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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas nukleare Wettrüsten hat längst begonnen15.11.2020

Atomwaffen im Nahen Osten Das nukleare Wettrüsten hat längst begonnen

Teheran arbeite offenbar weiter an seinem Atomprogramm – und auch das Wettrüsten im gesamten Nahen Osten habe längst begonnen, kommentiert Gerwald Herter im Dlf. Das Bemühen, nukleare Waffentechnik einem kleinen Kreis auserwählter Staaten vorzubehalten, sei gescheitert.

Von Gerwald Herter

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Blick auf das iranische Atomkraftwerk Buscher. (picture alliance / TASS)
Kernreaktorbau als erster Schritt? In der gesamten Region gibt es einen großen Boom der Atomenergie (hier eine Anlage im iranischen Buscher). (picture alliance / TASS)
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Trotz aller Widerstände, trotz Corona, der Not vieler Menschen und einer generell sehr schwierigen Versorgungslage im Iran: Teheran arbeitet weiter an seinem Nuklearprogramm. Im Umfeld der Internationalen Atomenergiebehörde ist in dieser Woche ein vertraulicher Bericht aufgetaucht, der daran keinen Zweifel lässt: Iranische Ingenieure haben besonders effektive Zentrifugen betriebsbereit gemacht – und zwar in unterirdischen Bunkern, die durch meterdicke Beton-Decken gegen Angriffe geschützt sein dürften. Mit den neuen Zentrifugen, die noch nicht laufen sollen, lässt sich Uran schneller anreichern, um so noch rascher und einfacher atomwaffenfähiges Uran zu gewinnen.

Eines nicht allzu fernen Tages könnte das dazu führen, dass Iran tatsächlich Atomwaffen besitzt oder aber zuvor Israel Luftangriffe gegen iranische Anlagen fliegt - mit oder ohne amerikanische Unterstützung. 

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So dystopisch das klingen mag: Zu diesem Negativszenario sind längst andere hinzugekommen, die noch schlimmer sein könnten. Der Fallout des iranischen Atomprogramms ist längst zu messen, weniger mit dem Geigerzähler, sondern psychologisch und politisch. Das iranische Programm wirkt weit über die Landesgrenzen hinaus - bis hinein in die Türkei und vor allem die arabische Welt. Fachleute warnen vor einem nuklearen Wettrüsten im Nahen und Mittleren Osten. Genau genommen hat es längst begonnen, dazu genügt ein Blick auf die Weltkarte: Indien ist sogar von den USA als Atommacht anerkannt worden, Pakistan grenzt direkt an den Iran und verfügt ebenfalls über Atomwaffen, Israel sowieso. 

Der Bauboom ist höchst auffällig

Hinzu kommt ein bemerkenswerter Boom der Atomenergie und, im ersten Schritt, des Kernreaktorbaus in der gesamten Region. Daraus zu folgern, dass sich zwingend Kernwaffenprogramme anschließen, wäre zwar vorschnell, aber der Bauboom ist höchst auffällig. Das gilt besonders für Golfstaaten, die Erdöl und -gas in alle Welt exportieren und sich um ihre Energieversorgung eigentlich keine Sorgen machen müssen. 

Die Vereinigten Arabischen Emirate haben vor einigen Monaten den ersten von vier Kernreaktoren in Betrieb genommen und damit das Rennen in der arabischen Welt gewonnen. Saudi-Arabien will die Emirate aber bald überholen und in den nächsten Jahren 20 Reaktoren in Betrieb nehmen. Schon in der Vergangenheit gab es Gerüchte über saudische Kontakte zu Pakistan, mit dem Ziel, an Kernwaffentechnik zu gelangen.

2018 machte Kronprinz Mohammed bin Salman in einem Interview deutlich, dass sein Land zwar keine Atomwaffen wolle, sich das aber "so schnell wie möglich" ändern werde, wenn Iran die Bombe habe. Zu den Staaten, die Atomkraftwerke planen, gehört auch Ägypten. Die Türkei hat schon im Frühjahr 2018 mit dem Bau eines Kraftwerks begonnen. Der türkische Präsident Erdogan sagte vor gut einem Jahr, dass es nicht zu akzeptieren sei, wenn man der Türkei das Recht verweigern wolle, Kernwaffen zu besitzen.  

Iran ist viele große Schritte weiter. 

Das Land verfügt nicht nur über einige gut gesicherten Nuklearanlagen, sondern wahrscheinlich auch über das Know-how für den Bau von Sprengköpfen sowie über weitreichende Raketen. 

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Iran und die USA befinden sich in einer Eskalationsspirale. Ihr Verhältnis ist derzeit angespannt wie lange nicht mehr. Der Konflikt beider Staaten um Öl, Unabhängigkeit und strategischen Einfluss reicht bis in die 1950er-Jahre zurück.

Trotzdem hatte die iranische Führung 2015 ein Abkommen unterschrieben, das sie davon abhalten sollte, militärische Optionen des Nuklearprogramms zu verfolgen. Im Gegenzug sicherten die USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Russland und China zu, Sanktionen zu lockern. 

Unter Präsident Trump zogen sich die USA 2018 aus dem Abkommen zurück. Seitdem versucht Teheran durch gezielte Verstöße dagegen, den Druck auf die verbliebenen Vertragspartner immer weiter zu erhöhen. Noch ist das also eine kalkulierbare Eskalation in diesem kleineren Rahmen, aber wie lange noch?

Wenn die Bundesregierung tatsächlich realisiert haben sollte, dass der gewählte amerikanische Präsident Biden von Deutschland verlangt, international eine größere Rolle zu spielen, so wäre es überflüssig, noch lange danach zu suchen. Bei den Verhandlungen über das Abkommen mit dem Iran hatten sich deutsche Diplomatinnen und Diplomaten bereits verdient gemacht. Jetzt gilt es durchzustarten. Biden hat signalisiert, dass die USA wieder einsteigen könnten.    

Das Feld möglicher Aktivitäten ist aber größer geworden, auch für die Bundesregierung. Das Bemühen, nukleare Waffentechnik einem kleinen Kreis auserwählter Staaten vorzubehalten, ist gescheitert, auch das zeigt die Situation im Nahen und Mittleren Osten. Bestehende Verträge, wie der Sperrvertrag, reichen längst nicht mehr aus. Das Beispiel Nordkoreas zeigt, wie Atomwaffen zu einer Lebensversicherung für Diktatoren werden und zu einer Bedrohung für die Welt, die dem Klimawandel nicht nachsteht.

Gerwald Herter (Deutschlandradio - C. Kruppa)Gerwald Herter (Deutschlandradio - C. Kruppa)Gerwald Herter studierte Geschichte und Internationale Beziehungen in München und Straßburg. Tätigkeit im Institut für Zeitgeschichte, freie Mitarbeit bei ARTE und beim ARD-Fernsehen. Volontariat beim Bayerischen Rundfunk. BR-Korrespondent zunächst in Bonn, dann in Brüssel, anschließend Leiter des ARD-Studios Südosteuropa, später ARD-Terrorismusexperte. Seit 2011 in der Abteilung Hintergrund des Deutschlandfunks, Schwerpunkt Europa- und Internationale Politik.

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