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StartseiteHintergrundAtome für den Frieden10.12.2005

Atome für den Frieden

Zur Verleihung des Friedensnobelpreises an die IAEO

8. Dezember 1953. Vollversammlung der Vereinten Nationen. US-Präsident Dwight D. Eisenhower spricht über die wachsende Gefahr der nuklearen Rüstung. Die USA haben seit den ersten und einzigen Atomwaffen-Einsätzen in Hiroshima und Nagasaki, die die ganze Welt schockierten, zahlreiche weitere Atomtests gemacht. Aber, so Eisenhower "das furchtbare Geheimnis und die fürchterlichen Maschinen der atomaren Macht gehören nicht mehr uns allein".

Von Eberhard Nembach

Mohamed El Baradei, Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (AP)
Mohamed El Baradei, Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (AP)
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IAEA (Internationale Atomenergie Agentur)

Auch die Sowjetunion teste Atomwaffen, die Bedrohung gelte der gesamten Menschheit. So macht Eisenhower mitten im beginnenden Kalten Krieg einen Friedens-Vorschlag: "Die hauptsächlich betroffenen Staaten sollten im Rahmen der gebotenen Vorsicht beginnen, gemeinschaftlich aus ihren Vorräten an Uran und spaltbarem Material Beiträge an eine internationale Atomenergie-Agentur zu leisten."

"Die Vereinigten Staaten wären nicht nur bereit sondern sogar stolz, mit anderen hauptsächlich betroffenen Staaten die Entwicklung von Plänen zu beginnen, mit denen die friedliche Nutzung der Kernenergie gefördert würde."

Zu den "hauptsächlich beteiligten" Staaten müsse natürlich die Sowjetunion gehören, so Eisenhower. Zunächst bekam das Projekt den Titel "Atoms for Peace"/"Atome für den Frieden". Ab 1957 schließlich begann die IAEA ihre Arbeit, die International Atomic Energy Agency, zu Deutsch "Internationale Atomenergie-Organisation", IAEO. Da sich die Verbreitung des Wissens um die Technologie der Kernspaltung schon nicht aufzuhalten ließ, sollte die IAEO wenigstens dafür sorgen, dass die Atomkraft friedlich genutzt wird. Es war ein "Deal", ein Angebot an alle Staaten der Welt, erklärt IAEO-Sprecherin Melissa Fleming.

Immer mehr Staaten traten der IAEO bei, inzwischen sind es 138, und die neueste Bewerbung liegt schon auf dem Tisch – sie kommt vom kleinen mittelamerikanischen Staat Belize. Noch immer spielen aber die "Big Five" die zentrale Rolle, die "großen Fünf" – jene Staaten, die nach dem Atomwaffen-Sperrvertrag von 1968 offiziell Atomwaffen besitzen dürfen: Die USA, Russland, Frankreich, Großbritannien und China – das sind auch die Veto-Mächte im UN-Sicherheitsrat. Sie haben damit ohnehin das Sagen in der IAEO, die eine Unterbehörde der UNO ist.

Mehr als 50 Jahre sind seit der Initiative von US-Präsident Eisenhower vergangen. Die atomare Rüstung ist weitergegangen, vor allem sind weitere Atommächte dazugekommen – Israel, Indien und Pakistan haben den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet und besitzen Atomwaffen. Nordkorea, das nach eigenen Angaben auch bereits Atomwaffen hat, erklärte den Austritt aus dem Bünsnis und warf die IAEO-Inspektoren aus dem Land. Die Bilanz ist also gemischt, erklärte der gegenwärtige IAEO-Generaldirektor und Friedensnobelpreisträger Mohammed El Baradei, anlässlich des 50-jährigen Jubliäums der "Atoms for Peace"-Initiative gegenüber dem ARD-Studio Wien. Es gebe keinen Anlass, sich zufrieden zurückzulehnen.

"Solange es acht bis neun Staaten gibt, die Atomwaffen haben; solange, wie wir keine drastischen Reduktionen sehen, und uns zu einer Eliminierung von Atomwaffen hinbewegen; solange wir ein Umfeld haben, in dem Atomwaffen als attraktiv angesehen werden zur Abschreckung und zum möglichen Einsatz: Wenn wir etwa sehen, dass die USA über die Entwicklung von Mini-Atomwaffen sprechen mit niedrigerer Wirkung, die in den Boden eindringen – solange sendet man nicht die richtige Botschaft. Man sendet die Botschaft: Atomwaffen sind nicht gut für Euch, aber sie sind immer noch wichtig für uns. Das kann man auf Dauer nicht aufrechterhalten."

Der "Deal", den Eisenhower vor gut 50 Jahren vorschlug, war vielleicht einfach zu erfolgreich: Mit der rasenden Verbreitung der Atomenergie über die ganze Welt hatte niemand gerechnet. Heute gibt es zahlreiche Staaten, die das Know-how und die Technologie für vollständigen Brennstoffkreislauf haben, die also selbst auch hoch angereichertes Uran und Plutonium produzieren könnten, das theoretisch auch für Waffen verwendbar ist. Deutschland gehört dazu oder auch Japan – das Land, das seit den Erfahrungen von Hiroshima und Nagasaki zu den vehementesten Atomwaffen-Gegnern gehört, andererseits aber stark auf die friedliche Nutzung der Atomenergie setzt. Deutschland und Japan haben wie viele andere Länder auch ein Abkommen mit der IAEO, dass regelmäßige Besuche von Inspektoren vorsieht.

Bevor die Inspektoren auf ihre Reisen durch die ganze Welt starten können, muss erst einmal sorgfältige Vorarbeit geleistet werden, zum Beispiel in den Labors der IAEO, südlich von Wien in Seibersdorf. Da steht inmitten von Feldern und mit Blick auf die letzten Ausläufer der Alpen ein Forschungszentrum. In einigen der flachen Zweckbauten sind die High-Tech-Anlagen der IAEO untergebracht, graue und weiße Technik-Ungetüme, Trennscheiben, Sicherheitstüren, hier werden zum Beispiel die Untersuchungs-Sets für die Inspektoren vorbereitet werden – das sind Wischtücher, mit denen Umgebungsroben in verdächtigen Anlagen genommen werden, die müssen erst einmal klinisch rein gemacht werden, im so genannten clean-lab, dem Reinraum – da kommt man so leicht nicht rein, erklärt der deutsche Chemiker Stefan Vogt. Wenn die Inspektoren die Wischtücher dann über die Wand eines verdächtigen Gebäudes gezogen haben, wird es anschließend hier in Seibersdorf oder in einem der Partnerlabors, die über die ganze Welt verstreut sind untersucht. Solche Wischtücher brachten die Inspektoren zum Beispiel aus dem Irak mit – wäre da auch nur ein Stäubchen etwa von hoch angereichertem Uran oder gar Plutonium gefunden worden, hätte das weltpolitische Folgen gehabt. Auch das nichts dergleichen gefunden wurde war ja ein Ergebnis, das die Welt beschäftigte – kein Wunder, dass hier so sorgfältig gearbeitet wird. Die Wischtücher sind übrigens unbestechlich – wenn irgendwo zu irgendeiner Zeit mal mit atomaren Material gearbeitet wurde, dann kann keine Putzfrau der Welt die Spuren in der Umgebung so restlos beseitigen, dass die Inspektoren mit ihren Tüchern nicht doch noch was finden.

Chemiker, Ingenieure, Techniker, Juristen – die IAEO hat fast 2300 Mitarbeiter in aller Welt, die IAEO bekommt pro Jahr rund 300 Millionen Euro an freiwilligen Beiträgen und regulärem Budget. Die Arbeit der Behörde und ihrer Mitarbeiter ist wichtig, das zeigt nicht zuletzt der Friedensnobelpreis. Zu den wichtigsten Mitarbeitern gehören natürlich die Inspektoren. Sie tragen eine große Verantwortung. Eine der Erfahrensten von ihnen ist Raffaelina Ianiri, eine Nuklear-Ingenieurin aus Italien. Gerade ist sie von einer Inspektionsreise aus Japan zurück, sie erklärt wie das abläuft.

"Die IAEO ist keine Polizei, sondern ein politisches Instrument. Und die Menschen, die hier arbeiten, sind Techniker, keine Polizisten oder Soldaten.(…) Der Betreiber eines Kraftwerks übergibt uns einen Bericht, in dem alle Aktivitäten seit der letzten Inspektion deklariert sind, vor allem Transfers und Bewegungen von atomarem Material innerhalb der Anlage. Dann die Inventarliste, also das Verzeichnis dessen, was sich im Augenblick in der Anlage befindet. Dann checkt der Inspektor die Bücher und prüft, ob alle Angaben übereinstimmen. Wenn es einen Transport von atomarem Material gegeben hat, dann muss es Frachtpapiere geben und eine Empfangsbestätigung des Empfängers. Dann geht der Inspektor in die Anlage und überprüft, wo welche atomaren Materialen sind. Wir messen das dann auch mit unseren Instrumenten nach. Es gibt dabei natürlich Materialien, die sensibler sind als andere. Um Bomben zu bauen, ist Plutonium viel effektiver als abgereichertes Uran, also muss man das Plutonium auch viel genauer beobachten."(…) Dann achtet die IAEO natürlich auch darauf, was mit dem Know-how passiert. Wenn zum Beispiel eine Universität Forschungen betreibt, die für Kernkraftwerke eigentlich nicht nötig sind, dann kann das verdächtig sein. "

In Ländern wie Japan oder Deutschland laufen die Kontrollen relativ reibungslos ab. Raffaelina Ianiri war aber auch schon in Staaten, wo die Funktionäre der Atomindustrie ihr deutlich weniger freundlich begegneten.

"Ein bisschen feindselig war die Stimmung vor allem in Nordkorea. Das ist ein seltsames Land. Für mich ist es unglaublich, dass ein solches Land im Jahr 2005 noch existieren kann, mit solchen Lebensbedingungen. Uns war zwar kein Kontakt mit den Menschen dort erlaubt. Aber wenn man durch die Dörfer fährt, sieht man, unter welchen Bedingungen sie leben. "

Raffaelina Ianiri ist Ingenieurin, sie hat Nukleartechnik studiert. In Italien hatte sie damit keine guten Job-Aussichten. Nach dem GAU von Tschernobyl hat sich Italien komplett von der Atomenergie verabschiedet. Tschernobyl war ein Einschnitt, auch in der Geschichte der IAEO, die damals noch von Hans Blix geführt wurde – die Atomenergie geriet unter Druck. Die Ängste vor den Gefahren der Atomkraft, die auch in Deutschland verbreitet sind, versteht Rafaelina nicht. Die Standards der westlichen Reaktoren seien doch überhaupt nicht vergleichbar mit denen mancher osteuropäischer Anlagen. Bis heute hat die IAEO zwei Aufgaben, von denen in der Öffentlichkeit aber meistens nur eine wahrgenommen wird. Das sind die Kontrollen, die Überwachung der friedlichen Nutzung der Kernenergie, die Schutz bieten vor möglichem Missbrauch bieten und die weitere Verbreitung von Atomwaffen verhindern sollen. Gleichzeitig ist es aber immer noch Aufgabe der IAEO, die friedliche Nutzung nuklearer Technologien aktiv zu verbreiten, auch wenn große Teile der europäischen und besonders der deutschen Öffentlichkeit solchen Technologien kritisch gegenüberstehen.

Die IAEO bildet Nukleartechniker aus Entwicklungsländern aus, dabei geht es vorwiegend natürlich immer um Atomkraftwerke, also Stromerzeugung. Es gibt aber noch viel mehr Anwendungen – Krebstherapie etwa. Die IAEO entwickelt Strahlentherapien, die auch für Krebspatienten in armen Ländern bezahlbar sein sollen. IAEO-Ingenieure haben ein Verfahren zur Ausrottung der gefährlichen Tsetse-Fliege entwickelt, das weit weniger schädlich ist, als die sonst übliche chemische Keule. Nukleartechniken werden etwa zur Wasserkontrolle genutzt oder zur Analyse von Mangelernährung in Entwicklungsländern.

Es gibt Experimente, nukleare Techniken für das Aufspüren von Landminen zu nutzen. Die IAEO hat eine ganze Abteilung, die sich nur mit solchen Forschungen und Weitergabe der Ergebnisse beschäftigt. Chef dieser Abteilung für "Nuclear Sciences and Applications" ist der Wissenschatler Professor Werner Burkart, ein Schweizer. Professor Burkart hat eine Bananenpflanze neben der Bücherwand in seinem Arbeitszimmer stehen, das ist eine seiner Züchtungen. Seit Jahrzehnten arbeiten die IAEO-Wissenschaftler auch an landwirtschaftlichen Entwicklungen, sie haben zum Beispiel einen Reis entwickelt, der auch in stark salzhaltigem Wasser gut gedeiht, das hilft armen Bauern in Südostasien. Professor Burkart erklärt, wie diese Reissorte entwickelt wurde.

Das Preisgeld, das die IAEO vom Nobelpreiskomitee bekommt, soll auch in den Bereich von Professor Burkart fließen, gut eine halbe Million Euro, die für die Ausbildung von Technikern aus Dritte-Welt-Staaten ausgegeben werden sollen, dabei geht es vor allem um Krebsbehandlung und die Bekämpfung von Mangelernährung bei Kindern. Diese Angebote der IAEO nutzen viele Staaten. In den meisten Ländern funktioniert so das alte Prinzip, der "Atome für den Frieden" – Unterstützung bei der friedlichen Nutzung, Weitergabe nuklearer Techniken auf der einen Seite – im Gegenzug Verzicht auf atomare Rüstung. Inzwischen gibt es aber Staaten, die das nicht mehr mitmachen, das ist eine neue Herausforderung. Gleich mehrere undemokratische und eigentlich arme Länder mit einer zum Teil aggressiven Politik bauten in den letzten Jahrzehnten hoch entwickelte Atomprogramme auf – Nordkorea, Irak, Iran. Im Fall Irak hat die Arbeit der IAEO nach Meinung vor allem europäischer Beobachter dazu beigetragen, das Regime von Saddam Hussein zum Einlenken zu bewegen, die Inspektoren konnten 2002 keine Nachweise mehr für ein illegales atomares Waffenprogramm finden, das es in früheren Jahren mit Sicherheit gegeben hatte. Inspektorin Raffaelina Ianiri erinnert sich an ihre Kontrollbesuche im Irak

"Ich war zweimal dort, zu unterschiedlichen Zeiten, 1998 und 2002. Da gab es einen großen Unterschied. 2002 war die Kooperation der Iraker viel besser. 1998 waren sie in einigen Situationen doch sehr feindselig gewesen. "

Damals stemmte sich IAEO-Chef Baradei gegen den Druck der US-Regierung unter George Bush Jr., diese konsequente Haltung hat ihn für viele zum Nobelpreiskandidaten gemacht. Tatsächlich konnten die USA ihre Behauptungen, Saddam Hussein habe Atomwaffen entwickelt, bis heute nicht belegen. Die Erfahrungen aus vergangenen Jahrzehnten, in denen tatsächlich auch im Iran Atom-Aktivitäten unternommen wurde, die die IAEO nicht bemerkte, haben zu einer Schärfung der Instrumente geführt. Viele Staaten unterzeichneten auf Druck vor allem von IAEO-Chef Baradei so genannte Zusatzprotokolle zum Atomwaffen-Sperrvertrag, die schärfere Kontrollen erlauben. Inspektorin Raffaelina Ianiri erlebt das mit ihren Teams in der täglichen Arbeit.

"Nach dem Atomwaffen-Sperrvertrag dürfen Inspektoren nur genau das überprüfen, was deklariert wurde. Wenn ein Inspektor also in ein Gebäude geht, um es zu überprüfen, darf er nicht links und rechts in die Nebengebäude schauen. Mit dem Zusatzprotokoll ist das aber möglich, damit haben Inspektoren das Recht, auch alle anderen Gebäude in der Nachbarschaft zu überprüfen. Da werden dann vor allem die Umgebungsproben genommen. "

Das neue große, heiße Thema der IAEO ist der Iran, den ebenfalls vor allem die USA verdächtigen, insgeheim Atomwaffen zu entwickeln. Immer wieder treffen in Wien Diplomaten der so genannten EU3 – Deutschland, Frankreich und Großbritannien – mit Vertretern aus Teheran zusammen. Bei den Treffen des Gouverneursrates, in dem Vertreter von 35 Staaten sitzen, ist immer Zeit für Gespräche am Rande. Journalisten aus aller Welt tummeln sich auf den halbkreisförmigen Gängen der IAEO – die mit viel Beton gebauten Hochhäuser in der Nähe des Wiener Donauufers erinnern in ihrem Grundriss an Atome und strahlen alles andere als Behaglichkeit aus. Die Atmosphäre ist häufig aufgeladen. Auf den Gängen herrscht ein reges Kommen und Gehen, Vertreter einzelner Staaten treffen sich am Rande, um gemeinsame Verhandlungsstrategien abzusprechen oder auch mal um einen kleinen Streit auszufechten. Da steht dann zum Beispiel der deutsche Botschafter mit einem iranischen Journalisten zusammen und erklärt, warum er einen Kompromiss mit dem Iran für schwierig hält, solange Teheran am vollen Brennstoffkreislauf festhält, und damit auch Material produziert, mit dem man Waffen bauen könnte. Gleichzeitig erklärt wiederum einer der Gesandten Teherans, Sirus Naseri, dem deutschen Reporter, warum Iran sich auf kein Angebotspaket der Europäer einlassen will, das von Iran den Verzicht auf den vollen Brennstoffkreislauf fordert.

"Unsere Position ist, dass ein solches Paket die nukleare Brennstoffproduktion beinhalten muss. Sonst können wir es nicht in Betracht ziehen. Im Iran haben wir die nötigen Anlagen, da ist viel Arbeit hineingesteckt worden während all der Jahre, als uns der Zugang zu Brennstoffen nicht zugestanden wurde. Jetzt sind die Anlagen da, die Technologie ist da, es geht nur darum, sie in Betrieb zu nehmen. Atomenergie wird eine prominente Rolle spielen innerhalb des nächsten Jahrzehnts. Alle Berechnungen weisen dahin, dass es einen Mangel an atomaren Brennstoffen geben wird und dass Bedarf für zusätzliche Produktion entsteht. Es gibt eine Bewegung, angeführt von den Vereinigten Staaten, dass diese zusätzliche Produktion nur einigen wenigen Ländern zugeordnet werden soll, im Prinzip denen, die Atomwaffen besitzen und noch einigen weiteren. Diese Haltung hat zum Zusammenbruch der Gespräche über den Nichtverbreitungsvertrag beigetragen, denn viele Länder lehnen das ab. Sie sind nicht bereit, sich bei etwas, das ein wesentlicher Teil der Energieproduktion auf globaler Ebene sein wird, von anderen abhängig zu machen. Sie hätten gerne eine Garantie, dass sie in der Lage sein werden, selbst zu produzieren, wenn die Versorgung knapp ist oder die Bedingungen diktiert werden. Iran wird sich sicher nicht von anderen abhängig machen. "

Diese Argumentation ist schwer zu widerlegen, sie wird auch von vielen Schwellenländern geteilt, die empfindlich reagieren, wenn sie das Gefühl haben, der Westen will sie dominieren. Tatsächlich ist es nach dem Atomwaffen-Sperrvertrag nicht verboten, ein ziviles Atomprogramm zu haben, das den gesamten Brennstoffkreislauf umfasst, das haben andere Staaten auch, etwa Japan oder Deutschland. Dabei werden auch die gefährlichen Materialien produziert, etwa Plutonium oder hoch angereichertes Uran, also Materialien, mit denen man theoretisch auch Bomben bauen könnte. Das will der Iran nicht, wie die Vertreter Teherans immer wieder beteuern:

"Absolut nicht! Es gab nie ein Atomwaffen-Programm im Iran, es gibt jetzt keins und wird auch nie eins geben. Dafür bieten wir alle Zusicherungen an, die unseren europäischen Gesprächspartnern und dem Rest der Welt ausreichendes Vertrauen und Sicherheitsgefühl garantieren. "

Das Vertrauen auch der Europäer ist aber deutlich erschüttert. Zu oft hat der Iran nachweislich Regeln der IAEO gebrochen und atomare Aktivitäten verschleiert oder verschwiegen. Die USA fordern, den Fall Iran vor den UN-Sicherheitsrat zu bringen. Das wollen auch die Europäer nicht mehr ausschließen, auf die Zusicherungen des unberechenbaren und gelegentlich aggressiven Regimes in Teheran wollen sie sich nicht mehr verlassen. Ihre Bedingung: Die Produktion von angereichertem Uran muss ausgelagert werden, zum Beispiel nach Russland. Das hieße aber, dass man eine Sonderregelung für den Iran findet, dass also dem Iran nicht erlaubt ist, was andere dürfen. Damit entsteht ein neues Problem, das wohl auf Dauer eine grundsätzliche Änderung der Regeln erfordert, erklärt IAEO-Sprecherin Melissa Fleming.

Im Sommer wurden die Verhandlungen mit dem Iran auf Eis gelegt, nachdem die so genannte Uran-Konversion in der Atomanlage in Isfahan wieder aufgenommen wurde, das ist die erste Stufe der Urananreicherung, bei der aus dem gelben Uranpulver, dem so genannten "yellow cake" Uranhexaflourid gemacht wird, ein Gas, das später in Zentrifugen so lange herumgeschleudert wird, bis sich das schwerere hoch radioaktive Uran vom schwächer strahlenden trennt. Es ist ein sehr aufwändiger Vorgang, dafür sind riesige Anlagen notwendig, die sich nicht verstecken lassen.

Iran hat auch schon eine Anlage für Zentrifugen, in Natanz, die ist zum Glück noch nicht in Betrieb. Aber die Konversionsanlage in Isfahan läuft wieder – demonstrativ öffneten Techniker in Schutzanzügen am 10. August ein großes schwarzes Fass, sie brachen die Siegel auf, die IAEO-Inspektoren angebracht hatten. Immerhin durften die IAEO-Kontrolleure zuschauen, erzählt Massimo Aparo, der für die Installation der Überwachungskameras zuständig ist. Wir haben sie gebeten zu warten, erklärt Aparo in seinem Labor, wo die blauen Überwachungskameras auf den Regalen liegen, solange bis wir unsere Kameras installiert hatten. Das haben sie getan. Zurzeit seien weltweit etwa 1000 Kameras im Einsatz, erklärt der Ingenieur. Sie machen in bestimmten Zeitabständen digitale Fotos – sie überwachen vor allem, wann und wo nukleares Material transportiert wird.

Alle paar Wochen oder Monate kommen dann die Inspektoren und schrauben die versiegelten Metallhauben auf, um die Speicherkarten zu entnehmen, wie Aparo in seinem Labor demonstriert. Die Bilder sind kodiert – die Inspektoren könnn sie dann an ihren Computern anschauen. Spezielle Programme filtern die interessanten Bilder heraus, sonst müssten die Inspektoren tagelang Zehntausende Bilder sichten, auf denen gar nichts zu sehen ist. Ingenieur Aparo hat auf einem seiner Labortische gerade die Einzelteile eines großen Messgerätes stehen – zusammengesetzt ergeben sie eine meterlange Metallröhre, die Bewegungen von atomaren Materialien unter Wasser registrieren sollen – auch dieses Gerät ist für den Iran bestimmt, für den Reaktor in Buschehr.


Der Fall Iran ist sicher eine erneute Bewährungsprobe für das System der IAEO. Vor allem werden die wichtigsten Mitgliedsstaaten, darunter besonders die Europäer und die Veto-Mächte des UN-Sicherheitsrates, ihr Vorgehen koordinieren müssen. Zwar hat die IAEO besonders unter ihrem Direktor Mohammed El Baradei eine starke unabhängige Stellung bewahrt, aber sie bleibt abhängig von den Weisungen ihrer Mitgliedsstaaten. Seinen Anteil am Nobelpreisgeld will Baradei für Waisenkinder in seiner Heimat Ägypten spenden. Dorthin will er auch zurückkehren, wenn er irgendwann doch einmal in Pension geht. Gerade im Sommer ist er erst für eine weitere Amtszeit ernannt worden – die dauert vier Jahre.

Aufgaben gibt es genug, auch ohne das Thema Iran: Die Gefahr von so genannten "Dirty bombs" etwa, also normalen Sprengsätzen, die Terroristen mit nuklearem Material bestücken könnten. Das gäbe zwar keine Atomexplosion, aber strahlendes Material auf einem öffentlichen Platz verstreut würde sicher beispiellose Panik auslösen. Der Friedens-Nobelpreis hat dem ohnehin fleißigen und energischen Ägypter jedenfalls erkennbar einen weiteren Schub gegeben. Der Preis werde ihn selbst und seine Kollegen in der Entschlossenheit bestärken, auch weiterhin die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie nicht allen gefällt, sagte Baradei, der sich von den USA nie den Mund verbieten ließ. Seine Arbeit und die seiner Behörde bleibt wichtig, da ist Baradei ganz selbstbewusst.

"Ich glaube, mit dem Preis wird auch die Gefahr Nummer eins anerkannt, der wir heute gegenüberstehen - das ist die Bedrohung der Verbreitung von Atomwaffen, die fortgesetzte Existenz von Tausenden Atomwaffen und die Möglichkeit von nuklearem Terrorismus. "

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