Samstag, 28. Mai 2022

Nach Russlands Invasion
Sorge um Atomanlagen in der Ukraine - wie es um Saporischschja und Tschernobyl steht

Der Kontakt zur Atomruine von Tschernobyl war zeitweise abgebrochen, auch zum ukrainischen AKW Saporischschja hatte die Internationale Atomenergie-Behörde IAEA zwischenzeitlich keinen Kontakt mehr. Wie die Lage derzeit zu beurteilen ist.

15.03.2022

Eine Luftaufnahme des Atomkraftwerks vom 8.3.2022. Die Reaktorblöcke sind zu sehen.
Die Atomenergiebehörde IAEA hat die Verbindung zu den Überwachungssystemen zum größten europäischen Atomkraftwerk in der Ukraine, Saporischschja, verloren. (IMAGO/SNA)

Saporischschja

Die russische Aggression gegen die Ukraine macht auch nicht vor den Atomkraftwerken des Landes halt. Auch das Gelände von Saporischschja, auf dem das größte AKW in Europa steht, wird wiederholt Ziel von russischen Attacken. Saporischschja liegt im Südosten der Ukraine - direkt am Fluss Dnipro nahe der Stadt Enerhodar. Das Kernkraftwerk ist seit 1984 in Betrieb, verfügt über sechs Blöcke sowjetischer Bauart und versorgt normalerweise fast den ganzen Süden der Ukraine mit Energie.
Der ukrainische Atomkraftbetreiber Enerhoatom meldete der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA nun, das Atomkraftwerk stehe "unter der Kontrolle des Befehlshabers der russischen Streitkräfte", teilte die Behörde mit. Der russische Staatskonzern Rosatom dementierte dagegen im Austausch mit der IAEA, die operationelle Kontrolle übernommen zu haben.
Bei einem ersten Angriff auf das Kraftwerk Anfang März war es zu einem Brand auf dem Kraftwerksgelände gekommen. Wie der Leiter der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA), Rafael Grossi, mitteilte, sind inzwischen zwei der vier Hochspannungsleitungen, die das Kraftwerk betreiben, beschädigt. Der Strombedarf des AKW kann aber wohl weiter gedeckt werden. Dieselgeneratoren stehen zusätzlich bereit, um eine Notstromversorgung zu gewährleisten. Die Ukraine hatte die IAEA bereits früher darüber informiert, dass das reguläre Personal das Kraftwerk Saporischschja weiterhin betreibt und seiner Arbeit nachgeht, dass aber die Leitung des Kraftwerks unter der Kontrolle des Kommandanten der russischen Streitkräfte vor Ort stehe. Mindestens 11 Vertreter des russischen Staatsunternehmens Rosatom seien ebenfalls vor Ort, ohne in den Betrieb der kerntechnischen Anlagen einzugreifen. Generaldirektor Grossi hat wiederholt betont, dass die derzeitige Situation gegen eine der sieben unverzichtbaren Säulen der Aufsichtsbehörde verstoße, nämlich dass das Betriebspersonal in der Lage sein muss, seine Aufgaben im Bereich der Sicherheit zu erfüllen, und dass sie Entscheidungen ohne unangemessenen Druck treffen können müsse.
Problematisch ist nach wie vor, dass die Datenfernübertragung der von der IAEA installierten Überwachungsanlagen in Saporischschja weiterhin nicht funktioniert.
Warum ist diese Verbindung so wichtig? Grossi erklärt das so: "Die Fernübertragung von Daten aus den IAEA-Überwachungsanlagen an Nuklearstandorten auf der ganzen Welt ist ein wichtiger Bestandteil unserer Überwachungsmaßnahmen. Die Datenleitungen ermöglichen es uns, Kernmaterial und Aktivitäten an diesen Standorten zu überwachen, wenn unsere Inspektoren nicht anwesend sind". Grossi nahm deswegen auch an den russisch-ukrainischen Verhandlungen in Antalya teil. "Ich hoffe, dass wir in der dringenden Frage der Gewährleistung der Sicherheit der ukrainischen Atomanlagen vorankommen werden", schrieb er auf Twitter.
Erhöhte Strahlenwerte sind aus dem AKW Saporischschja bislang nicht gemessen worden.
Sollte es dort zu einem Stromausfall kommen, würden zunächst Notstromaggregate anspringen, um die Kühlsysteme für einige Tage am Laufen zu halten. Wenn die Kühlung dann allerdings versagen sollte, würde im schlimmsten Fall ein Szenario drohen wie in Fukushima.
Für die Menschen in Deutschland sähe das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) allerdings selbst in diesem Fall keine unmittelbare Gefahr. "Die Auswirkungen für Deutschland wären gering", sagte Florian Gering, Leiter der Abteilung Notfallschutz des Bundesamtes, im Gespräch mit der "Welt". Das BfS habe die Gefahrenlage analysiert. Im Ministerium für Umweltschutz und nukleare Sicherheit sehe man daher derzeit keinen Anlass für Vorsorgemaßnahmen. Im Gegenteil, Gering wies darauf hin, dass beispielsweise Jodtabletten nicht präventiv eingenommen werden sollen. Eine Selbstmedikation berge erhebliche gesundheitliche Risiken, habe aktuell aber keinerlei Nutzen.
Zuletzt hatten Apotheken über eine gestiegenen Nachfrage nach Jodtabletten wegen des Ukraine-Krieges berichtet. Derzeit werde alles gekauft, was Jodid enthalte, sagte beispielsweise der Vorsitzende des Apothekerverbands Nordrhein, Preis. Zwischenzeitlich waren solche Präparate ausverkauft. Hersteller und der Großhandel seien auf die große Nachfrage nicht vorbereitet gewesen, führte Preis aus: Unter den Lieferengpässen leide nun die Regelversorgung von Patienten, die wegen Schilddrüsenerkrankungen Jodid benötigten.

Tschernobyl

Auch die Atomruine von Tschernobyl befindet sich unter russischer Kontrolle. Nach dem verheerenden Atomunfall von 1986 werden dort vor wenigen Tagen radioaktive Abfälle in großen, mit Wasser gefüllten Kühlbecken gelagert. Kurz nach dem russischen Angriff waren erhöhte Strahlenwerte gemessen worden - verantwortlich dafür war aber wohl die Bewegung von militärischem Gerät wie Panzern, die Staub aus dem nach wie vor kontaminierten Boden aufgewirbelt hatten. Dass es dort zu einem Stromausfall gekommen ist, dürfte zumindest unmittelbar keine dramatischen Folgen haben, da alle Reaktoren seit über 20 Jahren außer Betrieb sind.
Eine Luftaufnahme aus dem Februar 2022 von der Schutzhülle am ehemaligen Atomkraftwert in Tschernobyl.
Seit dem 9.3. kommt kein Strom mehr in Tschernobyl an (imago images/ITAR-TASS)
Inzwischen ist das Kraftwerk wohl wieder am Netz: Die externe Stromversorgung sei wiederhergestellt worden sei und das Personal des KKW Tschernobyl habe den Betrieb wieder aufgenommen.
Insgesamt ist die Situation in den beiden ukrainischen Atomkraftwerken zwar Anlass zur Sorge, eine unmittelbare Bedrohungslage sehen Fachleute allerdings nicht. Dennoch hat sich die ukrainische Atombehörde gemeinsam mit dem Energieministerium in einem Brief an die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) gewandt. Darin fordern sie die Einrichtung einer Überwachungsmission an den kerntechnischen Anlagen der Ukraine. Die Außenminister der G7-Staaten haben Russland ebenfalls aufgefordert, seine Angriffe im unmittelbaren Umfeld der ukrainischen Atomkraftwerke einzustellen.