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StartseiteBüchermarktSirren der Kampfdrohnen während des Gaza-Kriegs25.04.2016

Atef Abu Seif: "Frühstück mit der Drohne"Sirren der Kampfdrohnen während des Gaza-Kriegs

Der promovierte Politik- und Sozialwissenschaftler Atef Abu Saif lebt im Gazastreifen. Seine Tagebuchaufzeichnungen zum 51 Tage dauernden Krieg im Gazastreifen im Juli 2014 wurden weltweit veröffentlicht. Nun sind die eindrücklichen Beobachtungen unter dem Titel "Frühstück mit der Drohne" als Buch erschienen.

Von Ralph Gerstenberg

Qualm über Gaza nach einem israelischen Angriff am 9. Juli 2014 (dpa / picture-alliance / Mohammed Saber)
Qualm über Gaza nach einem israelischen Angriff am 9. Juli 2014 (dpa / picture-alliance / Mohammed Saber)
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51 Tage dauerte der Krieg im Gazastreifen, der am 7. Juli 2014 begann. 51 Tage, von denen Atef Abu Saif jeden einzelnen in seinem Tagebuch festhielt. Ein Akt des Überlebens, für den der palästinensische Schriftsteller und fünffache Familienvater sein Leben riskierte. Im Nachhinein bezeichnet er es als töricht, täglich das Internetcafé aufgesucht und sich der Todesgefahr ausgesetzt zu haben, um dieses Buch zu schreiben. Doch er wollte festhalten, was um ihn herum geschah, Zeugnis ablegen von Angst und Bedrohung, von Hoffnung und Solidarität, vom Leben "im Takt von Trommeln und Bomben" und dem immerwährenden Sirren der Drohnen.

"Unser Schicksal liegt in den Händen eines Drohnenpiloten, der irgendwo jenseits der israelischen Grenze in einem Militärstützpunkt sitzt. Dieser Pilot blickt auf Gaza wie ein freches Kind auf ein Computerspiel. Er drückt eine Taste und vernichtet einen Straßenzug. Ich stelle es mir sehr unterhaltsam für die Soldaten vor, uns auf ihren Bildschirmen zu beobachten. Bestimmt losen sie oft aus, wer als Erster schießen darf."

Galgenhumor als Reaktion auf den Ausnahmezustand, der seit Kriegsausbruch das Leben im Gazastreifen bestimmt. Beim Barbier unterhalten sich die Männer darüber, ob es zu riskant sei, eine Shisha zu rauchen, weil Drohnen auf Hitzequellen reagierten. Ein Kaffee und ein Frühstück am Morgen, der Einkauf von Lebensmitteln, die Spiele der Kinder, die nicht mehr auf die Straße dürfen, jeder Versuch, Alltägliches aufrecht zu erhalten, erfordert Improvisationstalent und unfassbare Anstrengungen.

Bemühung um Normalität auch im Krieg

Dennoch bemühen sich die Menschen um Normalität, als wollten sie ihr gewohntes Leben, ihre Kultur, ihre Identität gegen die Angriffe von außen verteidigen. Jede Feuerpause wird zum Durchatmen genutzt. Atef Abu Saif notiert in seinem Tagebuch:

"Trotz des Tötens, der Zerstörung, der Vermissten, der Flüchtlinge, der Tränen, Wunden und Leiden – in dieser zwölfstündigen Feuerpause sehe ich Gaza wieder in gewohntem Licht. Tausende Menschen sind auf den Straßen, die Essen kaufen, sich von einem Ort zum anderen bewegen, die Läden sind geöffnet, Kinder spielen. Eine Stadt, die für einige friedliche Augenblicke übersprudelt. Die Feuerpause geht zu Ende. Die Panzergranaten wummern schon wieder, füllen die Luft mit Angst."

"Frühstück mit der Drohne" wirkt vor allem so unmittelbar, weil Atef Abu Saif auf Schuldzuweisungen verzichtet, ebenso auf Erläuterungen und Interpretationen der politischen Hintergründe des Krieges. Die Schilderungen des Geschehens sprechen für sich. Bei jedem Angriff mit Todesopfern notiert Abu Saif die Namen und das Alter der Opfer, soweit diese sich ermitteln lassen. Es geht ihm darum, die schrecklichen Ereignisse und die Menschen, die dabei ihr Leben verloren haben, nicht auf Zahlen reduzieren zu lassen, die in Statistiken eingehen und im Lauftext der Nachrichtensender über die Bildschirme gejagt werden. Zahlen, die nichts aussagen über Schicksale und Lebenszusammenhänge, aus denen Menschen gerissen werden.

"Eine Zahl möchte ich nicht sein, ein Stück Nachrichten, ein Name auf der Zunge einer hübschen Moderatorin, die ungeduldig darauf wartet, dass die langweiligen Neuigkeiten aus Gaza endlich zu Ende sind. Mein Nachbar Ahmad aus dem Al-Nada-Hochhaus wollte auch keine Zahl sein, als er beim Versuch, seine Familie zu retten, ums Leben kam. Keiner der Toten und Verletzten möchte das. Und niemals wird irgendjemand nach den Geschichten hinter diesen Zahlen fragen. Niemand wird die Schönheit dieser Leben entdecken, eine Schönheit, die mit jedem Angriff verblasst, hinter dem dicken, hässlichen Vorhang der Zahlen verschwindet."

Der allgegenwärtige Tod

Von dieser Schönheit erzählt Atef Abu Saif, von der Schönheit, die der Tod dem Leben entreißt, wie es im Buch heißt. Der Tod, der im dicht besiedelten Gazastreifen in jenen Tagen allgegenwärtig ist. Atef Abu Saif hilft den Rettungskräften beim Transport der Verletzten und beim Bergen der Leichen. Er ist dabei, wenn zerfetzte Körperteile aus Schuttbergen gezogen werden, während der nächste Bombenangriff bereits begonnen hat und es schon wieder darum geht, dem Tod zu entkommen.

"Der Tod verfolgt uns. Ich kann seine Schritte hinter mir hören, seinen Herzschlag spüren. Während ich weiter renne, werfe ich einen Blick zurück. Ich sehe ihn, ich schwöre es, ich kann ihn sehen. Seine Blässe in den jungen Gesichtern hinter mir. Noch eine Explosion. Frauen rennen genauso schnell wie ich, sie halten ihre Tücher fest, ziehen die Kinder hinter sich her, die angefangen haben zu weinen. Der Tod hat lange Arme wie ein Drache. Er braucht sie nur auszustrecken und dich zu schnappen, egal, wo du bist."

Bereits 2020, warnt ein UN-Report, könne der Gazastreifen unbewohnbar sein. Kriege, eine zerstörte Infrastruktur und eine desolate Wirtschaft hätten bereits jetzt eine Rekordarbeitslosigkeit von 44 Prozent zur Folge. Zudem führe die Blockadepolitik von Israel und Ägypten dazu, dass immer größere Teile des abgeriegelten Küstenstreifens nicht wieder aufgebaut werden könnten. Allein in den 51 Tagen, die Atef Abu Saif in seinem Buch dokumentiert, wurden 19.000 Wohnungen, knapp 250 Fabriken und Werkstätten sowie 300 Geschäfte zerstört. Tausende Bewohner leben noch immer in Notunterkünften.

Atef Abu Saif beschreibt das Aufatmen nach dem Ende der Bombardements und das Wissen darum, dass der nächste Krieg bereits vor der Tür steht. Deshalb sei die Lebensfreude der knapp zwei Millionen Menschen im Gazastreifen so intensiv, ihre Hoffnung auf eine Zukunft so unzerstörbar, meint Atef Abu Saif. Denn ohne Hoffnung hätte man in Gaza keine Überlebenschance.

Mit seinem Buch "Frühstück mit der Drohne" gelingt ihm ein eindringliches Zeugnis von menschlichem Leid und Überlebenswillen. Seine Aufzeichnungen sind literarische Momentaufnahmen, die das Leben der Menschen jenseits der Pressemeldungen zeigen, den Alltag in Zeiten des Krieges.

Buchinfos:
Atef Abu Saif: "Frühstück mit der Drohne. Tagebuch aus Gaza", aus dem Englischen von Marianne Bohm, Unionsverlag, 256 Seiten, Preis: 19,95 Euro

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