch zu signalisieren und die DDR-Zeit, ist grau."

In der eigentlich für 1.000 Menschen ausgelegten Anstalt waren zeitweise bis zu 1.500 untergebracht. Erbaut 1879 am Rand der Stadt, wurden hier schon im Kaiserreich und in der Weimarer Republik unliebsame Individuen, die der Fürsorge bedurften, weggesperrt.

"Der Bewahrte ist nach seinen Kräften zu nützlicher Arbeit anzuhalten"

Zur NS-Zeit wurde Rummelsburg ein Arbeits- und Bewahrungshaus und damit einer der wichtigsten Orte für die Unterbringung sogenannter Asozialer in Berlin. Verantwortlich hierfür vor allem: Karl Eduard Spiewok, Leiter des Berliner Landeswohlfahrts- und Jugendamtes. Aus der Sicht von Rainer Klemke ein klassischer Beamter der NS-Zeit:

"Der wollte hier so eine Musteranstalt aufbauen und hat immer noch einen Zahn schärfer, als es die Gesetzgebung zuließ, diese Anstalt geführt. Auch mit dem Ziel, wenn ich möglichst viele Leute hier in meinem Herrschaftsbereich habe, dann werte ich auch meine Position auf."

1936 verfasste Spiewok einen Entwurf für ein Bewahrungsgesetz.

Darin heißt es:

"Der Bewahrte ist nach seinen Kräften zu nützlicher Arbeit anzuhalten und nach Möglichkeit zur zuchtvollen Einordnung in die Volksgemeinschaft zu erziehen."

Faktisch hieß das nichts anderes, als dass die Insassen Zwangsarbeit leisten mussten, meint Anne Allex vom Berliner "Arbeitskreis Marginalisierte gestern und heute".

"Die Leute in Rummelsburg sind damals - und das durchweg bis in die DDR - dazu benutzt worden, um Zwangsarbeit für die Stadt zu leisten. Also Kartoffeln schälen für große Kantinen, Feuerholz machen, Wäsche waschen und so weiter und so fort."

Die Forschung im Rahmen der Errichtung des Gedenkorts hat viele neue Details über die Geschichte der Insassen in Rummelsburg zutage gefördert. Und über die Verbrechen, die die Nationalsozialisten an ihnen begangen haben, berichtet Rainer Klemke.

"Es gab lange Diskussionen darüber, ob Asozialität erblich sei"

"Im Jahre 1941 wurden zum Beispiel von hier 30 jüdische Inhaftierte zur Vergasung gebracht, und im folgenden Jahr 1942 hat hier eine Ärztekommission die 1.500 Insassen begutachtet, daraufhin, welche davon dem Euthanasietod zugeführt werden sollten, und das waren immerhin 314. Und zwischendurch gab es eben noch die Zwangssterilisierung, ausgehend von dem Gedanken, das man verhindern wollte, dass Menschen, die sich asozial im Sinne des Systems verhalten, auch Kinder zeugen konnten."

Hinweise für diese Verbrechen finden sich im Berliner Landesarchiv. Hier lagern die Akten des NS-Erbgesundheitsgerichtes der Stadt. Darin sucht der Medizinhistoriker Bernhard Bremberger nach Opfern aus Rummelsburg. Rund 20.000 Registereinträge schauen er und Lothar Eberhard vom "Arbeitskreis Marginalisierte gestern und heute" durch.

Sie haben dabei bisher knapp 300 Personen aus Rummelsburg identifiziert.

"Der Sinn der NS-Politik war, als asozial definierte auszurotten. Und da hat man dieses Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses als Mittel genutzt. Es gab lange Diskussionen darüber, ob Asozialität erblich sei."

Doch auch wenn zahlreiche NS-Funktionäre von der Erblichkeit der Asozialität überzeugt waren – ein schlüssiger Grund im Sinne des Erbgesundheitsgesetzes war diese Diagnose nicht. Die Mediziner griffen deshalb zu anderen Diagnosen, um ihre Anträge zu rechtfertigen. Die häufigste Wahl: angeborener Schwachsinn. Die Art der Diagnosestellung: perfide.

"Ich hab hier ein schönes Beispiel aus einer Akte, die ich gerade eben unten vor mir hatte, wo eine Intelligenzprüfung stattfinden sollte. Da wurde eine Frau gefragt, was so ein Spruch bedeutet wie 'Hunger ist der beste Koch', oder warum man die Häuser in der Stadt höher als auf dem Lande baut. Das Gesamturteil des Arztes war, 'sie nimmt Anteil an der Unterhaltung, ist zugänglich, antwortet meistens prompt. Wenn sie die Frage nicht beantworten kann, wird sie widerspenstig und patzig.' Und so was wie 'am Ende wird sie widerspenstig und patzig', das finden wir oft, und das ist sozusagen der direkte Schlüssel zur Diagnose angeborener Schwachsinn."

Die ursprüngliche Hoffnung der beiden Forscher, im Archiv auf Lebensgeschichten von Betroffenen zu stoßen und vielleicht Zeitzeugen von damals zu finden, hat sich nicht erfüllt. Darin liegt ein grundsätzliches Problem der Forschung: Über die Opfer der Asozialenverfolgung wissen wir nur sehr wenig - die meisten Informationen stammen aus Sicht und Feder der Täter, etwa aus Berichten der Kriminalpolizei. Einen Recherche-Erfolg haben die beiden dennoch, den Lothar Eberhard mit gewissem Stolz präsentiert:

"Der Berufsboxer Wilhelm Rukeli Trollmann, der dort als Heinrich Trollmann, der Name seines Bruders, verzeichnet ist. Er ist zwangssterilisiert worden als Schwachsinniger. Aber warum, wieso, weshalb, da fehlen uns die Fakten."

Im Kern ging es den Nationalsozialisten darum, die sogenannte Volksgemeinschaft von Elementen zu befreien, die ihr schadeten. Vor allem finanziell, erklärt Anne Allex:

"So genannte Asoziale wurden ja von Beginn an als Kostenfaktor gesehen, da gibt es diese unrühmliche Gegenüberstellung von was eine Arbeiterfamilie bringt und was die Familie einer Trinkerin den Staat für Geld kostet."

Wer durch sein - aus nationalsozialistischer Sicht - "asoziales" Verhalten die "Volksgemeinschaft" schädigte, musste daraus entfernt werden. Einen gesamtdeutschen Plan hierfür gab es jedoch nicht, auch keine einheitliche Gesetzgebung. Ein Gemeinschaftsfremdengesetz sollte 1943 erlassen werden, kam aber nie zum Abschluss.

Verhaftungsaktion "Arbeitsscheu Reich" führt zu mehr als 10.000 Gefangenen

Die Verfolgung "Asozialer" erfolgte im Rahmen von Verfügungen und Verordnungen, die lokal ganz unterschiedlich umgesetzt wurden. Federführend waren dabei die Wohlfahrtsämter und die Polizei, die die Verfolgung praktisch übernahm. Ab 1937 konnten Asoziale in die sogenannte Vorbeugungshaft genommen werden. Asozialität stand ab sofort offiziell in Zusammenhang mit Verbrechen. Dieser Entwicklung ging laut Anne Allex die Vorstellung voraus ...

"dass Asozial in der Kombination mit arbeitsscheu immer bedeutet hatte, nach der Definition der Nazis, diesen Personen würde der Hang zum Verbrechen inne wohnen. Und die haben sozusagen mit diesem Label 'asozial und arbeitsscheu' damit für die Zukunft sozusagen prophezeit, dass diese Art der Überbevölkerung in Zukunft ohnehin irgendwann man kriminell werden würde und dann in anderer Form ihrem Staat zur Last fallen würde."

Im großen Stil fand die Verhaftung Asozialer im Rahmen der sogenannten Aktion Arbeitsscheu Reich statt, deren zweite Welle heute vor 77 Jahren begann. Mehr als 10.000 arbeitsfähige Männer wurden in dieser Verhaftungsaktion zwischen dem 13. und 18. Juni 1938 gefangen genommen und in Konzentrationslager verschleppt. 6.000 von ihnen nach Sachsenhausen. Prof. Günther Morsch:

"Das bedeutet, der allergrößte Anteil der so genannten Aktion Arbeitsscheu Reich-Inhaftierten kommt nach Sachsenhausen."

Die Aktion traf Landstreicher, Bettler, sogenannte Zigeuner, Zuhälter und Leute, die sich "nicht in die Ordnung der Volksgemeinschaft einfügen wollten". Außerdem wurden straffällig gewordene Juden festgenommen.

Auch hier zeigt sich die willkürliche Definition des Begriffs "asozial".

Mit dem schwarzen Winkel wurden zum Teil völlig unterschiedliche Personengruppen gekennzeichnet, deren einzige Gemeinsamkeit war, dass die Nazis sie als asozial bestimmt hatten. Diese Heterogenität mag auch dazu beigetragen haben, dass die Stellung der Asozialen in den Lagern eher schlecht war, meint Morsch.

"Da es kein eigenes Gruppenbewusstsein gegeben hat, man eigentlich nicht wusste, weshalb man im Lager war und warum der Nebenmann auch unter der gleichen Kategorie im Lager war, aus diesem Grunde hat sich wahrscheinlich auch ja... eine Unterprivilegierung ergeben, weil man selber keinen Einfluss auf die Häftlingsselbstverwaltung hatte, oder wenig Einfluss."

"Also wir hatten damals Franz Stenzer, einen politischen, der auch in Sachsenhausen gewesen ist, eingeladen zu einer Veranstaltung, der hat gesagt, mit denen wollten wir immer nichts zu tun haben, weil die waren a) nicht organisiert und b) konnte man sich nie auf die verlassen", b berichtet auch Anne Allex vom "Arbeitskreis Marginalisierte gestern und heute".

"Das heißt, diese Stigmatisierung asozial hat durchaus bei den anderen Opfergruppen gewirkt."

Nahezu keiner bekam eine Entschädigung

Und diese Stigmatisierung hat über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus gewirkt – und damit auch die Aufarbeitung des Verbrechens an den sogenannten Asozialen beeinflusst, ist Günther Morsch überzeugt.

"Das Dominierende ist erst einmal, dass ja viele Täterorganisationen, die diese Menschen in die Lager gebracht haben, einfach weiter existierten. Dass auch das dahinter stehende Weltbild oder Menschenbild weiter existierte, das gilt sowohl für sogenannte Berufsverbrecher, als auch für sogenannte Asoziale. Und man erkannte ja bekanntermaßen dies nicht als Verfolgungsgrund an, das heißt weder asozial noch Berufsverbrecher noch Homosexuelle noch sogenannte Zigeuner haben je, also, in der damaligen Zeit, eine Entschädigung erhalten."

Seit den 70er-Jahren hat sich aus der Sicht von Morsch zwar einiges getan, was einst randständige Opfergruppen angeht – allen voran die Sinti und Roma und die Homosexuellen. Für die sogenannten Asozialen und die Berufsverbrecher gilt dies jedoch nicht in gleichem Maß.

"Beide Gruppen werden also nach wie vor aus dem Gedenken ausgeschlossen."

Dies zeigt sich auch Jahr für Jahr am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Die Opfergruppe der sogenannten Asozialen wird im Gedenken meist nicht eigens benannt. So auch in der diesjährigen Rede von Bundestagspräsident Norbert Lammert, obwohl er sich mit der Liste doch einige Mühe gegeben hatte:

"Wir erinnern der Entrechteten, der Gequälten und Ermordeten. Der europäischen Juden, der Sinti und Roma, der Zeugen Jehovas, den Millionen verschleppter Slaven,.... der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, der Homosexuellen, der politischen Gefangenen, der Kranken und Behinderten, all derer, die die nationalsozialistische Ideologie zu Feinden erklärt und verfolgt hatte."

2008 richtete die Fraktion Die Linke eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung – zur Erinnerung an die Aktion "Arbeitsscheu Reich" von 1938. Anne Allex resümiert die Antwort:

"Unter dem Strich kam dabei heraus, dass der deutsche Bundestag und die Bundesrepublik Deutschland keinen Handlungsbedarf darin sehen, in der Rehabilitierung und Entschädigung der Gruppe der sogenannten Asozialen."

In der Anfrage ging es auch um die Frage von Entschädigungen. Laut Bundesregierung wurden Härteleistungen an Opfer von nationalsozialistischen Unrechtsmaßnahmen im Rahmen des Allgemeinen Kriegsfolgengesetzes ausgezahlt an: 163 Asoziale, 17 Arbeitsverweigerer, 24 Arbeitsscheue und 1 Landstreicher. Konkret handelte es sich bei diesen Entschädigungen um Einmalzahlungen in Höhe von knapp 2.600 Euro.

Weiter heißt es in der Antwort von 2008:

"Bundesministerien und nachgeordnete Behörden, so auch das Bundeskriminalamt, haben bei der Aufarbeitung ihrer Geschichte keine Aktivitäten ergriffen oder geplant, die speziell den Umgang mit den sogenannten Asozialen betreffen."

Den Asozialen fehlt seit jeher eine Lobby. Die meisten von ihnen standen vor dem Nationalsozialismus am Rande der Gesellschaft – und auch danach, ist Rainer Klemke überzeugt.

"Wenn man sich mal anguckt, welche Bürgergruppen sich für solche Themen einsetzen, dann sind es bürgerliche Gruppen. Gutverdiener, Lehrer, Rechtsanwälte, Ärzte, etc. Und die sind meilenweit von der Lebenswirklichkeit der Menschen, die auf der Straße leben und nicht mehr als das Existenzminimum oder sogar noch weniger haben, entfernt. Und auch voller Vorurteile diesen Menschen gegenüber, weil nicht untersucht wird, wie solche Menschen in solche Situationen kommen, sondern sie sind lästig, ums ganz brutal zu sagen. Und das bis heute. "

Das wird auch im Konzentrationslager Sachsenhausen deutlich. Dort, wo einst die Kommandantur untergebracht war, erinnern heute zahlreiche Gedenkzeichen zwischen hohen Bäumen an die unterschiedlichen Opfergruppen, die im KZ ihr Leben ließen. Sie alle wurden gestiftet.

Gedenktafeln im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen (Deutschlandradio / Ann-Kathrin Büüsker )Gedenktafeln im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen (Deutschlandradio / Ann-Kathrin Büüsker )

Für die sogenannten Asozialen gibt es kein Denkmal.

Gedenkstättenleiter Morsch geht so weit zu sagen, dass die Ressentiments der Nationalsozialisten bis heute in unseren Köpfen nachwirken.

"Wenn man sich die Zahl derjenigen Opfer anguckt, die seit der deutschen Einheit Opfer rechtsextremistischer Exzesse waren, dann stellt man fest, dass von denen die große Mehrheit eben aus diesem Kreis kommt, der von den Nationalsozialisten als Asozial diskriminiert worden sind. Und dies wird nach wie vor nicht in entsprechendem Maße gewürdigt."

Ein Beispiel für diese Verbrechen kann der Mord an Dieter Eich sein. Im Mai 2000 wurde der Sozialhilfeempfänger in seiner Wohnung in Berlin zusammengeschlagen, dann erstochen. Die Täter: eine Gruppe junger Erwachsener, darunter ein Nachbar Eichs. Sie alle hatten Kontakte zur rechten Szene. Gegenüber der Polizei gaben sie als Motiv für ihre Tat an, sie wollten "einen Assi klatschen".

"Es ist genau diese Gruppe, die von den Nazis früher als Asoziale bezeichnet worden sind. Die auch heute wieder eines der Hauptopfer rassistischer, fremdenfeindlicher, xenophobischer Gewalt sind."

Doch die Ausgrenzung von Erwerbslosen und sozial schwächer gestellten Personen war keine Erfindung des Nationalsozialismus. Darauf weist auch Anne Allex hin.

"Diese Begrifflichkeit asozial, die ist im 17./18 Jahrhundert ungefähr entstanden. Fußt auf Vorurteilen und Stereotypen, die es auch lange vorher schon gegeben hat. Dieser Vorwurf, die Arbeitslosen sind selbst schuld an ihrer Arbeitslosigkeit, den kann man eigentlich schon vor dem Frühkapitalismus ansetzen, in einer Zeit, als es noch gar keine ausgeprägte Arbeiterklasse gab und in einer Zeit, als sozusagen die Städte entstanden. Denn auch dort gab es Bettlerverordnungen, Armenverordnungen und Reglements und wurden diejenigen, die dauerhaft von Aufträgen der Reichen existieren konnten, schon gegen ganz Arme ausgespielt."

Dies zeigt sich auch am Gedenkort in Rummelsburg. Hier wurden soziale Randgruppen bereits während der Kaiserzeit eingesperrt. Und auch weit über die NS-Zeit hinaus landeten hier Menschen, die im System nicht erwünscht waren. Für Projektleiter Rainer Klemke steht deshalb fest:

"Und insofern ist eigentlich der Umgang mit diesen Randgruppen ein Gradmesser für die Kraft einer demokratischen Gesellschaft."

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