Donnerstag, 11. August 2022

Debatte um Atomkraft
Isar 2 muss weiterlaufen!

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder macht sich für den Weiterbetrieb der deutschen Atomkraftwerke stark - das sei in Bayern auch nötig, kommentiert Dlf-Korrespondent Michael Watzke. Zumindest übergangsweise. Darauf zu verzichten, während Putin den Gashahn zudrehe, sei nur mit purer Ideologie zu erklären.

Ein Kommentar von Michael Watzke | 26.07.2022

Das Kernkraftwerk Isar 2 in Bayern
Es brauche den Strom, den Isar 2 produziert, meint Michael Watzke. (pa/blickwinkel/Luftbild Bertram)
Wladimir Putin ist ein menschenverachtender Diktator, der sein Nachbarvolk als Geisel nimmt und sein eigenes für Jahrzehnte zum Paria macht. Aber eines muss man Putin lassen: seine zynische Strategie deckt schonungslos die kleinen und großen Scheinheiligkeiten der deutschen Politik auf. Zum Beispiel: nicht für die eigene Sicherheit sorgen zu können, aber sich über die Amerikaner zu beschweren. Oder: sich von russischem Gas abhängig zu machen, obwohl das kriegslüsterne Russland seit vielen Jahren auf dem Weg in den Faschismus ist.

Zeit für eine Korrektur der Scheinheiligkeit

Lebenslüge Nummer 3: Klimaneutralität predigen – und aus der Atomenergie aussteigen.

Es wird Zeit, diese Scheinheiligkeit zu korrigieren. Drei Atomkraftwerke laufen noch in Deutschland – sie Ende des Jahres abzuschalten, in der jetzigen Situation, wäre töricht hoch drei.

Deshalb hat Markus Söder Recht, wenn er den Weiterbetrieb des letzten bayerischen Reaktors Isar 2 bei Landshut fordert. Der CSU-Chef wäre noch ein wenig glaubwürdiger, wenn er nicht 2011 – nach Fukushima – als damaliger bayerischer Umweltminister den Atomausstieg vehementer gefordert hätte als das gesamte bayerische Kabinett inklusive Horst Seehofer.

Isar 2 produziert 10 Prozent des bayerischen Stromverbrauchs

Egal: Isar 2 muss weiterlaufen!

Denn erstens brauchen wir den Strom. Isar 2 produziert etwa 10 Prozent des gesamten Stromverbrauchs in Bayern. Darauf zu verzichten, während Putin den Gashahn zudreht, ist nur mit purer Ideologie zu erklären. Das Argument, wir hätten eine Gas-Krise, keine Strom-Krise, ist ein Schein-Argument. Denn Gas und Strom sind keine getrennten Gefäße, wie Grünen-Chefin Ricarda Lang ständig behauptet. Es sind kommunizierende Röhren. Bayern etwa erzeugt jedes Jahr bis zu zehn Prozent seines Stroms aus Gas. Vor allem dann, wenn erneuerbare Energien nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Hinzu kommt: man kann auch mit Strom heizen. Ist zwar nicht sehr effizient, aber besser, als wegen Gasknappheit zu frieren.

Deutschland betreibt die sichersten Meiler

Zweitens: überall in Europa laufen Kernkraftwerke. Keiner unserer Nachbarn steigt aus der Atomkraft aus. Und ausgerechnet Deutschland, das die nachweisbar sichersten Meiler betreibt, zieht den Stecker? Das kann nur verstehen, wer eine geradezu panische Angst vor moderner Technik hat. Wissenschaftlich ist dieser Schritt nicht zu begründen. Auch das Argument Atommüll überzeugt nicht: denn der Müll ist ja schon da. Er steht - in Castoren verpackt - auf dem Gelände des AKW Isar-2. Für diesen Müll müssen wir so oder so ein Endlager finden. Ob noch ein paar Castoren dazukommen, weil Isar-2 nächstes Jahr weiterläuft, macht keinen Unterschied.

Münchner Grüne fordern erneute Bewertung von möglichem Streckbetrieb bei Isar-2

Drittens: wenn wir die Klima-Katastrophe verhindern wollen, brauchen wir die Atomkraft. Zumindest übergangsweise. Es ist kaum zu fassen, dass Robert Habeck, der Bundes-Energieminister, lieber Kohlekraftwerke anschaltet als die Kernkraft zu verlängern. Das ist nur mit Habecks Angst vor der eigenen grünen Basis zu erklären. Aber politischer Mut, den Habeck so oft betont, würde bedeuten, gegen die eigene Basis zu entscheiden und ihr zu erklären warum. In München sind die Grünen schon etwas weiter, sie halten es zumindest für geboten, dass die Bundesregierung einen Streckbetrieb von Isar II erneut bewertet.*

Schnelle Entscheidung für Energie-Konzerne nötig

Die Entscheidung dafür muss bald fallen. Die Energie-Konzerne brauchen Vorlaufzeit. Sie sind alles andere als begeistert von der Wiederentdeckung der Kernkraft: RWE, Vattenfall und Preussen-Elektra hatten das Kapitel abgeschlossen. Der Rücktritt vom Rücktritt bedeutet für sie Stress, Kosten und eine erneute Image-Korrektur. Aber ehrlich gesagt: seit wann hätten wir Mitleid mit Stromkonzernen?
*An dieser Stelle haben wir eine falsche Formulierung korrigiert.
Michael Watzke
Michael Watzke, geboren 1973 in Remscheid, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Er studierte Politik und Soziologie in München und Washington DC. Nach Stationen bei SZ und BILD arbeitete er als Chefreporter für Antenne Bayern. 2003 gewann er den Axel-Springer-Preis. Danach Ausbildung an der Drehbuch-Werkstatt der HFF München. Als Autor des TV-Dramas "Das letzte Stück Himmel" (Regie: Jo Baier) erhielt er den Robert-Geisendörfer-Preis und war für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Arbeit als Regisseur und Produzent. Seit 2010 berichtet er für Deutschlandradio als Bayern-Korrespondent aus München.