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StartseiteBücher für junge LeserAstralwesen auf sanften Schwingen24.11.2012

Astralwesen auf sanften Schwingen

Die Figur des Engels in der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur

Engel haben sich ihre magische Anziehungskraft und Beliebtheit trotz aufgeklärtem Realismus im 21. Jahrhundert bewahrt: Lösgelöst von der christlichen Glaubenswelt gehören sie seit Langem zum festen Figurenensemble in der Kinder- und Jugendliteratur.

Von Karin Hahn

Ob als Schutzengel oder dunkler Rächer - Engel finden in der Kinder- und Jugendliteratur häufig Verwendung.  (Stock.XCHNG / Linda Mcnally)
Ob als Schutzengel oder dunkler Rächer - Engel finden in der Kinder- und Jugendliteratur häufig Verwendung. (Stock.XCHNG / Linda Mcnally)
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Durch die ganze menschliche Geschichte hindurch haben monotheistische Religionen den Glauben an spirituelle Wesen verbreitet, an Kräfte, die eine Verbindung zwischen dem Himmelreich und der irdischen Welt schaffen. Vertreten Religionen die Vorstellung, der Kosmos sei dreigeteilt in Himmel, Erde und Hölle - bevölkert mit Engeln, Menschen und Dämonen -, so glauben die allerwenigsten Menschen heute mehr an diese überirdischen, einzigartigen Wesen.

Und doch haben die Engel sich ihre magische Anziehungskraft und Beliebtheit trotz aufgeklärtem Realismus im 21. Jahrhundert bewahrt. Losgelöst von der christlichen Glaubenswelt gehören Engel seit Langem zum festen Figurenensemble in der Kinder- und Jugendliteratur. Sie erscheinen wie aus heiterem Himmel in der realen Wirklichkeit und entschwinden wieder. Sie erregen mit ihren überirdischen Fähigkeiten Aufsehen, suchen nach ihrer eigenen Identität oder werden neu erschaffen.

"Ich glaube ganz natürlich an Engel und magische Wesen, ich bin von Hause aus Katholikin, da ist das quasi Pflicht, also auch wenn ich eine sehr entspannte Katholikin bin. Aber so ein ganz klein bisschen Zauberei tut, denke ich mal, in jedem Fall gut."

Bekennt die Hamburger Autorin Sylvia Heinlein.

"Ich glaube, Menschen sind fasziniert von Engeln, weil die natürlich eine ganz wunderbare Zwischenlösung, sozusagen eine Leiter zwischen der Erde und Gott sind. Selbst wenn man nicht an Gott glaubt, kann man wunderbar an Engel glauben, nicht weil die quasi nachgewiesenermaßen in der Bibel schon erwähnt wurden, sondern weil das so eine hübsche Möglichkeit ist sich so ein kleines Stückchen Himmel auf die Erde zu holen, sich so ein bisschen vertrauensvoll beschützt zu fühlen. Das ist so ein netter kleiner Glaube, wenn man an Engel glaubt."

Sylvia Heinlein wollte schon immer über Engel schreiben und so hieß ihr erstes Kinderbuch, das nun in einer Neuauflage erscheint, "Ein Schutzengel aus heiterem Himmel". Berry und seine Freundin Line staunen nicht schlecht als plötzlich ein klatschnasses Wesen mitten hinein in Berrys Kinderzimmer taumelt. Vor beiden steht ein kindliche, barfüßige Gestalt mit Flügeln, bekleidet mit einem weißen, schlichten Nachthemd.

‘Engel gibt’s nicht’, dachte Line und starrte den Engel an. ‘Das ist ein Mädchen mit Flügeln, weiter nichts.’
"Wahrhaftig", sagte der Engel. "Es scheint tatsächlich so zu sein, dass ich ein kleines bisschen nass geworden bin. Hättet ihr unter Umständen ein Handtuch für mich?"
‘Ein Junge’, dachte Line. ‘Er hat eine Jungenstimme.’


"Besonders kleine Engel haben ja die Fähigkeit sich sehr erwachsen zu benehmen. Diese Fähigkeit haben sie meiner Ansicht nach nicht frei gewählt, sondern die kommen ja erwachsen auf die Welt, mit so einer erwachsenen Denke, und deshalb spricht der Engel in meinem Buch zum Beispiel auch relativ kultiviert und macht sich nicht über andere lustig, was Engel natürlich ohnehin nie tun würden. Dann kann der Engel sich natürlich unsichtbar machen. Das ist ganz wichtig, sonst wäre die Welt ja voller sichtbarer Engel und dann kann der noch so paar Zauberkunststücke."

Hella heißt der Wunderknabe und Schutzengel, der die Kinder von seiner überirdischen Aura erst mal überzeugen muss.

"Ihr glaubt mir nicht!", schluchzte er. "Ihr glaubt mir nicht, dass ich ein Engel bin, und ich kann nicht mehr fliegen, verteufelte Stinke, und ich habe so Heimweh!" Line wusste nicht, was sie tun sollte. Dafür ging Berry zu Hella hin. Er heulte selber manchmal. Und wusste, wie gut es tut, wenn einen dann jemand tröstet. "Wir glauben dir doch." Hella schluchzte noch ein bisschen weiter.
"Ich will nach Hause", schniefte er. "Sofort und auf der Stelle! Ich will nach Hause zu meiner Mama...."


Trotz Hellas himmlischer Fähigkeiten dreht sich das Kräfteverhältnis um. Jetzt benötigt er Hilfe und Schutz von Berry, Line und Tante Irmi, die Hella erstaunlicherweise sehen kann. Damit ist klar, auch Tante Irmi ist ein Engel auf Erden, denn sie hat immer ein Ohr für die Sorgen der Kinder und tröstende Süßigkeiten. Ganz nebenbei greift Hella in den Alltag der Kinder ein, gibt dem ängstlichen Berry mehr Selbstvertrauen und vermittelt Line, dass sie bei auftretenden Schwierigkeiten nicht gleich aufgeben darf. Sehr konventionell geschrieben arbeitet sich die Geschichte von Sylvia Heinlein zum glücklichen Ende vor, nicht ohne links und rechts auch Seitenhiebe gegen Erwachsene auszuteilen, die sich nie auf Neues einlassen wollen. So schnell wie Hella im Leben von Berry und Line auftaucht, verschwindet er auch wieder. Er hinterlässt zwei gestärkte Kinder und durchlebt die Erfahrung, dass auch Engel wie Menschen fehlbar sind.

"Also, wenn Engel und Menschen zusammenarbeiten, dann wird immer alles gut."

Engel existieren scheinbar auf unserer Erde, sind aber nicht von dieser Erde. Sie werden in vielen Geschichten oftmals nur vom kindlichen Auge wahrgenommen und treten in der Literatur als friedliche Grenzgänger zwischen den Welten, aber auch als Boten des Transzendenten auf. Als Sinnbild der reinen Unschuld können sie Mittlerwesen sein, die schützend in den Alltag der Menschen eingreifen oder gesellschaftliche Konventionen in Frage stellen. Sie agieren als Schutzengel oder lehren uns das Fürchten als eiskalte Todesengel. Befreit von Erdenschwere und Gebundenheit an Raum und Zeit symbolisieren sie als Flügel- und Geistwesen das Unendliche. Bei Engeln ist es gar nicht so wichtig, wer oder was sie sind, sondern viel eher was sie tun.

Um diese Erfahrung reicher wird der Engel in Sharon Creechs Kinderbuch "Wie Zola dem Engel half". Seit Urzeiten wohnt er im Steinturm der Casa Rosa im Tessin. Hier hat er seine gemütliche Hängematte aufgespannt, besucht die Ziegen und genießt die gute Luft in den Schweizer Alpen. Von seinem geradezu himmlischen Leben auf Erden erzählt der namenlose Engel mit trockenem Humor. Scheinbar ohne eine wahre Mission schwebt er durchs endlose Dasein, registriert manche Ungerechtigkeit auf Erden und macht sich in seiner eigenwillig verdrehten Sprache so seine Gedanken.

Ein Engel ist angeblich ein glückliches Wesen, stimmt’s? Engel fliegen herum und verteilen Liebe und Güte, Geborgenheit und Zufriedlichkeit, stimmt’s? Ich weiß allerdings gar nicht, wie ich darauf komme. Vielleicht ist das alles grottenfalsch. Ich – ich bin gar nicht so glücklich, wenn ich an die ganzen Leute denke, und ich finde, nicht viele Leute haben es verdient, dass ich sie mit Liebe und Zufriedlichkeit überschütte – selbst wenn ich wüsste, wie das geht und wo man die Liebe und die Zufriedlichkeit findet. ...
Bestimmt habe ich die Ausbildung für Engel, die mit Leuten arbeiten, noch nicht abgeschlossen.


Unfreiwillig wird ein Mädchen, die seltsam bunt angezogene und aufgeweckte Zola mit ihrem abgerissenen Haarschnitt, zur Ausbilderin des Engels. Sie hat Zugang zur Sphäre des Wunderbaren, den die rational denkenden Erwachsenen nicht mehr besitzen. Mit ihrem amerikanischen Vater, Mr Pomodoro, der unbedingt dem Stadtstress entfliehen wollte, zieht sie nun in den Turm und verändert das sorgenfreie Leben des Engels. Zolas bestimmende Art und ihre neugierigen Fragen stürzen den Engel in eine wahre Identitätskrise.

"Sind Engel tote Menschen?"
"Wie bitte? Was? Nein. Ich bin kein toter Mensch. Ich bin ein Engel. Ein Mensch ist ein Mensch, und ein Engel ist ein Engel."
"Okay, okay", sagt Zola. "Kein Grund zur Aufregung." ...
Zola versucht auf meinen Rücken zu sehen. "Wo sind deine Flügel?"
"Flügel? Welche Flügel?"
Jetzt macht Zola ein überrascheltes Gesicht. ...
"Ich habe keine Flügel." Das sage ich ganz langsam, weil ich nicht so sauer klingen will, aber ich bin echt beleidigt.
"Ich bin kein Vogel. Ich bin ein Engel."


Ohne große Umschweife fordert Zola, dass der Engel endlich den elternlosen und hungrigen Waisenkindern, die sich unweit seines Turmes in der Scheune versteckt halten, hilft. Im naiven Glauben an die Menschheit suggeriert der Engel den Dorfbewohnern im Schlaf, dass die acht Kinder in Not sind. Aber die Leute sind nur verärgert, denn nun wissen sie, wer ihnen ihre Lebensmittel und Sachen gestohlen hat. Zola ist sauer auf den hilflosen Engel und erwartet Engel etwas mehr Einsatz. Trotz Gerechtigkeitsempfinden und ausgeprägtem Mitgefühl scheint der leicht verwirrte Engel, in dieser Geschichte die Bodenhaftung verloren zu haben. Bei aller Sympathie für seine Begeisterungsfähigkeit an der herrlichen Natur lebt er weltfremd in seinem hohen Turm und benötigt erst mal einen heftigen Anschub, um zu erkennen, was wirklich wichtig ist. Zola lässt ihm keine Sekunde Ruhe und von ihr lernt er so einiges über das menschliche Zusammenleben.

Manchmal glaube ich, dass ich wie die Berge sein muss, so stark wie der Fels, und dass ich wie die Berge in meinem Inneren die ganzen Sachen haben muss, mit denen ich die Angreifer abwehren kann, die meinen Schützlingen weh tun könnten. Dabei habe ich nicht mal ein Schwert.

Für Sprachspielereien hat die amerikanische Autorin Sharon Creech ein Händchen. So lässt sie den Engel mit deutschen und italienischen Worten jonglieren und aus überrascht wird "überraschelt" oder aus kommandieren "kommandierlich". Damit lockert sie die in kurzen Kapiteln erzählte Geschichte auf und fängt die Traurigkeit ab, die sich durch das schwere Schicksal der Waisenkinder und die Gespräche über den Tod, ein Thema, das der Engel immer wieder aufgreift, einschleichen könnte.

Viele Autoren, auch Zoran Drvenkar, distanzieren sich vom Engel der christlichen Tradition. Und doch schreiben sie über einen wichtigen Grundzug vieler biblischer Engelerzählungen - die Erschütterung, die eintritt, wenn ein Mensch der geheimnisvollen Wirklichkeit gewahr wird, die hinter seiner Alltagsexistenz liegt. Als der 16-jährige Motte eine Mail von einem Unbekannten liest, in der ihm prophezeit wird, dass er am kommenden Morgen tot sein wird, hält er alles für einen miesen Scherz. Aber dann bewahrheitet sich das Unerklärliche. Motte erwacht in seinen Garfield–Shorts, ihm sind tatsächlich Flügel gewachsen, sein Herzschlag hat ausgesetzt und er ist fortan geschlechtslos. Und dann erfährt er noch, dass er der letzte Engel auf Erden ist. Lars, sein bester Freund, eilt zu Motte und kann ihn im Gegensatz zum Vater trotz Verwandlung sehen.

"Hast du schon versucht, zu fliegen?"
"Ich bin aufgewacht, und die Dinger waren dran, da denkt man nicht ans Fliegen."
"Du könntest es ausprobieren."
"Lars, ich könnte dich auch rausschmeißen."
"Ich mein ja nur", sagt Lars lahm. "Irgendwann musst du ja vor die Tür gehen."
"Danke, genau das wollte ich hören."


Im Laufe des Romans "Der letzte Engel", der in historisch unterschiedlichen Zeitepochen spielt und aus verschiedenen Figurenperspektiven erzählt wird, stellt sich heraus, Motte ist längst nicht der letzte Engel, der auf Erden weilt. Mottes Vater und Mutter sind nicht seine biologischen Eltern. Sie stammen aus den Häusern der sogenannten Familie, russischen Angehörigen des Adels, deren Leben sich nach diesem sensationellen Fund auf den Faröer Inseln völlig verändert.

Die Skelette waren umgeben von Flügeln. Vier Flügel und zwei Skelette. Die Gleichung war einfach. Gräfin Natascha fand, dass dafür keine hohe Mathematik benötigt wurde. Da liegen zwei Engel im Eis, dachte sie.

Weit zurück liegt die Geschichte der wahren Engel auf Erden.

"Ich tue ja so ‘ne Art Mythologie auf und sehe uns als die zweite Menschheit und die erste Menschheit ist schon untergegangen. Und da gab es die Engel und die hatten damit was zu tun. Und wir sind die zweite Menschheit und es gibt so eine Art Prophezeiung und die versucht die Bruderschaft aufzuhalten."

Die Bruderschaft, eine Gruppe von gnadenlosen Söldnern unter der Führung des alten, hart gesottenen Lazar, tötet mit brutalster Gewalt alle Engelsnachkommen, die die Familie nun mit Hilfe der Wissenschaft und Gentechnik im Labor züchtet. Auch Motte ist im Visier der Bruderschaft. Gewarnt wurde der Jugendliche von der zehnjährigen Mona, die aus ihrem Haus der Familie beim Überfall der Bruderschaft entfliehen konnte. An ihrer Seite ist Esko, ein Engel, den sie durch ihre magischen Fähigkeiten aus der Erinnerung in die Gegenwart geholt hat. Aber Mona teilt sich auch ihr Bewusstsein mit Königin Theia, die die erste Menschheit in den Abgrund geführt hat. Zahlreich ist das Personal, das in Zoran Drvenkars Handlung, von der er sich selbst am meisten überraschen ließ, auftritt. Es gibt erfundene, aber auch historisch belegte Figuren, wie Otto von Kotzebue, den Zaren, der sich 1825 für tot erklären ließ und weiterlebte oder die Brüder Grimm, die die Bruderschaft ins Leben rufen, um die Engelsexperimente zu stoppen. Im Laufe der Lektüre, die nur wenige Tage, aber um so mehr Rückblenden und Reflexionen umspannt, gewinnt der Leser nach und nach den Überblick, indem er alle raffiniert konstruierten Erzählstränge zusammensetzt.

"Ich decke ja die Geschichte langsam selber auch auf beim Schreiben. Und dementsprechend folge ich auch der Technik des Erzählens, die ist natürlich von mir, aber sie gehört den Charakteren, das heißt ein Charakter hat eine Passage, er erzählt von sich, dann wechsele ich zum andern usw. und merke ich so, wie der Rhythmus entsteht, wie sie langsam mir alles entblößen. Ich find’s gar nicht kompliziert, ich finde es eher reizvoll, weil ich auch den Charakteren vertraue, dass sie ehrlich zu mir sind, was sie nicht immer sind, aber auf die höre ich."

Ohne eine zwischengeschaltete Parallelwelt spielt Zoran Drvenkar mit den unheimlichen, düsteren Ereignissen rund um die Engel und deren Widersacher, die gleich nebenan passieren könnten.

"Tatsache ist, ich mag Fantasyromane nicht. Ich wollte so gesehen, mir eine Realität heranholen, wo du wirklich als der Leser denkst, was wenn das wirklich möglich ist, was wenn es wirklich schon passiert ist und das gefällt mir einfach sehr. Darum auch was Mona hat, ihre Gabe so gesehen, dass sie Erinnerungen berühren kann, das ist etwas Abgedrehtes, aber warum nicht."

Bis zum Ende des ersten Bandes wird nicht deutlich, welche Kräfte nun die Oberhand gewinnen werden. Die entdeckten Engelsflügel jedenfalls verlängern, dem der sie berührt, das Leben. Doch geht es Zoran Drvenkar nur um die Angst vor dem Tod, die Unsterblichkeit oder eine eigene Weltdeutung?

"Ich glaube, ich schreibe nicht wirklich über Engel. Ein bisschen schreibe ich über uns als Menschen. Ich sehe ja noch eine Hoffnung für uns. Ich habe immer das Gefühl, irgendwas fehlt uns, irgendwas ist uns abhanden gekommen und das ist das Thema meiner Geschichte. Das was uns abhanden gekommen ist, sind meine Art von Engeln, irgendwas was die hatten und das wurde uns genommen und danach sehnen wir uns, das verlangen wir und dadurch suchen wir sich immer wieder."

Die Ausgangsidee für Zoran Drvenkars Roman entstammt übrigens einem Traum, der den Autor über Jahre nicht mehr losließ und den er aufschreiben wollte. Auch Beate Teresa Hanika träumte von einem gemeinsamen Projekt mit ihrer Schwester. Wie das paranormale Sujet der Engel dazu passen könnte, stellte sich erst später heraus.

"Ich glaube selber schon an Engel, also nicht an diese Putten, diese netten, süßen, sondern an Lichtwesen, die ihre schützende Hand da drüber halten, das einem nichts passiert. Wie oft ist es, dass man sich denkt, oje, mein Kind ist jetzt da runtergefallen, aber es ist nichts. Wie kann das möglich sein? Das war in meinem Leben schon ganz oft. Ich meine, da gibt es schon was, das zusätzlich aufpasst auf uns."

.... meint Beate Teresa Hanika. Sie hat mit ihrer Schwester Susanne zusammen unter dem Pseudonym Kristy und Tabita Lee Spencer eine umfangreiche fantastische Engelsgeschichte erdacht. "Dark Angels" heißt die Fantasy-Reihe. New Corbie ist der Ort der Handlung, eine spärlich bewohnte Wüstenstadt irgendwo in den USA. Hier liegt auch Whistling Wing, das Haus der verstorbenen Großmutter, in die die Schwestern Indie und Dawna vor ihrem 18. Geburtstag mit ihrer wankelmütigen, esoterisch erleuchteten Mutter zurückkehren. Jede Autorin schlüpft in eine Frauenfigur. Beate Teresa Hanika schreibt aus Dawnas Sicht und Susanne Hanika aus Indies Blickwinkel.

"Ich bin die Spaßfreie. Nein, die Dawna ist so eher die Ruhige und Besonnene. Das wird sich dann ändern im Laufe der Bände, aber jetzt am Anfang bin ich das.
Und die Indie dagegen ist eben so eine Aufmüpfige, die immer Wirbel reingebracht hat in die Familie und die nichts hinnimmt."

Der kritische Blick der Töchter, besonders der von Indie, auf das Leben der naiven Mutter ist durch Skepsis und Distanz geprägt. Im Mutter-Töchter-Verhältnis scheinen sich die Rollen zeitweilig umzudrehen.

Heraufbeschwören. Ein Lieblingswort meiner Mutter, dass ich genauso hasse wie das Wort "erleuchtet".
"Ich spüre es", sagt Mum mit ihrer Märchenerzählerstimme.
"Wir sind hier willkommen."
Was für ein Quatsch. Meine Mutter spürt andauernd Quatsch. Seit sie dieses Engelsseminar besucht hat, fühlt sie sich ständig erleuchtet. Dabei ist sie ungefähr so erleuchtet wie der Hackstock neben der Scheune.


"Wenn man so reale Probleme von Jugendlichen sieht, dann sieht man eigentlich fast immer, dass es die Eltern sind, die nicht helfen können. Die selber noch Kinder sind und ihrer Rolle nicht gewachsen sind. Das wollte ich hineinbringen, dass die Dawna viel zu viel Verantwortung hat schon in ihren jungen Jahren und eigentlich die Mutterrolle übernimmt und die Mutter sich zurückzieht. Ich glaub, das ist ein ganz reales Problem in vielen Familien. Leider."

Versucht die Mutter in ihrer abgehobenen, lichtdurchfluteten Welt mit ihrem Liebhaber und Guru Shantani gutgläubige Menschen mit ihrem Schutzengel per "channeln" in Kontakt zu bringen, so ahnt sie nicht, dass sich um sie herum bereits eine dunkle Schar von wahren Engeln der Finsternis verschworen hat.

Auf dem Boden sitzen bestimmt sechs oder sieben der riesenhaften düsteren Vögel. Sie wenden die Köpfe zu uns. Ihre Gesichter sehen irgendwie seltsam nackt aus, grau. Und ihre schwarzen Augen haben etwas Menschliches an sich. Einer der Vögel hebt beide Schwingen, als er uns sieht, und öffnet den Schnabel, aber er schreit nicht.

Nur Indie und Dawna begreifen den Ernst der Situation. Sie erinnern sich gemeinsam an all die Rituale ihrer Kindheit und die Gespräche, die sie mit ihrer Großmutter geführt haben. Viel zu spät erkennen die beiden das jahrhundertealte Geheimnis der Frauen in ihrer Familie und die Forderungen, die an sie gestellt werden. Sie sind die Hüterinnen des Lichts und des Engelstores. Sie müssen verhindern, dass die Engel der Finsternis, mit ihnen auch Azrael also Satan, auf die Erde gelangen.

" Ich glaube, dass das Engelstor die eigene dunkle Seite ist, eben dieser Kampfpunkt, an dem man immer wieder steht, wenn man gegen Süchte und Ängste und das alles ankämpft. Und wo man sich leider immer wieder stellen muss und es immer wieder aufbricht und man muss es immer wieder schließen. Irgendwann kommt man dann zu dem Punkt, ich zumindest, dass man sich damit versöhnen muss. Das wird auch in dem Buch irgendwann der Ausgang sein, dass es keinen Kampf gibt, sondern eine Versöhnung quasi mit dem Bösen in sich selbst und das ist für mich das große Symbol das dahintersteckt."

Als Hüterinnen des Engelstores vernichten die jungen Frauen eine ganze Reihe der schwarzen, grausigen Vögel, aber sie lassen sieben entkommen, da Gabe sich Indie in den Weg stellt und verunsichert. Zum Schicksal der Hüterinnen gehört, dass sie sich nicht verlieben dürfen. Natürlich ist Indie von dem ausgesprochen anziehenden Gabe fasziniert. Er ist ihr Schutzengel, der nun auf die dunkle Seite gezogen wurde. Dawna entdeckt ihre Gefühle für Miley, einen Jungen, den sie schon aus Kinderzeiten kennt.

Arbeiten die Autorinnen im ersten Teil äußerst langatmig am Aufbau der unheilvollen, vom Sommer noch aufgeheizten Spannung, den Figurenkonstellationen und der Hintergrundgeschichte von Whistling Wing, so konzentrieren sie sich im zweiten Teil mit mehr Action auf die Suche nach Miley. Ohne es zu ahnen, hatte Indie den Freund ihrer Schwester den dunklen Mächten ausgeliefert. Dawna scheint nun erpressbar, denn mit ihrer Hilfe und Mileys Seele soll das Tor geöffnet werden. Auf die Suche nach Miley begeben sich auch die finsteren Engel, die sich nun vermenschlicht haben und auf Motorrädern fortbewegen. Wie in einem klassischen Western stehen sich am Ende die verfeindeten Gruppen auf der verstaubten Straße gegenüber.

Beate Teresa und Susanne Hanika erfinden den Fantasyroman nicht neu, verweben altbewährte Stilmittel des Genres und bauen mit Initiationsriten, Schutzbannen und verborgenen Zeichen auch eine archaische Bedeutungsebene ein, die schlüssig wirkt. Natürlich darf die romantische Liebe mit all ihren Höhen und Tiefen nicht fehlen, dabei schrammen sie allerdings heftig am Kitsch entlang. Und doch finden die Hanika-Schwestern für ihre Entwicklungsgeschichte zwischen Gut und Böse eine atmosphärisch stimmige Szenerie und einen eigenen, auch psychologisch fundierten, modernen Erzählton.

"An dem Buch sind uns am wichtigsten, die Frauenfiguren. Dass es starke Frauen sind, die ihren eigenen Weg gehen, die sich nicht von Männern unterjochen lassen, die keinen Prinz brauchen, der sie errettet, um glücklich zu sein, die ihr Leben in die Hand nehmen und das Selbstbewusstsein haben dass sie hinter ihren Taten und allem stehen können. Und das wollen wir den Mädchen mitgeben, auf ihrem Weg."

Die Figur des Engels entführt den Leser in allen Romanen ohne biblische Reminiszenzen aus seinem Alltagsdenken. Die Gestalt des Engels steht als Metapher, um die hintergründigen Dimensionen des menschlichen Daseins offenzulegen. Ob nun über Schutzengel, gefallene Engel oder neu erschaffene Engel geschrieben wird, hinter allen Geschichten versteckt sich die unaufdringliche Botschaft, wir wissen nicht alles über unser Leben, auch wenn wir das glauben.

Bücherliste:
Zoran Drvenkar: Der letzte Engel
cbj, München 2012,
432 Seiten, Euro 16,99,
978-3-570-15459-5,
Lesung: Martin Baltscheit,
mp3, 700 Minuten, cbj audio, 978-3-837-11708-0

Kristy Spencer, Tabita Lee Spencer: Dark Angels Sommer – Das Versprechen
Arena Verlag, Würzburg 2012,
488 Seiten, Euro 18,99,
978-3-401-06784-1,

ebd: Dark Angels Fall – Die Versuchung
Arena Verlag, Würzburg 2012,
482 Seiten, Euro 18,99,
978-3-401-06785-8

Sharon Creech: Wie Zola dem Engel half
Aus dem Amerikanischen von Adelheid Zöfel
Fischer Schatzinsel Verlag, Frankfurt a.M. 2012,
160 Seiten, Euro 12,95,
978-3-596-85429-5

Sylvia Heinlein: Ein Schutzengel aus heiterem Himmel
Sauerländer, Bibliographisches Institut GmbH, Mannheim 2012,
122 Seiten, Euro 12,99,
ISBN 978-3-7941-6173-7

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