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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDas exzentrische Universalgenie 15.03.2015

Athanasius KircherDas exzentrische Universalgenie

Rezension zu John Glassie: "Der letzte Mann, der alles wusste"

Als den letzten Mann, der alles wusste, bezeichnet der Autor John Glassie Athanasius Kircher in seinem gleichnamigen Buch. Der Jesuit Kircher lebte im krisengeschüttelten 17. Jahrhundert und interessierte sich offenbar für restlos alles.

Von Dagmar Röhrlich

(imago / United Archives)
Eine Illustration von Athanasius Kircher über die chinesische Methode des Mono-Print. (imago / United Archives)

Er zählt wohl zu den bizarrsten Menschen, die je gelebt haben: Athanasius Kircher - ein Jesuit, der im krisengeschüttelten 17. Jahrhundert lebte und möglicherweise der letzte Mensch war, der alles wusste. So nennt ihn jedenfalls John Glassie in der Überschrift seiner Biografie dieses schillernden Mannes.

Zu Zeiten seines größten Ruhms galt Athanasius Kircher als Genie, als populärster Gelehrter der Welt. Aber er musste auch seinen Niedergang miterleben, wie er als Scharlatan abgestempelt wurde. Sein Leben, es war filmreif. 1602 in Deutschland geboren, gelangte Athanasius Kircher während des Dreißigjährigen Krieges auf sehr abenteuerlichen Pfaden nach Rom. Dort machte er als Gelehrter Karriere. Getrieben davon, die Welt aus einigen wenigen Prinzipien heraus verstehen zu wollen, gab es nichts, was ihn nicht interessierte. Kircher übernahm die experimentellen Methoden der modernen Wissenschaft, die sich damals entwickelte und nutzte sie auf seine eigene, sehr spezielle Weise. So "bewies" er die Spontanzeugung, verkaufte sogar Rezepturen, mit welchen Mischungen man welches Getier ins Leben rufen könnte. Andererseits untersucht er als einer der ersten Krankheiten mit dem Mikroskop. Er identifiziert Mikroorganismen – "Würmchen" – als Pesterreger und schlägt schützende Hygienemaßnahmen vor.

Für seine Wissenschaft war Athanasius Kircher selbst zu den lebensgefährlichen Abenteuern bereit. So ließ er sich in einen Krater des Vesuv hinab, weil er Vulkane erforschen wollte. Er war fleißig, schrieb eine 916 Seiten starke Abhandlung über sein Lieblingsthema, den Magnetismus und bizarre Bücher über Hieroglyphen, China und was ihm sonst noch in den Sinn kam. Berühmt war sein Kuriositätenkabinett. Es steckte voller "Wunder", und der Höhepunkt war wohl die Christusfigur, die über das Wasser laufen konnte.

Nachdem er über Jahrhunderte in Vergessenheit geraten war, wird Athanasius Kircher seit einigen Jahren neu entdeckt: Immer wieder erscheinen Biografien über diesen exzentrischen Gelehrten aus dem 17. Jahrhundert. "Der letzte Mann, der alles wusste" ist ein amüsant geschriebenes Buch, auch wenn Autor John Glassie leider zu sehr betont, wo sich sein Held überall irrte. Auch die Person bleibt zu flach. Wer sich deswegen fragt, warum er denn eine Biografie über Kircher lesen sollte, dem sei gesagt, dass dieser Mensch von mitreißender Neugier war, voller Intuition und Fantasie, ein begnadeter Netzwerker und sicherlich ein enervierender Splitter im Fleisch der frühen Wissenschaftler - auf seine Weise ein Genie und tragisch in seinem Scheitern. Genau das macht ihn bis heute hin so interessant, und es ist ein guter Grund, sich mit ihm und seiner Zeit zu beschäftigen.

John Glassie: "Der letzte Mann, der alles wusste: Das Leben des exzentrischen Genies Athanasius Kircher"
Übersetzung: Bernhard Kleinschmidt
Berlin Verlag, 352 Seiten, 24.99 Euro
ISBN-13: 978-3827011732

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