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StartseiteSport am Wochenende"Würde ohne Impfung nicht nach Tokio fahren"13.03.2021

Athletensprecherin Manuela Schmermund"Würde ohne Impfung nicht nach Tokio fahren"

Para-Athletinnen und -Athleten seien bei einer möglichen Impf-Priorisierung "schlichtweg vergessen worden", sagte Para-Sportlerin und Athletensprecherin Manuela Schmermund im Dlf. Auf den von IOC-Präsident Thomas Bach ins Spiel gebrachten chinesischen Impfstoff wolle sie ohne EU-Zulassung nicht zurückgreifen.

Manuela Schmermund im Gespräch mit Raphael Späth

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Sportschützin Manuela Schmermund in Rio 2016 bei den Paralympics (Kay Nietfeld/dpa)
Sportschützin Manuela Schmermund in Rio 2016 bei den Paralympics (Kay Nietfeld/dpa)
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Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympische Komitees (IOC), hat angeboten, Impfstoff gegen das Coronavirus in China zu kaufen und allen Olympia-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern zur Verfügung zu stellen. "Grundsätzlich begrüße ich das, dass sich das IOC dem Thema so intensiv widmet und dass China an der Stelle an Lösungen interessiert ist", sagte Para-Athletin und Vize-Präsidentin von "Athleten Deutschland", Manuela Schmermund, im Dlf.

Zwar sei das Thema für die deutschen Athletinnen und Athleten nicht so akut, da der Impfstoff in Europa noch nicht zugelassen sei, jedoch könne der Vorstoß des IOC zu mehr Chancengleichheit führen, so Schmermund. "Weil es ja noch Länder gibt, die gar keinen Zugang zu Impfstoffen haben. Das gehört meiner Auffassung nach zum Rahmen der Solidarität." Die Pandemie habe weltweit einen großen Einfluss auf das Leben und Sterben der Menschen, so Schmermund. Da sei es "gut, dass es Akteure gibt, die versuchen, Lösungen zu platzieren."

Para-Sportlerinnen und -Sportler "schlichtweg vergessen"

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hatte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zudem eine mögliche vorzeitige Impfung der deutschen Olympia-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer angesprochen, sollte in Deutschland genügend Impfstoff vorhanden sein. Das sei eine "Gewissensfrage", so Schmermund.

Als Para-Athletin zählt die Sportschützin nicht zu einer Priorisierungsgruppe und könnte sich eigentlich nicht vorzeitig impfen lassen. Das liege aber auch daran, dass die Politik Para-Sportlerinnen und Sportler "schlichtweg vergessen" habe. "Das ist genauso vergessen worden wie Menschen mit Behinderung, die nicht in einer Einrichtung leben und trotz allem zusätzliche Erkrankungen haben." Schmermund gehe es dabei nicht darum, bevorzugt geimpft zu werden, sondern überhaupt berücksichtigt zu werden. "Es gibt jede Menge Menschen, die auch mit Einschränkungen zu Hause selbstbestimmt leben und berufstätig sind, wo aber durch die Einschränkungen weitere Krankheiten einhergehen, die einfach auf die Liste gehören. Und wir wurden meiner Auffassung nach schlichtweg vergessen."

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Für Schmermund ist jedoch klar, dass sie sich ohne Impfstoff in Tokio nicht sicher fühlen würde. "Wenn ich als Athletin für Tokio qualifiziert wäre, würde ich nicht ohne eine Impfung dorthin reisen." Ohne eine Zulassung in Deutschland würde die 49-Jährige auch nicht auf den chinesischen Impfstoff zurückgreifen, sagte sie.

"Keine Agenda aufsetzen, an der man sich nicht messen lassen kann"

Neben dem Thema Impfstoff hat das IOC auch den von Bach forcierten Reformplan verabschiedet. Laut der "Agenda 2020 + 5" will das IOC unter anderem auch die Rechte der Athleten stärken. "Grundsätzlich beinhaltet dieses Papier viele wichtige Aspekte, die wir auch begrüßen. Aber entscheidend ist natürlich, was am Ende dabei herauskommt und wie es umgesetzt wird", sagte Athletensprecherin Schmermund. Die für "Athleten Deutschland" wichtigen Punkte seien die nachhaltige Organisation der Spiele, die Governance-Strukturen und die Athletenrechte. "Es steht aber nur drin, dass die gestärkt werden sollen. Das ist uns ein bisschen zu wenig. Das muss mit messbaren Plänen und Aussagen unterlegt werden. Man kann nicht einfach eine Agenda aufsetzen, an der man sich nicht messen lassen kann."

Auch das Thema Menschenrechte soll laut IOC in den Vordergrund gerückt werden. Dann dürften die Spiele nur noch in Länder vergeben werden, die sich an die UN-Menschenrechtskonvention halten, so Schmermund. "Die FIFA hat es ja auch schon angenommen. Dass das grundsätzlich nicht immer so läuft, sieht man bei der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft und der erneuten Vergabe der Spiele an China. Da müssen noch stärker die Themen der Diskriminierung, der Meinungsfreiheit und der Gleichstellung beachtet werden. Und auch genau daran wird man sich messen lassen müssen."

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Die Tatsache, dass sich die Argumente des IOC in der Thematik seit den Sommerspielen 2008 nicht verändert haben, schüre in Schmermund die Angst, dass auch die neuen Reformen nicht konsequent umgesetzt werden. "Ich denke, es geht nur, wenn Nationen und Athleten und Verbände Druck ausüben."

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