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StartseiteForschung aktuellAngst vor nuklearen Waffen01.04.2016

Atomgipfel in Washington Angst vor nuklearen Waffen

Nach Schätzungen der amerikanischen Regierung sind weltweit rund 2.000 Tonnen hochangereichertes Uran und waffenfähiges Plutonium nicht ausreichend gesichert. Damit haben Terrororganisationen leichten Zugriff auf Rohmaterial, aus dem "schmutzige Bomben" gebaut werden können. Auf dem Nukleargipfel in Washington sucht man nach Lösungen, um das Material noch besser zu schützen.

Von Dagmar Röhrlich

Ein großer Saal mit einem Tisch an dem Politiker beim Atomgipfel 2016 in Washington sitzen (imago/Agencia EFE)
Der Atomgipfel 2016 im Weißen Haus in Washington (imago/Agencia EFE)
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500 Kilogramm hochangereichertes Uran und Plutonium aus Japan sind zur sicheren Lagerung auf dem Weg in die USA. Auch einige andere Länder haben waffenfähiges Material beseitigt. Das sind Erfolge, die jetzt verkündet werden konnten. Denn zu den Zielen der Atomgipfel zählt nicht nur, die Nuklearwaffen selbst dem Zugriff von Terroristen oder Kriminellen zu entziehen. Auch waffenfähiges Material soll keinesfalls in falsche Hände gelangen. Eine andere Erfolgsgeschichte:

"Obwohl Russland diesmal nicht am Gipfel teilnimmt, hat sich die atomare Sicherheit dort stark verbessert. Mit dem Kollaps der Sowjetunion war auch die Sicherung des Nuklearmaterials zusammengebrochen: Es gab Löcher in Zäunen und mangels Detektoren hätte man Plutonium in der Aktentasche herausschaffen können."

Das gehe inzwischen nicht mehr, sagt Matthew Bunn vom Belfer Center for Science and International Affairs an der Harvard University. Doch dieser Erfolg ist nur ein Teil der Geschichte. Das Gesamtbild ist weniger positiv, auch in Russland. Dort sei beispielsweise die Korruption im Nuklearbereich groß, es gebe organisiertes Verbrechen und der islamische Extremismus breite sich aus. Das Land, in dem am ehesten komplette Atomwaffen gestohlen werden könnten, ist wohl Pakistan:

"Pakistan hat zwar nur einen kleinen Bestand an Nuklearwaffen, aber es ist der am schnellsten wachsende der Welt. Außerdem gibt es im Land Terroristen, die bereits bewiesen haben, dass sie auch schwer bewachte Ziele angreifen - wie etwa das Hauptquartier des pakistanischen Militärs."

Plutonium und Uran vielerorts nicht ausreichend gesichert

Wahrscheinlicher als der Diebstahl fertiger Waffen ist jedoch der des Rohmaterials. Weltweit, so schätzt das Weiße Haus, sind rund 2000 Tonnen hochangereichertes Uran und waffenfähiges Plutonium im militärischen oder zivilen Bereich nicht ausreichend gesichert. Damit ließen sich Atombomben bauen - oder "schmutzige Bomben": also konventionelle Sprengsätze, die radioaktives Material in der Umgebung verteilen. Vor allem der zivile Bereich bereitet Kopfschmerzen, findet auch Nuklearexperte Tom Bielefeld:

"Manche Forschungsreaktoren sowie Reaktoren, die medizinische Isotope produzieren, arbeiten mit hochangereichertem Uran. Sie sind längst nicht so gut gesichert wie die Atomwaffen. Deshalb sollten diese zivilen Anlagen so umgebaut werden, dass sie kein waffenfähiges Material mehr benötigen."

Zwar erklärte sich etwa Belgien prinzipiell zu einem solchen Umbau bereit, doch aufgrund technischer Probleme stockt der Versuch, erklärt Tom Bielefeld. Er ist unabhängiger Nuklearexperte und hat in Harvard unter anderem zum Nuklearterrorismus geforscht.

"Obwohl es für jede Terrororganisation schwierig wäre, in den Besitz von Nuklearmaterial zu gelangen oder eine Waffe zu bauen, haben es zwei bereits versucht. So hat sich die japanische Aum-Terrorsekte - vor ihrem Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn - in den 1990er Jahren erfolglos darum bemüht, an hochangereichertes Uran oder einen nuklearen Sprengkörper zu kommen. Auch Al Qaida gab viel Geld dafür aus, ohne Erfolg - soweit wir wissen."

Terrororganisationen zeigen großes Interesse an Nuklearprogrammen

Allerdings war das Atomprogramm Al Qaidas so weit fortgeschritten, dass sie in der afghanischen Wüste erste Tests mit konventionellem Sprengstoff durchgeführt hätten, erklärt Matthew Bunn:

"Wir wissen nicht, ob die Terrororganisation IS ein Nuklearprogramm verfolgt. Die Ereignisse in Belgien lassen vermuten, dass es möglich ist. Falls die Terroristen dieses Interesse wirklich entwickeln, haben sie mehr Geld, mehr Leute und mehr Land zur Verfügung als Al Qaida. Nebenbei bemerkt: Wir haben seit zehn Jahren keine Ahnung, wo der Chef des Nuklearprogramms von Al Qaida ist oder was er tut."

Und weil die Gefahr, die von Terroristen und schmutzigen Bomben ausgeht, heute keinesfalls geringer ist als früher, ist derzeit vor allem eines zu regeln: wie es weitergeht. Die Idee: Fünf internationale Organisationen, darunter die Internationale Atomenergiebehörde IAEO, sollten das Thema künftig im Rahmen ihrer Konferenzen weiter verfolgen, damit es nicht in der Versenkung verschwindet. Denn inzwischen ist noch eine andere Gefahr offensichtlich geworden: Terrorangriffe auf Atomkraftwerke.

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