Mittwoch, 16.10.2019
 
Seit 14:00 Uhr Nachrichten
StartseiteSprechstundeSchutz gegen Kurzsichtigkeit01.10.2019

Atropin-AugentropfenSchutz gegen Kurzsichtigkeit

Kurzsichtigkeit entsteht schon bei Kindern im Grundschulalter - und verschlimmert sich durch künstliches Licht und Nahsehen, vor allem an Computer und Smartphone. Atropin gilt schon lange als Mittel gegen Kurzsichtigkeit, inzwischen haben Forscher auch die unerwünschten Nebenwirkungen beseitigt.

Von Christina Sartori

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eine Frau nimmt Augentropfen (Imago/ Peter Widmann)
Für die Behandlung einer Kurzsichtigkeit gibt es nun einen neuen Ansatz: Atropin-Augentropfen (Imago/ Peter Widmann)
Mehr zum Thema

Kurzsichtigkeit bei Kindern Mit einfachen Mitteln Schlimmeres verhindern

Kurzsichtigkeit bei Kindern Weniger Computer, mehr frische Luft

Wenn Schüler nicht mehr erkennen, was Lehrer an die Tafel schreiben, leiden sie wahrscheinlich an einer Kurzsichtigkeit. Bis zum Ende der Grundschulzeit sind 15 von 100 Kindern davon betroffen, bis zum 25. Lebensjahr jeder Dritte. Atropintropfen könnten dagegen schützen.

Im Prinzip ist Kurzsichtigkeit ein Wachstumsfehler: Sie entsteht, wenn das Auge nicht in die richtige Länge wächst, erklärt Professor Claus Cursiefen, Direktor des Zentrums für Augenheilkunde an der Uniklinik Köln.

"Das Auge hat eine ganz definierte Augenlänge, was dazu führt, dass was wir in der Umgebung sehen, ganz scharf auf die Netzhaut, auf den Punkt des schärfsten Sehens fokussiert wird. Und wenn dieses Augenlängenwachstum durch irgendwelche Faktoren gestört wird, wird das Auge zu lang im Falle der Kurzsichtigkeit, dann wird das Bild eben nicht sehr scharf gesehen, sondern unscharf."

Schüler hält im Unterricht ein Handy in den Händen  (dpa/Jens Kalaene) (dpa/Jens Kalaene)Digitalisierung und Bildung - Besser lernen mit Smartphone und Social Media?
Zu Beginn des Gymnasiums wäre Benjamin Hadrigan fast durchgefallen, nur studiert er parallel zur Schule – als Schlüssel seines Erfolgs nennt er Smartphone und Social Media. Die Erkenntnisse der Medienpädagogin Paula Bleckmann zeigen etwas ganz anderes, wie sie im Dlf-Gespräch mit Hadrigan erläutert.

Umweltfaktoren verstärken Kurzsichtigkeit

Kurzsichtigkeit entsteht während der Kindheit, meist im Grundschulalter, und verschlechtert sich von Jahr zu Jahr, bis zum Alter von etwa 20 Jahren. Kinder, deren Eltern kurzsichtig sind, haben ein höheres Risiko, selber später eine Brille tragen zu müssen. Aber auch Umweltfaktoren beeinflussen das Risiko, sagt Claus Cursiefen: Zu wenig Tageslicht und zu viel Nahsehen fördern Kurzsichtigkeit. Er empfiehlt daher.

"Das, was man früher schon gesagt hat: Man soll nicht im Dunkeln unter der Bettdecke lesen, das ist in der Tat wohl so, die Nahtätigkeit ist nicht gut. Und man soll möglichst viel draußen sein, weil Umweltlicht - das muss nicht gleißendes Sonnenlicht sein - Umweltlicht dazu führt, dass das Augenwachstum synchronisiert wird und es gibt Studien, die zeigen, wenn man Kinder zwei Stunden am Tag nach draußen befördert, ins Freie bringt, dass sich dadurch die Entwicklungschancen einer Kurzsichtigkeit halbiert."

Atropin-Tropfen gegen Kurzsichtigkeit

Für die Behandlung einer Kurzsichtigkeit gibt es nun einen neuen Ansatz: Atropin-Augentropfen. Sie bremsen die Entwicklung einer Kurzsichtigkeit ab, berichtet Prof Wolf Lagrèze von der Klinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg.

"Das hilft relativ gut. Man kann damit das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit um etwa 50 Prozent mindern. Das heißt, wenn ein Erwachsener vielleicht bei zehn Dioptrien ist und als Kind und Jugendlicher getropft hätte, dann wäre er vielleicht bei fünf statt zehn Dioptrien - und das ist natürlich ein beträchtlicher Gewinn. Nicht nur an Lebensqualität, sondern weil er auch ein geringeres Risiko hat, später im Leben an anderen Augenerkrankungen zu erkranken."

Eine Lesebrille liegt auf einem Buch (picture alliance / dpa / Jens Kalaene) (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)LABOR: Kurzsichtigkeit - Mehr Brillen bei mehr Bildung
Ein Stereotyp taucht in vielen Filmen, Büchern und Bildern auf: Eine Brille signalisiert, dass der Brillenträger besonders intelligent oder gebildet ist. Wie sich jetzt zeigt, liegt das Klischee gar nicht so falsch. Es gibt tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Bildung und Kurzsichtigkeit.

Denn Menschen, die stark kurzsichtig sind, haben später im Leben ein erhöhtes Risiko für grauen Star, grünen Star, Makuladegeneration und Netzhautablösung. Eigentlich weiß man schon seit 100 Jahren, dass Atropin einer Kurzsichtigkeit entgegenwirkt - doch bisher wurden die Tropfen nicht eingesetzt, weil die Nebenwirkungen zu störend waren, erläutert Wolf Lagrèze.

"Potenzielle Nebenwirkungen von Atropin sind, dass die Pupille aufgeht. Die Pupille wird weit, man wird lichtempfindlich, kann nicht mehr in die Nähe fokussieren, akkommodieren, das heißt: man kann nicht so gut lesen."

Nebenwirkungen ausgeschaltet

Doch Forscher in Singapur fanden vor wenigen Jahren die Lösung: Sie verdünnten die Atropintropfen, die bisher nur nach Operationen, Verletzungen und Entzündungen am Auge eingesetzt wurden, genauso stark, dass die Nebenwirkungen nicht mehr störten - aber dass die Tropfen immer noch die Entwicklung der Kurzsichtigkeit abbremsten.

"In der Konzentration von 0,01 Prozent, wie das jetzt von Augenärzten weltweit immer mehr eingesetzt wird, spielen diese Nebenwirkungen fast keine Rolle, sie liegen im Bereich von einem, maximal zwei Prozent bei unseren Patienten in Freiburg. Und sollte das tatsächlich auftreten, kann man die Therapie immer noch beenden, ohne dass ein Schaden entstanden ist."

Zwei asiatische Studien erbrachten solide wissenschaftliche Beweise, dass diese Therapie wirkt und keine gefährlichen Nebenwirkungen mit sich bringt. Doch noch fehlt der Beweis, dass dies auch für nicht-asiatische Populationen gilt - daher startet demnächst in Deutschland eine entsprechende Studie. Bis dahin erfolgt der Einsatz von Atropin-Tropfen gegen Kurzsichtigkeit nur als "off label use" und wird nicht von den Krankenkassen erstattet.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk